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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Übertreibungen, acht Wochen später

  • -Aktualisiert am
SPD-Politiker Karl Lauterbach: Man solle „nicht über die Strategie reden, wenn man kein Ziel“ habe.

Trotzdem brachte dieser Fernsehabend neue Erkenntnisse, die uns in den kommenden Wochen bis Ostern weiterbringen können: Sich über die Ziele zu verständigen, die wir mit der Pandemiebekämpfung verbinden. Sie ist ein historischer Ausnahmefall, den wir im vergangenen Jahrhundert dreimal erlebt hatten. Am Anfang stand die Spanische Grippe von 1918/19, die als einzigartige Katastrope mit weltweit 50 Millionen Toten als ein epidemiologischer Urknall gelten muss. Anschließend gab es zwei weitere Pandemien in den Jahren 1957 und 1968. Im letzteren Fall starben an der Hongkong-Grippe bis 1970 weltweit eine Million Menschen. Das sind Zahlen, die sich heute niemand mehr vorstellen kann. Damals galten Pandemien aber noch als Naturkatastrophen, denen der Mensch wenig entgegensetzen konnte. 50 Jahre später wird dagegen diese erste desaströse Pandemie des 21. Jahrhunderts als ein Ereignis betrachtet, das vom Menschen beherrscht werden könnte. Das bestimmt die Wahrnehmung, führt aber gleichzeitig zur Ernüchterung, wenn diese Erwartung trotz des medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritts der vergangenen Jahrzehnte enttäuscht wird.

Tatsächlich ist soziale Distanzierung die älteste Form der uns bekannten Seuchenbekämpfung. Sie bestimmte schon das staatliche Handeln während der Spanischen Grippe. Allerdings lebten die Menschen mitten im Krieg, waren an den Schrecken des Todes gewöhnt. Das ist heute anders: Uns hielt groteskerweise sogar die Landespolitik in Thüringen davon ab, um uns auf diese Pandemie sinnvoll vorzubereiten. Wie ungewohnt diese Situation ist, machte zudem ein Vorschlag von Karl Lauterbach deutlich. Wir bräuchten einen dauerhaften Lockdown als Investitionsanreiz für Unternehmen, um bei uns Schutzmaterialien zu produzieren. Bisher kommen bekanntlich 90 Prozent dieser Produkte aus China, wie Theiler feststellte. Dieser Idee des SPD-Politikers war eine gewisse Originalität nicht abzusprechen: Schließlich kam bis heute noch niemand auf die Idee, den Ruin der westlichen Volkswirtschaften als Investitionsanreiz zu definieren. Auf einen solchen Dammbruch sollte man vielleicht besser verzichten: Den würden wir wohl nicht so schnell vergessen.

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