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„Polizeiruf“ aus Magdeburg : Ist da etwa was faul?

  • -Aktualisiert am

Auf Verfolgsjagd: Claudia Michelsen spielt die Kommissarin Doreen Brasch. Bild: MDR/filmpool fiction/Conny Klein

Im „Polizeiruf“ aus Magdeburg geht es zu wie in einem echten Krimi. Mit Mord und einem Brandanschlag haben es die Kommissare zu tun. Ihr Chef kommt allerdings auf komische Ideen.

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          Man fragt sich ja schon, wer in diesen nüchternen großen Villen, diesen geradlinigen weißen Kästen mit ihren langen Balkonen und tiefen Glasfenstern, glücklich zu werden vermag. Bis sich Geborgenheit einstellt, braucht es hier viel mehr als in anderen Häusern. Für René Ottmann ist es das Richtige: direkt an der Elbe. Ottmann ist Bauunternehmer, macht „alles, was groß ist“, Erfolg zeigt man her. Außerdem ist er kein Mann für Gefühle. Das sagen Branchenkollegen, die von ihm zerpflückt wurden. Gefühle hegt Ottmann aber für seine Frau, die früher so mädchenhaft vor ihm tänzelte, wenn er die Kamera auf sie hielt.

          Würde das Haus wärmer wirken, wenn sie noch lebte? Vermutlich. Aber die Handlung des „Polizeiruf 110“ aus Magdeburg setzt ein, als der tödliche Lawinenunfall von Ottmanns Frau schon Jahre her ist. Da wirkt das Haus endgültig wie die Hülle eines vergangenen Lebens. Alles kalt und leer wie der Kühlschrank, in dem Ottmann den unentbehrlichen Schampus aufbewahrt.

          Verdächtige auf dem Silbertablett

          Selbst sein Teppich ist weg. Er wurde in der Nacht von einem Unbekannten, der einen Benzinkanister und ein Feuerzeug mitbrachte, zerstört und mit ihm viel Mobiliar. Ein Brandanschlag. René Ottmann (Thomas Loibl) hat überlebt. Einsam hockt er auf einem Stühlchen im Freien, während die Feuerwehrmänner das Haus verlassen und die Kommissare Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke) eintreffen. Ottmann empfängt sie mit den Worten: „Erfolgreiche Leute haben immer Neider.“ Wer ihn vor dem Anschlag auf ein Gläschen besuchte, verrät er nicht. Geht keinen was an.

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          Solch frühe Hinweise erweisen sich in Krimis gern als „red herring“, wie die Engländer sagen, als duftstarker Fisch, den Autor Josef Rusnak hier ausgelegt haben könnte, um uns Sofa-Spürhunde auf die falsche Fährte zu locken. Und „Starke Schultern“ ist ein gewöhnliches „Wer hat es getan“, in dem es nur einmal unangenehm heftig zugeht (die Regisseurin Maris Pfeiffer verzichtet sogar darauf, die Brandstiftung zu inszenieren). Wie auf dem Silbertablett werden die Verdächtigen präsentiert – darunter der „Neider“, von dem wir schon bei der ersten Dienstbesprechung von Brasch, Köhler und Kriminalrat Uwe Lemp (Felix Vörtler) erfahren, dass er in der Tatnacht einen Schlaganfall hatte.

          Auf einer Baustelle, deren Vorarbeiter beim Besuch der Polizei ins Schwitzen kommt, weil Schwarzarbeit hier zum Konzept zählt, stoßen die Ermittler aber auch auf den Namen eines Mannes, der unlängst mit dem Messer auf Ottmann losging. Der Mann verlor seinen Job, seine Frau ist schwanger. Ihr Halbbruder wurde gerade in den Libanon abgeschoben. Deutschland anno 2018: ein Ort, an dem schnell die Nerven blankliegen. Auch bei einem elend dreinblickenden Paar mit Sohn liegen sie frei: eine Juweliersfamilie, mit Ottmann verwandt. Sie fährt einen alten Polo, der ungünstigerweise an der Villa gesehen wurde.

          Das größte Rätsel des Falls besteht in der Frage, weshalb sich das Buch so lange mit Nebensächlichkeiten wie dem Supervisor aufhält, den der Chef bestellt hat, damit Köhler und Brasch „die eigenen Defizite zur Kenntnis nehmen“. Gut, die Reihe, an der Matschke als Köhler erst zum dritten Mal mitwirkt, muss sich entwickeln. Sie hat auch eine neue Figur: den Polizeipsychologen Niklas Wille (Steven Scharf). Doch bringt der hoffentlich nur diesmal Pseudo-Innovatives wie die „Familienaufstellung“ ins Gespräch.

          „Polizeiruf 110 – Starke Schultern“, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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