https://www.faz.net/-gsb-8mwd6

TV-Kritik „Anne Will“ : Wird die Würde des Menschen maschinenlesbar?

  • -Aktualisiert am

Der Weg dorthin ist steinig. 34 Prozent der deutschen Lehrer benutzen nur einmal in der Woche Computer. Spitzer reagiert darauf wie von der Tarantel gestochen. Kinder seien keine Computer, machten keinen Download, wenn sie etwas verstehen, verändere sich ihr Gehirn. Dass diese Neuroplastizität auch in der Interaktion mit Computern, etwa beim Programmieren lernen, zustande komme, scheint ihm Teufelszeug. Als auch Rohleder einwendet, mit Spitzers Rezepten seien Jugendliche nicht angemessen auf die Digitalisierung vorzubereiten und Spitzer wieder „falsch!“ dazwischen ruft, ernennt ihn Lobo zu Mr. Wrong, eine kleine Anspielung auf die dritte Debatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump.

Wrong findet Spitzer auch das Vorbild Schweden, dem die Welt die Erfindungen von Skype und Spotify verdankt. Alle Schüler verlassen in Schweden die Grundschule komplett zweisprachig. Spitzer bemängelt, dass sie nicht mehr mit der Hand schreiben können. Was für ein Segen, scheint Rohleder dazu zu denken, als er einwirft, dass er die eigene Handschrift nicht lesen könne. Die Generation Laptop sitzt mit aufgeklappten Geräten in ihren Gremiensitzungen. „Teufelszeug!“

Das Fernsehen mache dick, dumm und gewalttätig, sagt Dr. Spitzer im Fernsehen. Es wäre ein Segen, wenn er nach einem ähnlich krawallhaften Auftritt bei Frank Plasberg eine längere Auszeit im deutschen Fernsehen bekäme. Lobo hat recht. Spitzer will die deutsche Jugend auf ein Leben in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts vorbereiten. Ihm scheint egal, wie die Welt da draußen sich verändert. Was für eine fatale Lage.

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör

Die Diskussion endet mit einem Fallbeispiel aus der Arbeit des Ethikbeirats im Bundesverkehrsministerium. Wie geht man in einer Welt selbstfahrender Autos mit dem Dilemma um, dass man der Maschine die Entscheidung überlässt, ob sie ein auf die Straße rennendes Mädchen totfährt oder den Tod der Passagiere in Kauf nimmt? Nach welchen Kriterien handeln Maschinen? Indem sie Artikel Eins des Grundgesetzes als unbedingte Befehlskette in ihren Code geschrieben bekommen?

Rohleder beschreibt das bisherige Szenario: Die Automobiltechnik schützt die Insassen eines Fahrzeugs. Durch Sensoren und Datenströme aus der immer tieferen Vernetzung erweitert sich das Leistungsspektrum der Autos von morgen. Erhalten die Sensoren Informationen über Kinder in der Nähe zur Fahrbahn, verlangsamt sich das Auto von morgen automatisch. So nimmt am Beispiel des ethischen Konflikts ein technisches Versprechen Gestalt an. Die Perfektion der vernetzten Maschinen verlagert das ethische Dilemma in den Raum des Unwahrscheinlichen.

Bei einer Umfrage des amerikanischen Forschungsinstituts MIT zu diesem Dilemma antworteten übrigens 75 Prozent der Befragten, das Auto müsse zum Schutz des Kindes ausweichen. 50 Prozent der Befragten würden so ein Auto allerdings nicht kaufen. Das kennzeichnet die Lage. Es geht nicht mehr darum, den Geist der digitalen Gesellschaft zurück in die Flasche zu pfeifen. Wie er dienstbar zu machen ist, ohne die Menschen zu minderbegabten Anhängseln zu degradieren oder, wie Spitzer das sagen würde, in digitale Demenz zu stürzen, ist nicht nur Aufgabe von Ingenieuren, denen bekanntlich nichts zu schwör ist.

Weitere Themen

Wer jetzt schweigt

Aufflammender Antisemitismus : Wer jetzt schweigt

Gerade bezeugen wir wieder, dass viele „Israel-Kritiker“ den Nahostkonflikt nicht verstehen. Sie wollen nicht sehen, was die Hamas anrichtet. Und auf der Straße zeigt der Antisemitismus sein Gesicht.

Topmeldungen

Aufflammender Antisemitismus : Wer jetzt schweigt

Gerade bezeugen wir wieder, dass viele „Israel-Kritiker“ den Nahostkonflikt nicht verstehen. Sie wollen nicht sehen, was die Hamas anrichtet. Und auf der Straße zeigt der Antisemitismus sein Gesicht.
Trump-Anhängerin und Nachfolgerin von Liz Cheney: Elise Stefanik am Freitag in Washington

Elise Stefanik : Trump-Kandidatin in Führungsamt bei Republikanern gewählt

Nach der Abwahl der Trump-Kritikerin Liz Cheney aus der Fraktionsführung der US-Republikaner wurde Elise Stefanik zu ihrer Nachfolgerin bestimmt. Sie dankte Donald Trump und bezeichnete ihn als „entscheidenden Teil unseres republikanischen Teams“.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.