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TV-Kritik: „Anger Management“ : Diese Sitcom weckt Aggressionen auf Charlie Sheen

  • -Aktualisiert am

Sich selbst spielt er immer noch am besten: Charlie Sheen Bild: RTL Nitro

Zweieinhalb fade Witze aus der Dose: „Anger Management“, die neue Sitcom von und mit Charlie Sheen, ist noch schlechter als „Two and a Half Men“.

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          Sie kennen das. Manchmal möchte man eindreschen auf den Bildschirm. Hart und unerbittlich, so dass diese ganzen hässlichen Sitcom-Wohnzimmer in Stücke fliegen: angesichts des Umstands etwa, dass „Two and a Half Men“, eine der plumpesten Produktionen aller Zeiten, die nichts als dämliche Gags vom Fließband liefert und selbst vom eigenen Darsteller Angus T. Jones, der den „Half Man“ bis zur drittletzten, zehnten Staffel mimte, erstaunlich präzise als „Müll“ bezeichnet wird, zu den erfolgreichsten Fernsehserien überhaupt zählt. Auch wenn das Ende der CBS-Serie seit März dieses Jahres beschlossen ist, würde man doch gern einmal ungebremst .. .

          Aber stopp! Wer eine solche Neigung in sich spürt, der gehört selbstverständlich in Therapie. Vierzig Stunden Anti-Aggressions-Training, auf Englisch: „Anger Management“. Und wie praktisch ist es doch, dass man einen solchen Kurs gleich bei Charlie Sheen belegen kann, dem als Charlie Harper in „Two and a Half Men“ ehemals bestbezahlten Serienstar überhaupt, der seine Rolle als betrunkener Wüterich auch nach dem Dreh weiterspielte, so dass er im März 2011 - gemessen an der Berichterstattung eine der bislang wichtigsten Begebenheiten des 21. Jahrhunderts - kurzerhand aus der Satz-Pointe-Konservenlacher-Serie geworfen wurde.

          Sexismus, Schwulenwitze, Blödeleien

          Schon im Jahr darauf ging er auf dem Sender FX mit der nächsten Satz-Pointe-Konservenlacher-Serie aus dem Hause Lionsgate (Executive Producer ist Sheen selbst) an den Start: „Anger Management“ eben, das RTL Nitro von Donnerstag an auf Deutsch ausstrahlt. Wieder heißt der Held, so ein Zufall, Charlie, diesmal Charlie Goodson. Und abermals brachte Sheen das vertraute Geblödel in die Top Ten der Seriengroßverdiener.

          Die Reihe orientiert sich locker an Peter Segals Film „Die Wutprobe“, sehr locker. Wie Jack Nicholson spielt Charlie Sheen einen Therapeuten mit dem Spezialgebiet Aggressionsbewältigung. Damit sind die Parallelen erledigt, denn während die Aggression bei Nicholsons Dr. Rydell gespielt ist, wie sich später zeigt, schlummert in Goodson eine nur notdürftig gezügelte Wut, was schon für die eine Hälfte aller Pointen verantwortlich ist.

          Die andere Hälfte verteilt sich auf die übliche Mischung: Sexismus, ironisierter Sexismus, Schwulenwitze und Blödel-Stress mit Teenagern (diesmal eine Tochter). Alles wirkt mühsam ausgedacht. Nur sehr vereinzelt hat ein Gag einen Hauch von Hintersinn: Kommt man auf zweieinhalb, war es eine sehr gute Episode. Im Normalfall aber klingt es so: „Ein Therapeut darf nie Sex mit einem Patienten haben. Das hörst du schon am ersten Tag. Die Hälfte der Studenten kommt nie wieder.“

          Telegene Dauerwitzwürstchen

          Damit wäre grob die Handlung der ersten Episode angedeutet, die hier aber umgekehrt eingefädelt ist: Goodson hat routinemäßig prächtigen Sex mit einer guten Freundin, ebenfalls Therapeutin (gespielt von Selma Blair, inzwischen längst gefeuert, weil sie sich im Frühjahr 2013 über Sheens Unprofessionalität beschwert hatte), wobei sich beide begeistert zuflüstern: „Ich werde dich niemals lieben.“ Doch kaum erfährt Charlie, dass der neue Freund seiner Ex-Frau nicht nur der Stress-Tochter vom College abrät, sondern auch noch einen Ferrari fährt, da kommt die alte Aggression durch.

          Der angetrunken-irritierte sheen’sche Standardblick: Auch bekannt aus „Two and a Half Men“

          Und prompt braucht der Therapeut selbst eine Therapie, für die natürlich nur die beste Freundin in Frage kommt, was zu lustig gemeinten Konflikten in Sachen Beischlaf führt. Dabei ist der Ferrari-Freund längst schon wieder abserviert: Seine „Intimfrisur“ genügte nicht den Ansprüchen. Da muss als Lacher alles raus, was die Konserve hergibt. Ansonsten treten auf: ein Schwuler, der quiekt, wenn fremde Hintern gelobt werden; ein schwulenfeindlicher Veteran, ein Nachbar, der scharf ist auf alles in Stöckelschuhen; zwei schwarze Knastbrüder, die eingeblendet werden, während Charlie erzählt, er habe schwarzgesehen. Die weitere Aufzählung lohnt nicht.

          Selbst für Sitcom-Maßstäbe, und da erwartet man wahrlich keine Innovation mehr - das Uralt-Format nudelt seine Restlaufzeit runter wie abgeschriebene Kernkraftwerke -, ist „Anger Management“ herausragend stumpfsinnig. Man halte die fallenden Quoten in den Vereinigten Staaten also nicht fälschlich für ein Qualitätsmerkmal, zumal es nach den ersten zehn Episoden für eine zweite Staffel von neunzig weiteren Folgen leider gereicht hat. Allein die hundert Folgen dieser beiden Staffeln sollen insgesamt zwischen 350 und 500 Millionen Dollar einspielen, schrieb der „Hollywood Reporter“.

          Manchmal ist Aggressionsmanagement die falsche Lösung. Manchmal wäre es doch einfach schön, man dürfte kräftig aufräumen unter den telegenen Dauerwitzwürstchen.

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