https://www.faz.net/-gsb-8mgeo

TV-Kritik: Anne Will : Maß und Mitte

ARD-Moderatorin Anne Will Bild: dpa

Seltener Moment im deutschen Talk-TV: Bei Anne Will siegt Vernunft über Hysterie. Von letzterer gab es rund um Festnahme und Selbstmord des mutmaßlichen Terroristen Jaber Albakr schon viel zuviel.

          4 Min.

          „Der Fall Albakr – Ist der Staat dem Terror gewachsen?“, lautete das Thema bei „Anne Will“, das sich im Grunde mit einem schlichten „Ja!“ hätte beantworten lassen, weil ja ein mutmaßlich großer Terroranschlag in Deutschland verhindert wurde. Doch so einfach ist es natürlich nicht, und zu Beginn wuchs kurz die Befürchtung, dass diese Talkshow weitermachen würde mit den in der vergangenen Woche zuhauf gehörten Anklagen und auch der Schadenfreude über die ach so vertrottelten Sachsen, die mal wieder gar nichts hinkriegen und aus denen ja mehr oder minder immer auch ein „Zum Glück hat’s uns nicht getroffen“, vor allem aber auch viel Naivität und Unwissenheit herauszuhören war.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Dass dann im Laufe der Sendung jedenfalls die Mehrzahl der Gäste dazu beitrug, die Debatte zu versachlichen und man sogar noch etwas lernen konnte, war schon ein außerordentlich seltener und bemerkenswerter Moment im deutschen Talkfernsehen. Natürlich versuchte Anne Will zu Beginn, Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow zu stellen. Der aber war nach seiner wenig schmeichelhaften Vorstellung vom Donnerstag, als ihn Marietta Slomka im „Heute Journal“ zerlegte, diesmal vorbereitet. Der Justizvollzug habe rechtsstaatlichen Prinzipien zu folgen, gerade auch bei Terrorverdächtigen, lautete Gemkows Kernaussage. Auch in diesem Fall sei die Einschätzung der Fachleute und insbesondere der Gefängnispsychologin, die bei Albakr keine akute Suizidgefährdung gesehen hatten, entscheidend gewesen.

          Kein sächsisches Guantanamo

          Die Unterbringung in einem sogenannten besonders gesicherten Haftraum, der Suizid erschwere, aber keinerlei Privatsphäre biete, hätte bei einer solchen Prognose Willkür bedeutet, sagte Gemkow. „Und ich werde keine Maßnahme anordnen, die den Boden des Grundgesetzes verletzt.“ Das sei ja ein ehrenhaftes Verhalten, erwiderte Will, „aber doch nicht in so einem speziellen Fall?“ Kurzzeitig fürchtete man, die Moderation fordere jetzt so etwas wie Guantanamo für Fälle wie Albakr, aber da versicherte Gemkow abermals, dass es in Sachsens Gefängnissen keine Sonderbehandlung für Gefangene gebe.

          Dabei mogelte sich der Minister jedoch ungestraft um die Frage herum, warum er nicht persönlich der Gefängnisleitung die Brisanz dieses Gefangenen verdeutlicht habe. „Sitzwache“, rief da Katja Kipping ein Wort in die Runde, das auch sie offenbar erst diese Woche gelernt hatte, und da war dann selbst Anne Will verwundert: Die Vorsitzende der Linkspartei fordert eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung Gefangener ohne jede Privatsphäre? Aber darum ging es Kipping gar nicht. Vielmehr wollte sie, die aus Dresden stammt, jetzt eine Sachsen-Debatte eröffnen. Sie erklärte, dass Stanislaw Tillich die Verantwortung trage und dass sie erwarte, „dass so jemand mal abgewählt wird“.

          So verständlich dieser Wunsch nicht nur aus Sicht der Linkspartei auch sein mag, verfehlte er an diesem Abend das Thema komplett, zumal sich die anderen Teilnehmer da längst auf eine sachliche Diskussion über den Umgang mit Terroristen geeinigt hatten. Das war insofern wohltuend, als es der Hysterie der vergangenen Tage Vernunft entgegensetzte und nicht wieder mal alles mit allem vermengt wurde. Es war dann auch nicht Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, sondern der Journalist Georg Mascolo, der auf etwas hinwies, was in der Debatte um den Suizid Albakrs häufig untergeht, nämlich auf den „außerordentlichen Erfolg der Sicherheitsbehörden“, die einen offenbar unmittelbar bevorstehenden Anschlag verhindert haben. An Verfassungsschutz und Polizei gebe es ja oft etwas zu kritisieren, sagte Mascolo. „Aber in diesem Fall nicht.“

          Weitere Themen

          Die Kunst der Spurensicherung

          „NSU-Watch“ : Die Kunst der Spurensicherung

          Im Prozess gegen den Attentäter von Halle kann die Justiz ihren Gegenstand nicht erfassen: die gefährliche rechte Online-Kultur. Eine Künstlerin, die den Anschlag miterlebt hat, hilft, den Terror zu entschlüsseln.

          Topmeldungen

          Es sieht so aus, dass amerikanische Nutzer Tiktok auch weiterhin aufrufen können.

          Trump ist einverstanden : Neuer Deal soll Tiktok in Amerika retten

          Eigentlich sollte heute das Ende der chinesischen Video-App auf dem amerikanischen Markt eingeläutet werden. Nun haben sich gleich zwei Unternehmen gefunden, die gemeinsam eine Lösung bieten wollen. Washington reagiert positiv.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.