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TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Wenn aus dem Vollrausch Genuss wird

  • -Aktualisiert am

Wenn der Alkohol vom Rausch- zum Genussmittel wird: Wie umgehen mit Alkoholismus, fragt Sandra Maischberger ihre Gäste. Bild: © by WDR/Max Kohr

Ist Bier eine Volksdroge, ein Grundnahrungsmittel oder gar ein Kulturgut? Sandra Maischberger geht dem Problem nach, dass aus einem Genuss- sehr schnell ein tückisches Rauschmittel werden kann.

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          Es gehört zu den prägenden Bildern einer frühen Industriegesellschaft. Vor der wöchentlichen Löhnung der Arbeiter warten deren Frauen vor den Werkstoren. Sie wollen ihren Männern das Geld abnehmen bevor sie damit in die nächste Kneipe verschwinden.

          Auch Sandra Maischberger beschäftigte sich diesmal mit dem „Promille-Paradies Deutschland“ und der Frage: „Verharmlosen wir den Alkohol?“ Damals vor den Werktoren ging es nicht um die gesundheitlichen Folgen des Alkoholmissbrauchs. Die Frauen trieb die Existenzangst vor die Werkstore, drohte doch das Familienoberhaupt das Familieneinkommen schlicht zu versaufen.

          Aber längst ist klar, der Alkohol gehört zur Kulturgeschichte der Menschheit, damit auch sein Missbrauch. Alkoholismus galt deshalb zugleich als soziale Bedrohung. In der Diktion des Bürgertums als Sittenverfall, der das fehlende Verantwortungsgefühl der unteren Schichten dokumentierte. Das hatte bisweilen noch den Vorteil, sich weniger um die desaströsen Arbeits- und Lebensbedingungen in der Arbeiterklasse sorgen zu müssen. Der Distinktionsgewinn für die oberen Schichten angesichts dieses Elends war nicht zu unterschätzen. Diese Bilder beendeten keine Aufklärungsschriften von Abstinenzlervereinigungen, sondern die Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Mittlerweile ist der Alkoholismus längst demokratisiert.

          So wäre der Maischberger-Gast Bernhard Sitter in einer der Kneipen des Ruhrgebiets kaum vorstellbar gewesen, wo sich die Arbeiter nach Feierabend trafen. Er ist diplomierter Biersommelier-Wirt und betreibt im Bayerischen Wald ein sogenanntes Bier- und Wellnesshotel. Das Bier ist bei ihm vom alkoholhaltigen Grundnahrungsmittel zum Kulturgut geworden. Es geht Sitter nicht mehr um den Rausch, sondern um den Genuss.

          Genuss statt Rausch

          Dieser Paradigmenwechsel entspricht einem veränderten gesellschaftlichen Selbstverständnis. Beinhaltet doch der Rausch den Kontrollverlust, somit wie bei den Arbeitern früherer Zeiten die Flucht aus der Realität. Der Genuss verlangt dagegen Disziplin und Selbstkontrolle. Es entspricht dem gegenwärtigen Leitbild individueller Selbstoptimierung. Das Ideal ist der sportliche Mensch mit einem vorzeigbaren BMI-Index, der auf seine Ernährung achtet, weder trinkt, noch raucht. Für den der altertümliche Begriff des Lasters unverständlich ist, um sich stattdessen um sein seelisches Gleichgewicht zu sorgen. Insofern wäre in Sitters Bierhotel die Einrichtung der Zimmer nach den Grundsätzen des Feng Shui kein Widerspruch. So bliebe beim Bier die innere Harmonie mit der kosmischen Ordnung gewährleistet.

          Nur wurde gestern Abend in der Sendung von Sandra Maischberger deutlich, wie schwierig das in Wirklichkeit ist. Die Lebensgeschichte des Unternehmers Henning Hirsch ist eine Suchtgeschichte. Er schilderte sehr anschaulich den Kontrollverlust als der Alkohol zunehmend sein Leben bestimmte. Wie er eine Funktion bekam, um dieses Leben zu meistern. Am Ende lag Hirsch mit einem Alkoholspiegel von sechs Promille auf der Intensivstation. Die Kontrolle zurückzugewinnen, war ein mühseliger Prozess. Hirsch brauchte unzählige Versuche in Suchtkliniken, um den entscheidenden Schritt zu schaffen. Heute ist er ein trockener Alkoholiker, nicht zuletzt mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker.

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