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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Verfrühtes Bleigießen

  • -Aktualisiert am

Die Merkel-Talkrunde bei Maybrit Illner. Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Wer die Nachfolge Merkels antritt? Darüber zu spekulieren, ist eine gute Aufgabe für eine folgenlose Diskussion. Einer, der sich auf die Zeit nach Merkel freut, brachte besonders hübsch vorbereitete Sätzchen mit.

          In der ARD war am Montagabend ein Porträt Christian Lindners zu sehen, an dem Reinhold Beckmann ein Jahr gearbeitet hat. Das Porträt war seifig. Es gab aber einen interessanten Aspekt: Lindner deutete an, dass nach dem Abbruch der Jamaika-Sondierungen das Spiel wieder offen sei und es über diese Option auch Gespräche gebe. Bei Maybrit Illner setzt er hinzu, Angela Merkel könne davon etwas mitbekommen haben. Die FDP, sagt er später, sei bereit, erneut für Jamaika anzutreten.

          Aus diesem Beifang entsteht der Eindruck, dass Merkel, gut informiert über Seitensprünge von Parteifreunden, die Routinesitzung des Präsidiums dazu nutzte, ihrerseits vollendete Tatsachen zu schaffen. Warum sollte sie unbeteiligt gute Miene zu Putschvorbereitungen aus der Kulisse machen? Der Journalist Hajo Schumacher unterstreicht den Eindruck mit dem Hinweis, Friedrich Merz sei in jüngster Zeit häufiger zu sehen gewesen, nicht nur auf der Atlantikbrücke und bei Wolfgang Schäubles Geburtstag, sondern auch in dem einen oder anderen gut beobachteten Hinterzimmer der Berliner Republik.

          Folgerichtig ist Lindner dafür, dass Merkel auch bald als Kanzlerin zurücktritt. Er gebraucht dafür das Wort „Respektabstand“. Kurz vorher erzählt er etwas von „Gestaltungsehrgeiz“. Sein Auftritt wirkt wegen solcher Schmuckphrasen, als befinde er sich noch in der Generalprobe. Nur fehlt in der Runde sein Dompteur. Auch die Gastgeberin fühlt sich nicht berufen nachzufragen, was er damit sagen will.

          Wie ein Grinsen ohne Katze

          Einen ganzen Satz aus dem Poesiealbum für Talkshows hat Lindner fertig geklöppelt mit ins Studio gebracht und sagt ihn in einer beiläufigen Betonung auf, als sei er ihm gerade in den Sinn gekommen: „Was für die Partei richtig ist, kann für das Land nicht falsch sein.“ Wie bitte? Hat er sich einen Trick seines Vorgängers Westerwelle angeeignet? Der hatte für seine Auftritte solche Sätze vorbereitet und sie manchmal auch dann losgelassen, wenn es dafür keine geeignete Gelegenheit gab. Sie standen dann wie ein Grinsen ohne Katze im Raum. Das war bei diesem von Lindner mitgebrachten Sätzchen ähnlich.

          Als Liberaler hätte er gute Gründe vorbringen können, dass die Gleichsetzung von Partei und Land Ausdruck für die politische Hybris der CDU sei, der Bescheidenheit besser bekomme. Aber nein, auch zu dieser geklöppelten Aussage gab es keine Nachfrage. Lindner darf ungestraft posieren.

          Flaues Lüftchen unter den Flügeln

          Der erste Einspielfilm, Merkels Erklärung vom Montag, wird mit der Musik der Intrigenserie „House of Cards“ unterlegt. Das war vermeidbar albern. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Ursula von der Leyen sieht ihre Partei nach Merkels Ankündigung schon mit Wind unter den Flügeln. Nach dem Sturzflug in Hessen klingt das arg autosuggestiv. Hans-Peter Friedrich von der CSU hofft darauf, dass die Schwesterpartei zu alter Stärke als Volkspartei finden könne. Schriftstellerin Juli Zeh findet den angekündigten Rückzug Merkels nicht gut. Das wirke nach den Stimmenverlusten wie ein Schuldeingeständnis. Hajo Schumacher ist der Gutelaunebär des Abends und freut sich über Festtage der Demokratie.

          Spätestens jetzt stellt sich die Frage, welchen Sinn es hat, zwei politische Köpfe wie Friedrich und von der Leyen einzuladen, die aus manchen Gründen selbst vor dem Ende ihrer politischen Laufbahnen stehen. Setzt die Einladung darauf, dass die Betroffenheit der beiden ein anderes Mitgefühl ermöglicht oder beide bissiger argumentieren? Weder das eine noch das andere passiert. Man kann die Diskussion auch mit abgeschalteten Lautsprechern betrachten und erraten, bei welchem Sprücheklopfen die Gäste inzwischen angekommen sind.

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