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TV-Kritik „Tatort“ : Ist schon Adventszeit?

  • -Aktualisiert am

Es weihnachtet: Klara (Eva Mattes) unterhält sich mit dem Obdachlosen Lucky (Kai Malina). Bild: SWR/Johannes Krieg

Bei einer Ermordeten wird ein halbjähriges Baby zurückgelassen. Fast erfroren kämpft nun auch das zweite Opfer um sein Leben. Der „Tatort“ vom Bodensee lässt diesmal niemanden kalt.

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          Der „Tatort“ mit Eva Mattes und Sebastian Bezzel als den Kommissaren Klara Blum und Kai Perlmann wird 2016 mit zwei letzten Episoden vom Bildschirm verschwinden. Seit 2002 sind sie für den Südwestrundfunk in Konstanz stationiert. Mit ihrem drittletzten, emotionalen Fall, von dem Regisseur Ed Herzog nach einem Drehbuch von Wolfgang Stauch inszeniert, drehen sie jetzt noch einmal gehörig auf. Der formidable Eindruck, den ihr Spiel macht, mag damit zusammenhängen, dass ein Film, in dem ein Baby um sein Leben ringt, niemanden kaltlässt. Dabei glänzt die Episode „Côte d’Azur“ vor allem durch die Dialoge, mit denen die Tristesse jenen Hauch des Unterhaltsamen bekommt, den es bei einem solchen Sujet braucht, soll einem nicht die Luft wegbleiben.

          Die Sätze, die Wolfgang Stauch zurechtfeilt, können erschreckend hart sein. Ebenso zynisch wie wahrhaftig etwa fallen die Kommentare aus, mit denen der von Barnaby Metschurat verkörperte Leiter der Abteilung für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin das Warten Kai Perlmanns vor dem Baby im offenen Glaskasten begleitet. Perlmann beging einen Fehler, als die Polizei in der Weihnachtszeit per SMS auf eine Frauenleiche am Rheinufer aufmerksam gemacht wurde. Obwohl die Nachricht den Hinweis auf ein unversorgtes Kind enthielt („Ich bin tot. Schilf am Ende vom Winterer Steig. Kümmern Sie sich um mein Baby. Bitte schnell“), ließ er nach dem Leichenfund nicht unverzüglich nach dem Baby suchen. Es lag dort im Freien, stark unterkühlt.

          Falsche Dosis: Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) sichten einen Drogenfund.
          Falsche Dosis: Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) sichten einen Drogenfund. : Bild: SWR/Johannes Krieg

          Nun liegt der kleine Junge im Koma. Ein Monitor überwacht Herzfrequenz, Atmung und Sauerstoffsättigung. Die Überlebenschancen stehen so schlecht, dass das Kerlchen den armen Perlmann, den es nach dem Versäumnis in die Klinik treibt, zusehends religiös macht. Eine Bemerkung des Arztes verweist auf die bitteren Umstände, unter denen der Junge in die Welt gesetzt wurde: Die Mutter war Alkoholikerin, das Gehirn des Babys scheint bereits geschädigt zu sein. In der Nacht ihrer Ermordung hatte seine Mutter 2,3 Promille im Blut.

          Der Vater, ein Mörder?

          Von den Verdächtigen war auch niemand nüchtern. Sie zählen zu einem Milieu, das man in Parks und Bahnhöfen antrifft. Es sind Menschen mit ähnlichen Gesichtern und vergleichbar gescheiterten Lebensläufen – ob man nun an den Obdachlosen denkt, der das Leben im Freien der Nervenklinik vorzog, an den Handwerker, der aus dem Leben fiel, die entgleiste Kunststudentin oder den obligatorischen Punk. Vor dem „Côte d’Azur“, einem Bretterverschlag am Ufer des Flusses, lassen sie sich volllaufen, finanziert durch das erschnorrte Münzgeld vom Weihnachtsmarkt. Die Frauen verkaufen ihren Körper.

          Der sonst eher heitere Kommissar Perlmann kann sich am Beispiel eines schmierigen Ex-Kollegen schon mal ausmalen, wie schnell ein beruflicher Fehltritt jemanden nach ganz unten befördern kann. Den Gegenpol zu dieser Szene bildet die „Hitmaschine von Konstanz“, ein Musikproduzent, der sich mit jungen Frauen umgibt und welcher der Toten ebenfalls begegnet sein könnte. Vor den Sitzgruppen von dessen Villa fängt der Kameramann Andreas Schäfauer ein Stillleben ein, das fürs Plattencover taugte.

          Klara Blum und Kai Perlmann, beide von den Umständen dieses Falles erschüttert und angespannt wie selten zuvor, konfrontieren jede Trümmergestalt mit ihren Mordtheorien. Wobei die männlichen Verdächtigen auch als Vater des im Koma liegenden Babys in Frage kommen. Wollte der Täter den kleinen Jungen womöglich aus den Umständen, unter denen die Mutter vegetierte, befreien? Ein Mörder als verhinderter Sozialarbeiter? Das ist die ungeheuerliche Frage, die auf uns zurollt. In diesem „Tatort“ hat der Nikolaus keine feine Überraschung auf Lager.

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