https://www.faz.net/-gqz-9emmm

TV-Kritik: Maybrit Illner : Drei Grüne, eine Meinung

  • -Aktualisiert am

ZDF-Moderatorin Maybrit Illner Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Es ging um die Energiepolitik und den Hambacher Forst. Eingeladen waren Gäste, die das vielfältige Meinungsspektrum repräsentieren. Oder auch nicht.

          5 Min.

          Zweifellos wäre dies eine interessante Sendung über die Energiewende und die Zukunft der Braunkohle gewesen: Der Vertreter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie machte deutlich, wie unverzichtbar eine mit politischer Rationalität vollzogene Energiewende ist. Die von dieser Politik betroffenen Menschen kamen nicht zu kurz. Der Vertreter des Betriebsrates eines im Braunkohletagebau vertretenen Unternehmens schilderte die Zukunftsängste vieler Menschen in dieser Region. Rolf-Martin Schmitz als Vizepräsident des Bundesverbandes für Energie- und Wasserwirtschaft machte die konstruktive Mitarbeit der von ihm vertretenen Unternehmen deutlich: „Der Weg ist erkannt. Die Frage ist auch nicht, ob wir ihn gehen, sondern wie wir ihn gehen.“

          Wirtschaftsminister Peter Altmaier verwahrte sich dagegen, die Energiewende „schlecht zu reden“: Das fördere lediglich die Politikverdrossenheit. Warum diese in einem klassischen Braunkohletagebau in der Lausitz droht, erklärte Christine Hertier, Bürgermeisterin von Spremberg. Dort hätte man den Ausstieg aus der Braunkohle „auf die harte Tour erlebt.“ Von den fünfzigtausend Arbeitsplätzen im Jahr 1990 seien heute noch achttausend übrig. Am Ende der Sendung durfte schließlich noch Antje Grothus in einem Einzelinterview die Sichtweise der Braunkohlegegner aus dem rheinischen Revier deutlich machen. Der gerade heftig umstrittene Hambacher Forst wäre „nicht zu ersetzen, durch keine Ersatzanpflanzung der Welt.“

          So lief es tatsächlich

          Diese Sendung hat es so natürlich nicht gegeben. Niemand käme heute noch auf die Idee, die alten sozialdemokratischen Netzwerke aus Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik allein über die Energiepolitik reden zu lassen, mit einer Frau Grothus als Feigenblatt zur Wahrung pluralistischer Fassade. CDU-Wirtschaftspolitiker waren in diesem Milieu mit sozialdemokratischer Hegemonie bestens integriert. Deswegen hätte auch damals ein Altmaier daran teilnehmen dürfen. Diese frühere Stärke der Sozialdemokraten ist Geschichte. Sie haben sich mittlerweile auf den Umweg über Hans-Georg Maaßen in die Irrelevanz begeben. Dafür zeigte Maybrit Illner, wie zeitgemäße Netzwerke funktionieren. Die Grünen haben es in der Hinsicht zu einer wahren Meisterschaft gebracht.

          So durfte gestern Abend statt Frau Hertier besagte Frau Grothus von Anfang an am Tisch von Frau Illner sitzen. Sie ist Mitarbeiterin der „Klima-Allianz Deutschland“, wo sich alle möglichen Verbände aus dem grünen Milieu zusammengeschlossen haben. Da braucht man noch nicht einmal selbst in diese Partei eintreten, um deren Programmatik zu teilen. Es ist eine klassische Vorfeldorganisation, die es früher auch bei der SPD und der CDU gab. Diese sind nur längst den Weg allen Irdischen gegangen.

          Außerdem war Klaus Müller eingeladen. Ein kluger Schachzug der Redaktion. Müller ist der Vorstand des Verbraucherzentralen Bundesverbandes VZBV. Aber nicht nur das: Er ist als früherer Bundestagsabgeordneter und Umweltminister in Schleswig-Holstein einer der profiliertesten Politiker der Grünen. Das ZDF wagte es sogar, diesen politischen Hintergrund mit einem kurzen Untertitel deutlich zu machen.  Die Zuschauer waren bestimmt beeindruckt über so viel Transparenz. Außerdem war noch Anton Hofreiter zu Gast. Er ist zufällig Fraktionssprecher der grünen Bundestagsfraktion.

          Man verstand sich

          So saßen dort drei Grüne in der Sendung, die sich munter die Bälle zuwarfen. „Ich bin auch bei Frau Grothus“, um einmal Müller zu zitieren. Hofreiter fand wiederum für seinen Parteifreund Verbraucherschützer lobende Worte. Das wäre „genauso, wie es Müller darstellt.“ Wer hätte das gedacht? Mit dem Bundeswirtschaftsminister Altmaier gab es zwar die üblichen Nicklichkeiten. Das hätte er schon häufig gehört, so Hofreiter an dessen Adresse über die ausbleibende Energiewende. Aber der Anton und der Peter verstanden sich ansonsten prächtig. Sie sind selbstredend per Du. Schließlich ist Altmaier einer der Urväter der legendären „Pizza-Connection“, wo schon zu Zeiten Helmut Kohls die damals noch jungen CDU-Politiker erste zarte Bande mit den Grünen knüpften.

          Mittlerweile sind sie etwas älter geworden. Aber das hinderte die beiden gesetzten Herren natürlich nicht, die grüne Energiepolitik mit schwarzen Einsprengseln zum wichtigsten Thema der Sendung zu machen. Illner erwies sich dabei als profunde Stichwortgeberin. Ab und zu durfte sich der Vertreter der RWE äußern. Der schon erwähnte Rolf-Martin Schmitz war auch anwesend. Wahrscheinlich sollte er jenen industriepolitischen Sachverstand repräsentieren, ohne den auch die grüne Energiepolitik mit schwarzen Einsprengseln nicht auskommen kann. Oder er sollte den Abscheu vor dem Lobbyismus der Energiewirtschaft symbolisieren. Das war nicht eindeutig zu klären. Den nutzen nämlich gerne die Lobbyisten aus dem Verbandswesen der Grünen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Etwa Bäume zu fällen, um dort Windkraftanlagen aufzustellen. Dorthin verirrt sich allerdings nie ein Journalist, um über die Aktivisten beim Kampf für den Naturschutz berichten. Dort gibt es schlicht keine Aktivisten, entsprechend keine Journalisten. Aber immerhin deutete Altmaier den Widerstand gegen den Ausbau der Windenergie in Bayern an.

          Offenbar ist nicht nur in der Redaktion irgendwann der Eindruck entstanden, dass die Grünen die Energiepolitik für sich gepachtet haben. Das muss etwas mit deren Rhetorik zu tun haben. Danach müssten die Grünen in einer politischen Tombola das große Los gezogen haben. Dort ist „Rettung der Welt“ zu lesen. Mit dem entsprechenden Pathos argumentierte gestern Abend Hofreiter über den Hambacher Forst. Dort werde „alter Wald ausgebaggert, um unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.“ Es ginge beim Klima darum, „uns selbst zu retten.“ Der frühere Umweltminister Müller empfahl aber auch den Kauf eines energiesparenden Kühlschranks. So einfach geht halt die Rettung der Welt in der pragmatischen Umsetzung des Verbraucherschutzes. Das mag alles richtig sein. Ändert aber trotzdem nichts daran, dass die Grünen keinen Hauptgewinn in dieser Tombola gezogen haben. Sie haben sich nur selber als „Retter der Welt“ deklariert.

          Krachledernde Rhetorik

          In Wirklichkeit ist diese Partei in der Energiepolitik nicht kompetenter als andere Wettbewerber, trotz der nicht nur bei Hofreiter zu findenden krachledernden Rhetorik. Warum saß bei Frau Illner nicht ein Energiepolitiker der FDP oder sogar der AfD? Dann wäre unter Umständen auch der Sachverhalt näher beleuchtet worden, dass diese Rodung des Hambacher Forstes letztlich auf einer Entscheidung der vorherigen Landesregierung in Düsseldorf beruht. Die Grünen hatten das mitbeschlossen. Davon war aber nicht die Rede, wenn der Anton dem Peter erklärte, was dieser in der langen Regierungszeit im Bund alles versäumt hätte. Die Grünen schlugen sich schon immer gerne in die Büsche, allerdings nicht aus Liebe zur Natur. Sie wollten lieber nicht der eigenen Klientel die ungeliebten politischen Kompromisse vermitteln. Im Hambacher Forst ist das wieder zu erleben.

          Mit anderen Gästen hätte man somit wenigstens jenes Maß an Kontroverse in die Sendung gebracht, die gemeinhin als deren Markenzeichen gilt. Harte politische Auseinandersetzungen, um den Zuschauern die eigene Meinungsbildung zu ermöglichen. Selbst wenn es am Ende nur der Bestätigung des jeweiligen Weltbildes gedient haben sollte, werden die Zuschauer wenigstens gut unterhalten. Mit der Gästeliste eines Gewerkschaftsfunktionärs (SPD), eines Betriebsrats als betroffener Bürger (SPD), eines Verbandsfunktionär (SPD), eines Manager aus der Energiewirtschaft und eines CDU-Politiker mit der gleichen Meinung wäre dieser Anspruch zweifellos nicht erfüllt worden. Sie wäre schlicht eine Zumutung gewesen, und noch viel schlimmer: langweilig. Genau das war diese Sendung: entsetzlich langweilig. Es diskutierte das schwarz-grüne Bündnis über grün-schwarze Energiepolitik. Die Grünen sind allerdings eine Achtkommaneun-Prozent-Partei im Bundestag. Sie stellen die kleinste Fraktion und repräsentieren damit lediglich ein kleine Minderheit unter den Wählern. Warum also diese Omnipräsenz in den Talkshows, wobei sich hier sogar drei Vertreter dieses Milieus so wunderbar die Bälle zuspielen konnten?

          Wer nimmt wen vom Netz?

          Diese Frage muss vor allem das ZDF beantworten. Die Rundfunkbeiträge werden schließlich nicht nur von diesem Milieu bezahlt, sondern von allen deutschen Haushalten. Die haben einen Anspruch darauf, dass sich die großen Kontroversen dieses Landes auch im Programm wiederfinden. Und zwar nicht nur aus der Sichtweise jener Netzwerke, die die Grünen in den vergangenen Jahrzehnten mit Geschick aufbauten und dazu noch dreist als Gemeinwohl etikettierten. Das ist allerdings, wie jedes Etikett, reines Marketing.

          Noch nicht einmal im Hambacher Forst haben die Grünen die Wahrheit in einer politischen Lotterie gewonnen. Sie vertreten Interessen und Überzeugungen. Das unterscheidet sie in keiner Weise von anderen Lobbygruppen. Daran ändert sich auch nichts, wenn der Anton mit dem Peter redet. Oder Frau Illner den Bundeswirtschaftsminister am Anfang der Sendung fragt, „wann denn Angela Merkel den Horst Seehofer vom Netz nimmt.“

          Das ZDF könnte man auch irgendwann vom Netz nehmen, wenn es nämlich weiterhin solche Sendungen produziert. Das aber nur als launiger Hinweis an die Leser. So hat Maybrit Illner bestimmt auch ihre Frage an den CDU-Politiker verstanden: als Scherz.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Frau mit Maske überquert die Straße im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Im Hintergrund ist ein Stoppschild auf die Wand gemalt: „Nicht ein Toter mehr!“

          Liveblog zum Coronavirus : Mehr als 300.000 Infizierte in Amerika

          Bundesverband der Deutschen Industrie geht von Wirtschaftseinbruch von bis zu sechs Prozent aus +++ Leichte Hoffnung für Italien: Die Zahlen der täglichen Toten ist gesunken +++ Die schwangere Verlobte des britischen Premiers Johnson litt nach eigenen Angaben unter dem Coronavirus +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.