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TV-Kritik: Sandra Maischberger : In der Sexismus-Debatte regiert die Eindeutigkeit

  • -Aktualisiert am

In der Debatte bei Sandra Maischberger ging es auch um den Hashtag „Aufschrei“. Bild: WDR/Max Kohr

Zwischen Generalverdacht und Generalisierung: In der Talkshow von Sandra Maischberger zeigt sich das Elend der gegenwärtigen Sexismus-Debatte. Denn im Grunde haben alle Seiten das gleiche Ziel.

          Im Jahr 1983 endete das Schweigen. Ein gerade erst gewählter Bundestagsabgeordneter der Grünen fasste wiederholt Mitarbeiterinnen seiner Fraktion an den Busen. Als er nach entsprechenden Gesprächen keine Verhaltensänderungen zeigte, machten die Frauen den Vorfall öffentlich. Die „Bild“-Zeitung nannte schließlich seinen Namen: Klaus Hecker. Er musste kurze Zeit später zurücktreten. Wenige Monate zuvor hatte seine damalige Fraktionskollegin Waltraut Schoppe eine aufsehenerregende Rede gehalten. Es ging unter anderem um den „alltäglichen Sexismus im Parlament“. Die Reaktion der Abgeordneten von Union und FDP war eine Mischung aus höhnischem Gelächter und schlichter Wut. Sie hatten von dem Begriff noch nie etwas gehört, empfanden ihn aber als eine ungeheure Provokation. Die Grünen brachen ein Tabu auf. Eines wurde nämlich sehr schnell deutlich: Sexuelle Belästigung war in allen Bundestagsfraktionen zu finden, aber niemand wagte bis dahin deren Thematisierung. Die betroffenen Frauen mussten sich wie Freiwild fühlen.

          Damals wäre der Fernsehfilm "Meine fremde Freundin" unmöglich gewesen. Ein Mann, gespielt von Hannes Jaenicke, wird wegen Vergewaltigung fälschlich verurteilt, weil das vermeintliche Opfer vor Gericht lügt. Frauen waren in einem Klima des Schweigens schlicht nicht in der Position, um mit solchen Vorwürfen erfolgreich zu agieren. Niemand hätte ihnen geglaubt. Das hat sich geändert, wie sich nicht zuletzt am Fall von Jörg Kachelmann zeigte.

          Das Elend der gegenwärtigen Debatte

          Der Fernsehfilm der ARD reflektiert diese Entwicklung. Im Anschluss diskutierte Sandra Maischberger über „Sexuelle Nötigung – Männer unter Generalverdacht.“ Jaenicke war auch zu Gast und brachte gleich seine Befürchtung zum Ausdruck, jetzt Vergewaltigungsopfer unter den Generalverdacht namens Lügnerin zu stellen. Das zeigt schon das Elend der gegenwärtigen Debatte. Die Warnung vor dem Generalverdacht ist reine Camouflage. In Wirklichkeit wollen alle Seiten möglichst schnell generalisieren. Jedes Ereignis gilt als exemplarisch. Männer sollen über sich nachdenken, weil in Hollywood ein Kretin wie Harvey Weinstein seine Machtposition missbraucht. Frauen gelten dagegen manchen Männer als geifernde Flintenweiber, weil diese tatsächlich nicht mehr schweigen müssen. Sie können sogar Macht ausüben, indem sie Männer fälschlich beschuldigen. Der Vorwurf der „sexuellen Belästigung“ kann heutzutage Existenzen vernichten. Früher sollten sich Frauen nicht so anstellen, wenn es ihnen passierte.

          Anja Keinath ist pensionierte Gymnasiallehrerin. Sie hatte vor Jahren einem wegen Vergewaltigung irrtümlich verurteilten Kollegen zur Rehabilitierung verholfen. Dieser Fall des Horst Arnold war die Vorlage des Fernsehfilms. Frau Keinath ging damals ein persönliches und berufliches Risiko ein. Sie machte es trotzdem. Die frühere Frauenbeauftragte sah darin keinen exemplarischen Fall, sondern betrachtete ihn als einen zu korrigierenden Justizirrtum. Sie entzog sich damit dieser Neigung zur Generalisierung. Zudem sind für Frau Keinath Frauen nicht mehr nur die hilflosen Opfer männlicher Übergriffe. Sie können sich mittlerweile zur Wehr setzen.

          Ähnlich argumentierte Gisela Friedrichsen, langjährige Gerichtsreporterin des „Spiegel“. Irgendwann könne man „jedem, der einem zu Nahe kommt, die Meinung geigen“. Ein solches Selbstbewusstsein verlangt Differenzierungsvermögen. Dafür muss man nämlich trennen zwischen „sexueller Gewalt und blöder Anmache“, wie es Frau Keinath formulierte. Eine Vergewaltigung ist eben keine geschmacklose Meinungsäußerung, sondern ein schweres Gewaltverbrechen, wogegen sich das Opfer gerade nicht wehren kann.

          Das unterschied die 72-jährige Friedrichsen von der fast vierzig Jahre jüngeren Teresa Bücker, Chefredakteurin des Frauenmagazins „Edition F„. Sie hielt nicht nur die Gefahr, als Mann ein mit Arnold zu vergleichendes Schicksal zu erleiden, für praktisch nicht vorhanden. Vor allem formulierte sie die These einer strukturellen Wehrlosigkeit der Frauen, weil sexuelle Übergriffe „häufig in Machtverhältnissen passieren“. Wenn Frau Keinath den gesellschaftlichen Wandel der vergangenen zehn Jahre herausstellte, vermittelte Frau Bücker den Eindruck von Verhältnissen im Bundestag des Jahres 1983. Als Frauen Angst haben mussten, den Mund aufzumachen, wie eine Mitarbeiterin der Grünen anlässlich der Hecker-Affäre im „Spiegel“ zitiert wurde. Frau Bücker verkennt somit den entscheidenden Unterschied zwischen der damaligen Situation und der von heute: Frauen haben an Handlungsmöglichkeiten gewonnen. Sie können sie missbrauchen. Das ist nicht mehr das Monopol von Männern. Vor allem müssen sie aber nicht mehr widerspruchslos männliche Dominanz hinnehmen.

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