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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Hebt Trump die Grundlagen der Weltwirtschaft aus den Angeln?

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen die Lage Europas zwischen Amerika und China. Es entsteht eine blitzgescheite Diskussion. Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Der amerikanische Präsident wirft wild mit Strafzöllen um sich – gegen China und die EU. Wem schadet das? Was sind Trumps wahre Interessen? Wie soll Europa reagieren? Bei Maybrit Illner kommt eine blitzgescheite Diskussion zustande.

          Kürzlich war eine erstaunliche Diskussion im Oval Office zu besichtigen. Der chinesische Unterhändler konnte ein Lachen kaum unterdrücken, als der amerikanische Handelsbeauftragte Robert Lightizer versuchte, seinem Boss Donald Trump den Stand der Verhandlungen mit China zu erläutern. Der gescheiterte Gipfel mit Nordkorea vertiefte wenig später den Eindruck, dass der amerikanische Präsident vor allem damit beschäftigt scheint, Probleme zu lösen, die er selbst geschaffen hat.

          In der Handelspolitik zieht er die Ereigniskarte Zölle und tut so, als ob das der amerikanischen Wirtschaft auf die Beine helfen würde. Zwischen Amerika und China steckt Europa. Und so fragt Maybrit Illner ihre Gäste, ob „Planwirtschaft“ Europa retten könne. So wie Trump die amerikanische Wirtschaft mittels Zöllen retten will. Das Gegenteil ist der Fall, meint Wirtschaftsberaterin Sandra Navidi mit Blick auf Amerika und hält fest, dass für jeden Job, der in der amerikanischen Stahlindustrie geschaffen wurde, 16 Jobs in der stahlverarbeitenden Industrie verloren gegangen seien.

          In der zweiten Reihe sind umsichtige Verhandler dabei, um Schaden für China, Amerika und Europa abzuwenden. Es steht für alle zu viel auf dem Spiel. Wenn Strafzölle auf Waren im Wert von einer halben Billion Dollar drohen, ist auch ein Riese wie die Volksrepublik China zu Kompromissen bereit. Karl Haeusgen, Vizepräsident des VDMA und Chef eines weltweit agierenden Familienunternehmens, setzt darauf, dass die amerikanischen Verhandlungen mit China auch europäischen Interessen dienlich sein werden. Der Wettbewerb mit China ist überschattet von Verzerrungen, weil China, nicht so lautstark wie Trump, aber umso erfolgreicher, auf „China first“ setzt.

          Nicht ausgeschlossen ist, dass der amerikanische Präsident ganz andere Ziele verfolgt, nicht nur Unruhe stiftet, sondern die Grundlagen der Weltwirtschaft aus den Angeln hebt. Die europäische Verhandlungsstrategie appelliert daher an die Rationalität der zweiten und dritten Reihe, muss sich aber auch mit dem Gedanken anfreunden, dass am Ende Donald Trump ein Verhandlungsziel erreicht, das ihm eine zweite Amtszeit bescheren könnte. Wer wie Peter Altmaier anbietet, am Ende alle Zölle abzuschaffen, rollt Trump den roten Teppich aus.

          Antwort auf Datenkraken?

          Aus dem Herrgottswinkel der Linken ermahnt Sahra Wagenknecht die EU, sich keinem Hegemon unterzuordnen. Sie erinnert an die amerikanischen „Datenkraken“ und fragt, wie eine wettbewerbsfähige europäische Antwort aussehen könnte. Nur ist die Linke in diesem Spiel nicht einmal Linienrichter. Haeusgen unterstreicht gemeinsame Interessen Europas und Amerikas. Frau Navidi ermuntert die Europäer, sie könnten selbstbewusster auftreten.

          Wirtschaftsminister Peter Altmaier spielt mit einer Quadratur des Kreises. Sein Entweder-Oder ist von einer Unbekannten überschattet. Was haben Deutschland und die EU davon, wenn er deutsche Unternehmen schützt, denen die amerikanischen und chinesischen Märkte wegbrechen? Wichtiger ist, wer in welchen Zukunftsmärkten technologisch vorn liegt und sich damit für seine Handelspartner unverzichtbar macht.

          Mit Felix Lee sitzt ein Chinese in der Runde, der als China-Korrespondent für die taz arbeitet und hellsichtig Unwuchten der Weltwirtschaft unter dem Hegemon Amerika beschreibt. Zwischenfazit: Alle drei betreiben Industriepolitik. Wer hätte das gedacht?

          Soll sich der Staat heraushalten?

          Nur was ist davon zu halten, wenn ein Global Player wie Siemens in diesem Jahr drei Milliarden Euro in den Rückkauf von Aktien steckt? Glaubt Siemens nicht an rentable Investitionen? Der Punkt geht an Sahra Wagenknecht, obschon sie nicht darauf eingeht, wer mit welchen Argumenten Siemens von diesem Plan abbringen könnte. Peter Altmaier fühlt sich dennoch angesprochen. Ordnungspolitisch korrekt gelobt er, der Staat werde sich heraushalten. Anders sehe es aus bei Unternehmen wie Kuka und 50 Hertz, bei denen der Staat ein Interesse daran hat, dass kein Investor sie daran hindere, zu wachsen und zu gedeihen.

          Herr Lee nutzt die Gelegenheit für einen mächtigen Freistoß. Er findet die Summen lächerlich, die die Bundesregierung aufs Spielfeld legt. Drei Milliarden gebe allein die Stadt Peking für einen Industriepark in ihrer Nachbarschaft aus.

          Ein anderes Feld ist die Frage der nächsten Antriebstechnologie. Was ersetzt langfristig Verbrennungsmotoren? Ist es weitsichtig, wenn die Bundesrepublik auf den Aufbau einer eigenen Batteriefabrikation setzt? Oder gibt es bessere Alternativen?

          Technologie-offen fördern

          China hat in diesem Markt keineswegs auf Batterien gesetzt, sondern nur vorgegeben, dass die Flotten der PKW-Hersteller sukzessiv alternative Antriebe haben sollen. Deutschland hat das Signal wohl gehört, aber nicht richtig reagiert. Haeusgen legt den Finger in diese Wunde: eine Wettbewerbswirtschaft müsse auf Technologieoffenheit setzen. Ohne Schadenfreude resümiert Frau Navidi einen mentalen Vorteil der amerikanischen Wirtschaft, dass man dort auch nach mehreren Pleiten von vorn anfangen könne. Die deutsche Angst vor der Pleite ist ein empfindlicher Wettbewerbsnachteil. Eine überraschende Allianz entsteht zwischen Wagenknecht und Haeusgen in der Frage der staatlichen Forschungsförderung. Eine technologieoffene Förderung finde, so Haeusgen, im Bundestag glatt eine Zweidrittelmehrheit.

          Wer in diesen Tagen die neuesten Elektroautos ausprobiert, erlebt unangenehme Überraschungen. Entweder sind die vom Navi angezeigten Tanksäulen besetzt oder ihnen fehlen für die neuesten Batterien die richtigen Verbindungskabel. Wo man hinsieht, mangelt es an Standards. Ob es daher ein Trost ist, dass die Karosserie und die Reifen des neuen Teslas nicht die Standards von BMW oder Daimler erreichen? Der handwerkliche Stolz könnte sich als vergänglich erweisen. Noch gewährt er einen Vorteil. Nur wie lange noch?

          Ein ganz anderes Thema ist der Ausbau der Kommunikationsnetze. Felix Lee findet es dumm von den Europäern, entweder auf amerikanische oder auf chinesische Technologie zu setzen. Die Vorbehalte gegen Huawei sind überschattet von der Erfahrung, wie die Amerikaner die europäischen Netze abgeschnorchelt haben. Diese Erfahrung will man nicht wiederholen.

          Salvatorisch unbestimmt legt sich Altmaier fest: Jedes Produkt, das eingebaut wird, müsse sicher sein. Wer gewährleistet das? Und wie wird es überprüft? Das Bundesamt für die Informationssicherheit muss noch zum Jagen getragen werden, während der Bundesnachrichtendienst sogar Prämien auslobt für Informationen über Sicherheitslücken. Felix Lee findet Gefallen daran, wenn die EU mit China härter verhandelte. Erst dann werde man in China ernst genommen.

          Sind Großunternehmen die Zukunft?

          Ob es die richtige Strategie ist, in den europäischen Märkten immer größere Konglomerate aufzubauen, um mit den Vereinigten Staaten und China besser zu konkurrieren, daran zweifelt nicht nur Sahra Wagenknecht, sondern auch die europäische Wettbewerbskommissarin. Die Fusion der Eisenbahnsparte von Siemens und Alstom ist abgeblasen, es sei denn, der französische Präsident findet mit der Bundeskanzlerin einen Bypass an Brüssel vorbei. Es geht in dem Spiel um den Ausgleich von Interessen kleinerer EU-Länder mit eigener Eisenbahnindustrie wie zum Beispiel Spanien.

          Aus Brüssel teilt ZDF-Korrespondent Stefan Leifert mit, welche Vorbehalte andere Europäer gegen deutsch-französische Alleingänge haben. Nur wer behauptet, dass es sich dabei um Dinosaurier handelt? Was haben junge Unternehmen, egal von wo sie kommen, in die Waagschale zu werfen?

          Frau Navidi erinnert daran, dass von den 40 weltgrößten Unternehmen nur fünf europäisch sind. Sie leitet daraus einen Aufholbedarf ab, ohne dass darunter die kleineren EU-Länder leiden müssen. Haeusgen sekundiert. Peter Altmaier möge an die Schwarmintelligenz der deutschen Wirtschaft glauben. Das hat wenig mit Romantik zu tun, aber viel mit der mittelständischen Industrie, die er im VDMA vertritt.

          So bleibt am Ende ein Wimmelbild. Klar scheint nur, dass die Karten neu gemischt werden. Unklar ist, wer sich unter den Partnern Deutschlands in das eigene Blatt schauen lässt. Keine gute Voraussetzung für eine gemeinsame europäische Wettbewerbsstrategie. Was an diesem Abend aufgefallen ist: Das war eine aufgeräumte und blitzschnelle Diskussion, ohne Scheu vor komplexen Themen und politischen Ungewissheiten, eine Sternstunde.

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