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TV-Kritik: Anne Will : Panik im Talkshow-Sessel

  • -Aktualisiert am

Anne Will diskutierte mit ihren Gästen über die transatlantischen Beziehungen Bild: NDR/Dietmar Gust

Die Münchner Sicherheitskonferenz hat mehr Fragen als Antworten gebracht. Ein Talkshow-Gast bei Anne Will sah die Beziehungen zwischen Amerika und der EU besonders pessimistisch. Ein Tweet von Trump dürfte ihn kaum beruhigt haben.

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          Leider war gestern Abend kein Gast aus Schweden bei Anne Will. Nicht weil in Schweden an diesem Wochenende etwas besonderes passiert wäre. Vielmehr hatte der schwedische Geheimdienst in den vergangenen Jahrzehnten recht gute Beziehungen zu den amerikanischen Kollegen, trotz der offiziellen Neutralität des Landes. Insofern hätte man vielleicht über den Umweg eines Gastes aus Schweden eine Einschätzung der amerikanischen Geheimdienste über ihren neuen Präsidenten bekommen können, rein informell selbstverständlich. So mussten die Zuschauer darauf verzichten.

          Aber die wichtigste Nachricht dieses Wochenendes war woanders zu finden. In einem Selbstbezichtigungstweet gab Donald Trump Auskunft über seine Informationskanäle. Wenn dieser etwas über Schweden wissen will, fragt er nicht seinen Botschafter in Stockholm. Oder die Geheimdienste mit ihren langjährigen Kontakten. Trump sieht den konservativen amerikanischen Nachrichtensender Fox News, um sich über unsere skandinavischen Nachbarn zu informieren.

          Radikale unter sich

          Diese Posse sagt alles aus, was man über die gegenwärtige Misere der amerikanischen Politik wissen muss. Trump widerspricht allen Erwartungen, die man bisher mit ernsthafter Politik verbunden hat. Das betrifft Freund und Feind, Transatlantiker wie ausgewiesene Anti-Amerikaner. Sie verstehen eine Welt nicht mehr, wo ein amerikanischer Präsident wortwörtlich jeden Tag seine Ignoranz dokumentiert. Wie kann der „mächtigste Mann der Welt“ ernsthaft den Eindruck hinterlassen, er beziehe seine Kenntnisse über Schweden aus den Informationshäppchen eines skurrilen Fernsehsenders? Er hat schließlich eine hervorragend ausgestattete Bürokratie zur Verfügung, um sich zu informieren, und auf dieser Grundlage Entscheidungen zu treffen.

          Diese außergewöhnlichen Umstände namens Trump bestimmten die Sendung von Anne Will. Es ging nach dem Ende der Münchner Sicherheitskonferenz um die bündnispolitische Verlässlichkeit der Vereinigten Staaten. Die Zuschauer erlebten völlig neue Konstellationen. Wann hat ein Transatlantiker wie John Kornblum seine ausdrückliche Übereinstimmung mit der Forderung Sahra Wagenknechts (Linke) nach einer eigenständigen europäischen Politik zum Ausdruck gebracht?

          Dafür hörte sich der Journalist Bernd Ulrich so an, wie es vor kurzem noch den Anti-Amerikanern der Linkspartei vorbehalten gewesen war. Der stellvertretende Chefredakteur der „Zeit“ sah nicht nur die amerikanische Demokratie in Gefahr. Ulrich hatte zudem eine interessante Analyse der Konflikte in der gegenwärtigen amerikanischen Regierung anzubieten.

          Zumeist werden diese so beschrieben, wie gestern Abend von Klaus Scharioth. Der frühere deutsche Botschafter in Washington sieht in dem Vizepräsidenten Mike Pence und dem Verteidigungsminister James Mattis Transatlantiker klassischer Prägung. Sie kämpfen in dieser Sichtweise mit der Neuen Rechten Stephan Bannons um die Macht, und damit um die Gunst des Präsidenten. Für Ulrich konkurrieren dagegen in der neuen Regierung zwei radikale Flügel: Diese sogenannten Transatlantiker wären in Wirklichkeit die außenpolitischen Falken alter Prägung. Konservative Internationalisten stehen damit gegen Anti-Institutionalisten. Wollen die einen die bisher von den Vereinigten Staaten als Hegemonialmacht geprägte Weltordnung erhalten, beabsichtigt der Bannon-Flügel sie zu zerstören.

          Ratlosigkeit in der EU

          Ulrich sah sich nach der Münchner Sicherheitskonferenz in seinem tiefen Pessimismus über die amerikanische Politik bestätigt. Für welche Außenpolitik diese Regierung stände, konnte aber auch Scharioth nicht beantworten. Er habe das „weder verstanden noch irgendjemand sonst", so seine vernichtende Antwort über die Verhältnisse in Washington. Das hat allerdings gravierende Konsequenzen. Ulrich erwähnte die Beistandsverpflichtung aus dem Artikel Fünf des Nato-Vertrages. Sie setzt keinen Automatismus in Gang, wie manche vermuten. Theoretisch könnte ein Bündnispartner nach einem Angriff auf ein Nato-Mitglied auch einen Solidaritätstweet veröffentlichen, und sich ansonsten in politischer und militärischer Zurückhaltung üben. Das wäre im Fall von Luxemburg noch zu verkraften. Wenn aber die Vereinigte Staaten als Nato-Führungsmacht an ihrer Bereitschaft zum militärischen Eingreifen Zweifel entstehen lassen, ist das westliche Bündnis politisch wertlos geworden. Eine dramatische Entwicklung.

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