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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Der Glaubenskrieg um das Auto

  • -Aktualisiert am

Auch bei Sandra Maischberger tobt ein Glaubenskrieg um den Diesel. Bild: © by WDR/Max Kohr

In der Debatte um den Diesel gibt es täglich neue Akzente. Doch was sagen die Bewohner in München oder Berlin zu den Fahrverboten? Ihnen hört niemand zu, wie bei Sandra Maischberger.

          Wie würden Sie folgende Frage beantworten: Sind Sie bereit für eine statistisch zu erwartende Lebenszeitverlängerung von 14,5 Stunden auf das Auto zu verzichten, oder sogar die Existenz einer deutschen Schlüsselindustrie zu riskieren? Wahrscheinlich werden die meisten den Umstand, statt um 22:00 Uhr schon um 09:30 Uhr zu sterben, für ein kalkulierbares Risiko halten. Wenn man diesen Sachverhalt anders darstellt und von tausenden vorzeitigen Todesfällen spricht, sieht das wahrscheinlich anders aus.

          Wer will schon ein Mobilitätskonzept und eine Industrie unterstützen, die Menschen umbringt? Leider verstehen die wenigsten Zeitgenossen etwas von Statistik. Sie betrachten Wissenschaft zumeist als ein Glaubenssystem – und nicht als Methode zum Erkenntnisgewinn. Dann kommt es halt auf die Kommunikationsform an, wen man am Ende für überzeugend hält.

          So ist der Streit um das Auto zum Glaubenskrieg entartet, wie auch im Titel der  Sendung von Sandra Maischberger zu lesen war: „Glaubenskrieg ums Auto: Geht der Umweltschutz zu weit?“ Es fanden sich die passenden Protagonisten. Etwa der Auto-Enthusiast Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt-Gruppe“, und der seit Jahrzehnten durch die Lande ziehende ökologische Erweckungsprediger Franz Alt. Der eine betrachtete das Auto als Kulturgut, der andere sah es als einen „tödlichen Irrtum der Industriegeschichte“ an.

          Letzterer verfiel zugleich der Magie der großen Zahlen. So hatte Alt von 120 Millionen Unfalltoten weltweit nach dem Zweiten Weltkrieg gelesen. Zwar kann man bezweifeln, ob es überall eine mit Deutschland vergleichbare statistische Sorgfalt gegeben hat. So sind etwa in China zwischen 1958 und 1962 Millionen Menschen verhungert: Die Zahlen schwanken zwischen 15 und 46 Millionen Toten. Da wird man in Peking unter Umständen wenig Zeit für die Buchführung der verunglückten Rad- und Autofahrer gehabt haben. Die damals in Asien noch übliche Fortbewegung mit Zugtieren nicht zu vergessen. Immerhin waren aber die Unfalltoten durch das Automobil von zu vernachlässigender Bedeutung.

          Alts Zahl ist sinnlos, weil sie ein Risiko beschreibt, ohne den Nutzen erkennbar zu machen. Die Toten stehen in Relation zu einer explosionsartig gestiegenen Mobilität. Jeder kannte das Risiko der Teilnahme am Straßenverkehr, trotzdem wurde der Nutzen höher bewertet. Nach dieser Logik müsste man selbst die Schifffahrt als tödlichen Irrtum beschreiben. Trotzdem stachen Menschen in See. Verlässliche Statistiken über das diesbezügliche Unfallrisiko seit dem Altertum sind leider nicht zu bekommen.

          Der interessanteste Punkt der Sendung

          Der Hinweis auf die 14,5 Stunden zusätzliche Lebenszeit kam von der WDR-Wissenschaftsredakteurin Mai Thi Nguyen-Kim. Es war der interessanteste Punkt in dieser Sendung. Sie lehnte die übliche plakative Sprache von den „vorzeitigen Todesfällen“ ab. Damit wurde deutlich, wie schwierig es in Gesellschaften ohne elementare Lebensrisiken ist, überhaupt noch Risiken abzubilden. Trotzdem sprach sie von den gesundheitlichen Risiken des Stickoxids. Sie versuchte sich damit von den Lungenärzten um den Schmallenberger Facharzt Dieter Köhler abzugrenzen. Der hat sich offenbar bei der Berechnung der Stickoxid-Immissionen von Rauchern verrechnet, wie die taz berichtet.

          Den Sachverhalt erwähnte Barbara Metz als Vertreterin der „Deutschen Umwelthilfe“ mit erkennbarer Freude. Darüber könnte sich zwar der Raucher freuen. Nur ist es kennzeichnend für den derzeitigen wissenschaftlich genannten Diskurs, dass diese seit Monaten bekannte Rechnung keinem von Köhlers zahllosen Kritikern aus der Epidemiologie aufgefallen ist. In Wirklichkeit interessierte jene aber auch nicht die Raucher oder die Stadtbewohner, sondern lediglich der Grenzwert. Frau Nguyen-Kim beschrieb ihn als Willkür. Er sei ein politischer Kompromiss zwischen Gesundheitsschutz und anderen Interessen.

          Die Kinder des Marin Ivankovic

          Jetzt ist aber der Grenzwert als EU-Richtlinie nun einmal da. Selbst wenn ihr Zustandekommen den unbefangenen Beobachter an die Berechnungen Köhlers am Schmallenberger Schreibtisch erinnern sollte. Entsprechend argumentierte Frau Metz, um zudem auf die Vorsorgepflicht des Staates für die Schwächsten unserer Gesellschaften hinzuweisen: Alte, Kranke und Kinder.

          Drei Kinder hat Marin Ivankovic. Er lebt und arbeitet in Stuttgart, und protestiert gegen das zum 1. April drohende flächendeckende Fahrverbot in seiner Stadt. Ivankovic fährt ein Kraftfahrzeug mit Dieselmotor und ist davon im täglichen Lebens abhängig. Zwar bewies Frau Metz ihr Mitgefühl mit seinen Nöten. Das war ein netter Zug, änderte aber nichts an einem grundsätzlichen Sachverhalt. Die Familie Ivankovic ist offenbar anderer Meinung über die von der Stuttgarter Luft ausgehende Gesundheitsgefährdung als Frau Metz. Diese vertritt abstrakte Interessen von Kindern, obwohl sie von konkreten Eltern gar nicht beauftragt worden ist. Und die Annahme, dass Familie Ivankovic ihre Kinder gleichgültig sein könnten, wäre der Zynismus, den die Umwelthilfe ansonsten immer der Autoindustrie unterstellt.

          Dafür wusste immerhin Franz Alt mit einem originellen Vorschlag aufzuwarten. Getreu dem alten Sponti-Motto namens „legal, illegal, scheißegal“ forderte er Ivankovic auf, das Fahrverbot einfach zu ignorieren. Das könne schließlich niemand kontrollieren. Das ging sogar Poschardt zu schnell, der ansonsten höheren Geschwindigkeiten nicht abgeneigt ist.

          Streit um Verhältnismäßigkeit

          Trotzdem hat die Umwelthilfe das gute Recht zu klagen, wie es der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki klarstellte. In einem recht lebhaften Disput mit Frau Metz ging es um die Bedeutung einer Entscheidung der EU-Kommission von gestern. Diese hat keine Einwände gegen die Veränderung des Bundesimmissionsschutzgesetzes erhoben. Damit wird beabsichtigt, den Grundsatz der vom Bundesverwaltungsgericht verlangten Verhältnismäßigkeit zu konkretisieren. Eine geringfügige Überschreitung des Grenzwertes könnte nicht mehr zur gerichtlichen Verhängung von Fahrverboten führen, so Kubickis Argument. Das bestritt Frau Metz unter Hinweis auf ein wahrscheinlich selbst in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten. Vor Gericht und auf hoher See ist man bekanntlich in Gottes Hand. Das Prozessrisiko können nicht einmal Epidemiologen hinter dem Komma genau berechnen. Insofern darf man das zukünftige Agieren der Umwelthilfe mit Interesse beobachten.

          Jenseits dessen waren sich alle Gäste in einem Punkt einig: Jeder befürwortete möglichst saubere Luft und begrüßte die seit dreißig Jahren angekündigte Mobilitätswende. Wer hat schon etwas dagegen, wenn die Metropolenbewohner in Zukunft zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad fahren oder den ÖPNV benutzen. Man muss davon lediglich noch die Familie Ivankovic überzeugen.

          Uneinigkeit bestand über die Rolle unserer Autoindustrie. Poschardt berichtete über die Bemühungen des VW-Konzerns zur Elektromobilität. Dort wird es schon bald gute Autos für die „urbane Elite“ geben, wie er es formulierte. Die Angst vor dem Absturz einer deutschen Schlüsselindustrie versuchte Alt mit dem Hinweis auf die vielen Arbeitsplätze durch die „Ökologisierung“ zu entkräften. Der frühere ARD-Journalist ist seit langem ein Sonnenenergie-Enthusiast. Er dachte aber wohl in dem Moment nicht an das Schicksal der deutschen Sonnenkollektoren-Hersteller, die mit einem brutalen Preiswettbewerb von chinesischen Konkurrenten aus dem Markt gedrängt wurden.

          Das beruhte auf einer industriepolitischen Entscheidung Pekings. In gleicher Weise geht es jetzt um die Elektromobilität. Die als Kommunisten firmierenden Autokraten wollen im Automobilsektor endlich einen Fuß in die Tür bekommen. Beim klassischen Verbrenner hatten sie den Wettbewerb mit Deutschen, Japanern und Koreaner längst verloren. Für die deutschen Hersteller ist es eine Existenzfrage, in China als größten Automobilmarkt der Welt nicht den Anschluss zu verlieren. Da sind sowohl die romantischen Ideen eines Franz Alt, als auch unsere „urbanen Eliten“ mit ihren Konsumpräferenzen von begrenztem Interesse. Jenseits dessen haben die Chinesen nicht nur ein statistisches Risiko, sondern tatsächlich ein Problem mit der Luftqualität in ihren 49 Millionenstädten.

          „Abmahnverein“

          So bleibt am Ende noch über die Nettigkeiten zwischen Frau Metz und Poschardt zu berichten. Die Vertreterin der Umwelthilfe entkräftete den Vorwurf, der die bis Ende vergangenen Jahres von Toyota eingegangenen Zahlungen betrifft. Es ist tatsächlich nicht auszuschließen, dass der Weltkonzern die Expertise der deutschen Umweltorganisation nutzen wollte. Allerdings nannte sie Poschardt konsequent einen „Abmahnverein.“ Dagegen verwahrte sich Frau Metz. Das stimmt, wenn man das Framing namens Konsumentenschutz übernimmt.

          In Wirklichkeit nutzt die Umwelthilfe lediglich die vom Gesetzgeber eingeräumte Möglichkeit, mit fehlerhaften Angaben von Unternehmen in Anzeigen, Geld zu verdienen. Wenn die Umwelthilfe kein Abmahnverein sein will, muss sie einfach auf die Abmahnungen verzichten. Oder der Gesetzgeber diese vorsintflutliche Regelung abschaffen. So einfach ist das.

          Wenn Frau Metz und die anderen hauptamtlichen Mitarbeiter anschließend noch auf staatliche Fördergelder verzichteten, wären sie sogar Teil einer zivilgesellschaftlichen Organisation. Es sollte genügend Privatleute geben, die deren politische Agenda teilen. Ein solcher Idealismus wäre angesichts des Geschäftsrisikos aber sicher unangebracht. Für diese Einsicht braucht man übrigens noch nicht einmal eine Statistik.

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