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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Im Paralleluniversum

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutiert in ihrer Sendung vom 5. März 2020 mit Annalena Baerbock, Paul Ziemiak, Lamya Kaddor, Gerald Knaus und Kristin Helberg (v.l.n.r.). Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Müssen die Europäer mitten in einer ausbrechenden Pandemie nun auch noch einen Machtkampf mit dem türkischen Präsidenten bestehen? Gestern Abend zeigte sich, dass man das auch anders sehen kann.

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          Ab diesem Freitag hat Israel für deutsche Staatsbürger ein Einreiseverbot verhängt, es sei denn die betreffenden Personen können sich in Israel in eine vierzehntägige Quarantäne begeben. Der Grund ist die sich entwickelnde Coronavirus-Epidemie in Deutschland. Das war zwar nicht das Thema bei Maybrit Illner, doch liefert diese Meldung den passenden Rahmen für das, was die Zuschauer gestern Abend erleben durften. Die um Aufklärung bemühten Gäste beschäftigten sich mit der Situation an der türkisch-griechischen Grenze unter dem Titel „Erdogan und die Flüchtlinge – Erpressung oder Notwehr?.“ So ging es etwa um die Frage, wie viele Flüchtlinge unser Land aus der nahöstlichen Krisenregion aufnehmen sollte.

          In Zeiten einer in den vergangenen hundert Jahren nur selten erlebten Pandemie ist dies sicherlich das, was die Bürger von der deutschen Politik erwarten. Nämlich unter Umständen hierzulande in den kommenden Tagen und Wochen ganze Regionen unter Quarantäne stellen zu müssen, um gleichzeitig die Einreise Tausender Flüchtlinge zu bewerkstelligen.

          Nun mag es schon zu kompliziert sein, zwei schwerwiegende Krisen zu kontextualisieren. Bisweilen ist eine Diskussionsrunde aber auch schon mit einem Thema überfordert. Das Drama begann schon mit einem Einspieler über die „Macht der Bilder.“ Dort wurde ein Interview mit zwei jungen Männern auf der türkischen Seite der Grenze gezeigt. Sie berichteten vom Vorgehen griechischer Sicherheitskräfte. Einer berichtete, wie ihnen die Grenzpolizei das Handy und sogar die Schuhe abnahm. Zeitgleich ließ der andere etwas in seine Hosentasche verschwinden, das tatsächlich wie ein Handy aussah.

          Das mag ein Zufall gewesen sein, vielleicht war es auch kein Handy, oder er hatte zwei. Aber diese Bilder erzeugten nicht den Eindruck, den sie bewirken sollten: Etwas von der desaströsen Situation der vom türkischen Präsidenten an die Grenze geschickten Menschen zu vermitteln. Dieser darf sich ansonsten von seiner Botschaft in Berlin positive Nachrichten mitteilen lassen: So viel Verständnis für seinen machtpolitischen Zynismus hatte er bestimmt nicht erwartet.

          Das lag unter anderem an dem Migrationsforscher Gerald Knaus, der auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 bekannt geworden ist. Damals suchte die Bundeskanzlerin nach einem Strohhalm zur Eindämmung des Flüchtlingszustroms. Knaus hatte schon vorher einige Ideen über ein Abkommen mit Ankara entwickelt. Auf dieser Grundlage kam die Vereinbarung mit der Türkei zustande. Dass letztlich erst die Schließung der Balkanroute auf Initiative des damaligen österreichischen Außenministers Sebastian Kurz zum Ende des ungebremsten Zustroms führte, wurde leider nicht erwähnt.

          Dafür meinte Knaus, der EU eine Mitverantwortung für die derzeitige Misere zuschieben zu müssen. Sein Weltbild basiert nämlich auf der Annahme des guten Willens aller Beteiligten – dort kommen machtpolitische Zyniker nicht vor. So präsentierte er seinen alten Plan in neuer Fassung, und wunderte sich keinen Augenblick über die Probleme bei der Umsetzung. Ein Außenpolitiker hätte das unter Umständen anders gesehen, aber ein solcher war nicht eingeladen. Diese Runde wurde dominiert von einer Perspektive, die bei vielen Aktivisten und NGOs zu finden ist: Die Welt wäre gut, wenn die Europäer endlich in ihrem Sinne handeln würden.

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