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TV-Kritik: BBC Wahlnacht : Ich fresse meinen Hut! Und ich fresse meinen Kilt!

Die Prognose der BBC wird an das Hauptquartier des Senders projiziert. Bild: Reuters

Die Wahl in Großbritannien ist eine spannende Sache. Und eine Geduldsprobe. Erst nach Stunden steht der Sieger fest. Die BBC vertreibt den Zuschauern die Zeit mit allerhand Scharaden. Und mit der Frage: Stimmt unsere Vorhersage oder stimmt sie nicht?

          Sage keiner, britische Wahlkämpfer seien unverzagt. Er werde seinen Hut verzehren, sagt Lord Ashdown von den Liberaldemokraten, wenn seine Partei weniger als zehn Sitze im Unterhaus erringe. Alastair Campbell, Wahlkampfmanager von Labour, will da nicht nachstehen. Sollten sich die Umfragen bestätigen und seine Partei so schlecht abschneiden wie prognostiziert, werde er sich seinen Kilt vornehmen. Der Wahlkampf wird zum Textilmampf. Die Truppe von Monty Pythons hätte die Pointen nicht besser gesetzt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Wahl, die in Großbritannien als schicksalshaft verstanden wird, setzt die BBC in einer Weise in Szene, von der sich die deutschen Sender eine Scheibe abschneiden könnten. Die Moderatoren, welche die wahrscheinliche Sitzverteilung erklären,  zünden ein 3D-Feuerwerk. Sie stehen mitten im virtuellen Unterhaus, umringt von lebensecht dargestellten Parlamentariern, dann vor der virtuellen Tür von Downing Street No 10, um auszumalen, wer hier künftig über die Schwelle tritt, um Großbritannien zu regieren. Und dabei haben sie nichts als Umfragen und eine Prognose. Keine Hochrechnung, nirgends.

          Der Sieger kriegt alles

          Also gilt es, Faxen zu machen. Gleichwohl wird die Wahlnacht lang und länger. Das ist dem Mehrheitswahlrecht geschuldet. Bei Bundestagswahlen ist die Party ja in der Regel nach zwanzig Minuten vorbei, wenn die ersten Hochrechnungen kommen, die das amtliche Wahlergebnis in der Regel recht genau vorwegnehmen. Pünktlich zur Schließung der Wahllokale ist die Prognose da, wenig später die Hochrechnung, binnen der nächsten Stunde darf man damit rechnen, dass sich jemand zum Wahlsieger erklärt und es höchstwahrscheinlich auch ist (der siegessichere Wahlverlierer Gerhard Schröder bestätigt als Ausnahme die Regel).

          Nicht so in Großbritannien, wo vor der Auszählung des letzten Wahlkreises niemand weiß, woran er ist: The winner takes it all. Es lebe das Mehrheitswahlrecht. Das bedeutet: Stunden des Wartens , in denen in dieser Nacht die Tories vorsichtig wachsende Zuversicht demonstrieren und Labour die Vorhersage dezent anzweifelt – es kann nicht sein, was nicht sein darf: 239 Sitze für Labour, 316 für die Konservativen, 58 für die schottische SNP, zehn Sitze für die Liberaldemokraten? Keine absolute Mehrheit, eine Koalitionsregierung, die zweite in Folge.

          Das ganze Land ist ein Puzzle

          Vor dem Sitz der BBC herrscht derweil Jahrmarktsstimmung. Wähler und Zuschauer umringen ein großes Puzzle. Es stellt Großbritannien in all seinen Wahlbezirken dar, die einzelnen Achtecke sind eingefärbt in Orange, Rot und Blau. Die Frage ist, ob sie im Laufe der Nacht die Farbe wechseln, ob die Kandidaten von Labour und der Tories ihre Bezirke halten oder abgeben müssen.

          Und dann sind wir plötzlich im Wahlkreis von Sunderland in Nordengland, in einer großen Turnhalle, in der die Stimmen ausgezählt werden. Wahlhelfer sprinten durch den Saal, die Reporterin tritt schnell einen Schritt zurück, gilt es doch, diesen (eher winzigen) Bezirk schneller als alle anderen auszuzählen. Das gelingt auch, doch geht es hier auch um einen Landstrich, in dem eine Kandidatin von Labour mit rund zwanzigtausend Stimmen einen überragenden Sieg davonträgt. Eben noch waren wir bei Downing Street No. 10, nun sind wir auf dem Dorf.

          So geht es hin und her, rein ins Studio, raus auf die Straße. Der Reporter Andrew Marr steht vor dem Haus von David Cameron und wirkt in seinem exzellenten Habitus, als sei er einer Folge der Serie „Barnaby“ entsprungen. Während er spricht, spaziert im Hintergrund ein Herr mit Hund vorbei. (Und wir erwarten jeden Moment, dass John Cleese ins Bild springt.)

          Die lange Nacht lohnt sich allein schon in sprachlicher Hinsicht. Wann sonst bekommt man schon eine Vokabel wie „flabbergasted“ zu hören? Sie sollte ins Deutsche Einzug halten wie „Kindergarten“ (gesprochen mit weichem „d“) oder „Fahrvergnügen“ (das „ü“ wird meist zum „ö“) in den Sprachgebrauch der Angelsachsen. Flabbergasted!

          Das wären die Briten bestimmt auch, wenn sie beim hiesigen Wahlabend unsere Hochrechnungskünstler Jörg Schönenborn oder Theo Koll  vor Säulendiagrammen herumturnen und Kuchendiagramme anschneiden sähen. Sie wären „entgeistert“. Sie wären „verdattert“. Oder einfach „platt“? Und würden es machen wie Paddy Ashdown und Alastair Campbell.

          P.S.: Zu der Klamottenspeisung von Ashdown und Campbell wünschen wir uns eine Direktübertragung der BBC.

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