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TV-Kritik: Maybrit Illner : Der tiefe Graben zwischen Türken und Kurden

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner und ihre Gäste Bild: ZDF

Die Konflikte zwischen beiden Gruppen eskalieren auch in Deutschland. Die Gäste von Maybrit Illner verkannten, wie stark die Auseinandersetzung symbolisch aufgeladen ist.

          Wird die Bundesrepublik erneut zum Schauplatz für Konflikte zwischen Türken und Kurden? Der Fall der Stadt Afrin könnte dazu führen. Die scharfe Kritik der Bundeskanzlerin an der türkischen Intervention bezeugt, dass die Politik den Ernst der Lage verstanden hat.

          Um zu verstehen, worum es geht, ist an die Legende des kurdischen Neujahrsfests zu erinnern, das gestern zu feiern gewesen wäre. Der Schmied Kawa tötete den Tyrannen Dihak. Aus Dihaks Schultern wuchsen zwei Schlangen, denen jeden Tag die Gehirne von zwei jungen Männern geopfert werden mussten.

          Kawa griff zu einer List, nachdem er schon viele Kinder geopfert hatte, und schickte den tyrannischen Schlangen Schafshirne. Sein Beispiel machte Schule. Als der Tyrann gestürzt war, entzündeten die Befreier Feuer, die die Kunde von seinem Fall verbreiteten.

          Das ist der Mythos, der durch den Fall Afrins, nur wenige Tage vor dem Neujahrsfest, durch die Türken umgedreht wird. Erneut reckt der wiederauferstandene Tyrann seine Glieder. Erdogans dschihadistische Spießgesellen der al-Nusra-Front hatten zuvor die Statue Kawas gesprengt. Über 200.000 Kurden sind von den Türken in die Flucht getrieben worden.

          Bauernopfer der Weltmächte

          Die Kurden machen abermals die Erfahrung, dass ihnen gegebene Versprechen gebrochen werden. Ihr Kampf gegen den IS wird nicht gewürdigt. Sie sehen sich als Bauernopfer der Weltmächte auf dem Schachbrett des Nahen Ostens. Daran erinnerte gestern der französische Autor Gilles Hertzog.

          Die Vehemenz der kurdischen Proteste verdankt sich der mythischen Aufladung von Erdogans Intervention. In den Augen der Kurden droht ihnen der Großosman mit dem gleichen Schicksal, das vor über hundert Jahren die Armenier erlitten hatten: ethnische Säuberungen im Großmaßstab.

          Wer diesen Hintergrund nicht beachtet, zugleich aber, wie Serap Güler, Integrationsstaatssekretärin in NRW, dafür plädiert, dass die regionalen Konflikte Lehrstoff in Schulklassen mit türkischen und kurdischen Schülern und Schülerinnen werden soll, der unterschätzt die Herausforderungen. Eine militärische Operation, die unter dem Namen Olivenzweig geführt wird, stellt nicht nur symbolisch die Welt auf den Kopf.

          Keine Toleranz für Gewalt

          Die Sicherheitsbehörden registrieren seit Jahresbeginn 37 Anschläge gegen Moscheen und muslimische Einrichtungen, darunter elf Brandanschläge. Keine gute Voraussetzung dafür, den inneren Frieden zu wahren, indem man über die Frage schwadroniert, ob der Islam zu Deutschland gehört. Darauf wies ZDF-Sicherheitsexperte Elmar Theveßen hin, der daran erinnerte, dass jüdische, muslimische und christliche Denker seit dem 12. Jahrhundert europäische Geistesgeschichte geschrieben haben. Für das Zusammenleben mit drei Millionen Menschen türkischer Abstammung und einer Millionen Kurden sind solche Ausgrenzungen nicht hilfreich.

          Wer den Fall Afrins mit Anschlägen auf türkische Einrichtungen in Deutschland rächen will, erliegt einem Trugschluss. Um so etwas zu verhindern, hofft Kripo-Gewerkschafter Sebastian Fiedler auf besseren Informationsfluss zwischen Sicherheitsdiensten und örtlichen Polizeien.

          Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrats, hält nichts von einer Ethnisierung des Terrors. Cem Özdemir wiegt den Kopf. Wo bleibe die Empörung der deutschen Öffentlichkeit in Bezug auf Erdogans Krieg? Merkels Regierungserklärung findet in dem Punkt sein Lob. Er sieht auf beiden Seiten den Versuch, den Konflikt in Deutschland anzuheizen. Für Gewalt aber gebe es keine Toleranz.

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