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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Von Autohassern und Volkserziehern

Hofreiter sah das anders. Er fand, dass die 3 bis 4 Prozent sehr großen SUV auf Deutschlands Straßen sehr wohl ein Problem seien. „Das höre ich überall: Das sind nur 3-4 Prozent. Das sagt auch die Flugwirtschaft, da sind dann auch 3 bis 4 Prozent und dann noch woanders 3 bis 4 Prozent und am Ende haben wir unsere Lebensgrundlagen zerstört.“

Streit um den Stadtpanzer

Einen Konsens darüber, ob SUV verboten gehören oder zumindest die besonders großen vielleicht doch, brachte die Runde nicht hervor. VW-Chef Diess wies darauf hin, dass manche besonders großen Modelle ohnehin nur in Nordamerika verkauft würden, Klima-Aktivistin Velo will die schweren und hohen „Stadtpanzer“ hingegen lieber gestern als morgen aus der Stadt werfen.

Nicht einig wurde sich die Gruppe auch in der Gretchenfrage, inwieweit die Deutschen künftig auf ein eigenes Auto verzichten müssen. Für Kretschmer eine absurde Forderung: „Eine kleine Gruppe erhebt sich hier über die anderen und will Autos verbieten.“ 68 Prozent der Deutschen lebten im ländlichen Raum, die brauchten die individuelle Mobilität. Alles andere sei „eine Illusion“.

Moderatorin Illner ergriff die Gelegenheit und leitete zu einem vorher ausgewählten Zuschauer im Studio über. Zu Gast war Ibrahim Gaddar, ein Optiker aus Castrop-Rauxel, der jeden Tag insgesamt 120 Kilometer zur Arbeit hin und zurück fährt und dafür angeblich oder tatsächlich 4 Stunden braucht (was eine durchschnittliche Fahrtgeschwindigkeit von 30 Kilometern je Stunde bedeuten würde). Gaddar sagt, dass er sein Auto brauche, weil er sich nicht auf unzuverlässige Busse und Bahnen verlassen könne. Er habe drei Kinder, die wolle er nach Feierabend auch mal sehen. Erwartungsgemäß spricht sich der Langstreckenpendler auch gegen höhere Benzinpreise aus, wenn auch mit besonders markigen Worten: „Einem Politiker, der Schuhe für 600 Euro anhat und einen maßgeschneiderten Anzug, dem ist es egal, ob der Sprit 15 Cent teurer ist oder nicht.“ Bei ihm, Gaddar, komme es am Ende des Monats aber auf jeden Cent an.

„Wir dürfen hier nicht Volkserzieher spielen“

Jeder in Illners Runde wollte dem armen Pendler helfen, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. VW-Chef Diess schlug Gaddar vor, ein preisgünstiges VW-Elektroauto zu leasen. Klimaaktivistin Velo empfahl, die Bahn auszubauen und günstiger zu machen. Kretschmer wiederum lehnte strikt ab, Autobesitzer zusätzlich zu schröpfen. „Wir dürfen hier nicht Volkserzieher spielen“, konstatierte er. Auch wenn das „für die Grünen schwer zu ertragen“ sei. Nötig sei vielmehr, die Infrastruktur auszubauen.

Der konservative Politiker, der seit zwei Wochen in Sachsen eine neue Regierung mit SPD und Grünen aushandeln muss, hat dafür drastische Vorschläge im Gepäck. Damit Straßen, Radwege und Bahnstrecken künftig wesentlich schneller gebaut werden, sollen aus dem Planungsrecht „die Verbandsklagen weg, die ganzen Umweltverträglichkeitsprüfungen weg“. Und dann ging Kretschmer frontal auf Hofreiter los: „Das sind Ihre Leute, die das alles reinverhandelt haben und die so neue Projekte verhindern.“

Die folgenden Wortbeiträge, sehr viele Sätze, gehen im Tumult unter. Als es wieder verständlich wird, dreht sich die hitzige Diskussion um die Frage, warum manche ICE-Strecke eine Bauzeit von 30 Jahren hatte. Kretschmer sagte, weil immer neu geplant werden musste (woran sinngemäß die Öko-Fritzen der Grünen mit ihren Kröten-Zählungen schuld sind). Hofreiter entgegnete, es gab schlicht zu wenig Geld für neue Trassen (woran die verblendeten Verkehrsminister der Union schuld sind).

Genau wie all die anderen Fragen konnte die Runde auch das Rätsel der 30-jährigen Bauzeit nicht lösen. Unterhaltsam war es trotzdem.

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