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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Verbieten klappt, sonst nichts

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutiert in ihrer Sendung am 4. März 2021 mit ihren Gästen über die Frage: „Lockdown bis Ostern – weil Bund und Länder versagen?" Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Bund und Länder haben den Lockdown verlängert, aber Öffnungen in Aussicht gestellt: Was wie chaotischer Widerspruch wirkt, ist die deutsche Corona-Politik im Wahlkampfjahr. In voller Tragik auch bei Maybrit Illner zu sehen.

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          Wer wissen will, wie es derzeit um die deutsche Corona-Politik bestellt ist, der hätte einfach die Talkrunde von Maybrit Illner anschauen sollen. Schon die Gästeliste liest sich wie ein „Who's who“ derjenigen Politiker, die sich aktuell für die anstehenden Wahlen in Stellung bringen wollen: Markus Söder (Ministerpräsident von Bayern und möglicher Kanzlerkandidat der Union), Robert Habeck (Vorsitzender und möglicher Kanzlerkandidat der Grünen), Christian Lindner (Parteivorsitzender der FDP und bestimmt gerne auch Kanzlerkandidat), sowie Manuela Schwesig (SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern), die „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann und der Bonner Virologe Hendrik Streeck.

          Doch nicht nur die Posten der Gäste waren an diesem Abend entscheidend. Sie alle zeigten bei Maybrit Illner, wo das Land aktuell in der Corona-Pandemie steht. Angefangen beim aus München zugeschalteten Markus Söder, der eine bemerkenswerte Verwandlung vollzog – vom glühenden NoCovid-Fan hin zum Verfechter des „Ein-bisschen-Öffnen-sollte-schon-sein“. Söder war es, der in den vergangenen Wochen immer wieder warnte vor Öffnungsmaßnahmen angesichts steigender Inzidenzwerte. Nun steigen seit kurzem die Infektionszahlen tatsächlich wieder an – und Söder rechtfertigt den am Mittwoch beschlossenen Plan zu möglichen Öffnungen.

          Ein Schelm, wer an Wahlen denkt

          Das sei allerdings keine Abkehr von der Virologie, versichert Söder. Sie bleibe immer die Basis der Entscheidungen, aber man müsse auch die Bürger mitnehmen. Auch sei die Inzidenz nach wie vor die entscheidende Zahl, denn sie sei die früheste, verlässlichste und auch die justiziable Variable. Das ist alles richtig, doch was bleibt dann von Söders Ankündigung, durch Entlastungen für Akzeptanz bei den Bürgern zu sorgen? Hielte man sich an seine Worte – es wird nur geöffnet, wo die Inzidenz niedrig ist –, dann würde sich der vermeintliche Öffnungsplan der Regierung als faustdicke Mogelpackung entpuppen. Ein Schelm, wer bei dieser Metamorphose an anstehende Wahlen denkt. Aber nur mit Verboten ist es schwer, Stimmen zu gewinnen. 

          Auch Manuela Schwesig bemühte die populäre Formel vom Mitnehmen der Menschen. Klingt ja auch toll. Aus ihrer Sicht sei jenes Mitnehmen endlich möglich, da man nun neue Instrumente habe: Impfungen und Tests. Tja, auch das riecht eher nach Mogelpackung. Das Argument Impfen kassiert sie selbst keine 30 Sekunden später wieder mit der Bemerkung, dass keine Impfdosen rumliegen würden, sondern dass man über viel zu wenig Impfstoff verfüge.

          Dass das Impfgeschehen in Deutschland kein gutes Argument für Öffnungen ist, belegen auch die Statistiken. Beim Impfen legt Deutschland ein erschreckendes Tempo vor: 7,9 je100 Einwohner wurden laut Statistia hierzulande bislang geimpft. Von hochgelobten Israel (96,1 pro 100 Einwohner) muss man nicht gleich sprechen, aber die scharf kritisierten Vereinigten Staaten liegen derzeit bei 23,5. Auch Länder wie die Türkei (10,8) oder Marokko (10,7) liegen noch weit vor Deutschland. Und dass die für den 1.März vom Gesundheitsminister angekündigten Schnelltests nicht überall verfügbar sind, hat Jens Spahn inzwischen selbst gemerkt. Dennoch schließt Schwesig mit den Worten: Sie finde gut, was sie und ihre Kollegen so alles beschlossen hätten.

          Habeck im Energieloch

          Nach so viel regierungspolitischem Eigenlob ist es denn auch Robert Habeck von den oppositionellen Grünen, der die aktuellen Corona-Beschlüsse der Regierung als Zäsur bezeichnet – und nicht im guten Sinne. Man habe die Vorzeichen völlig verkehrt, klagt der Grünen-Vorsitzende. Lange Zeit habe man bei einem Inzidenzwert von 50 geschlossen, jetzt werde bei 50 gelockert. Viel schlimmer findet Habeck jedoch, dass dieser Politikwechsel nicht virologisch, sondern politisch begründet sei. Die Politik sei getrieben – und das werde sich womöglich rächen.

          Nach diesem Frontalangriff nimmt Habeck allerdings eine knapp 60-minütige Auszeit, in der er gebückt und mit gesenktem Kopf wie ein Schluck Wasser neben Maybrit Illner sitzend kein weiteres Argument oder gar einen alternativen Vorschlag nachschiebt. Erst ganz am Ende der Sendung rafft sich Habeck nochmals auf und überrascht mit einem energischen Plädoyer für mehr Kreativität und Verantwortungsgefühl unter Politikern. Wenn alles nur nach Vorschrift passiere, passiere am Ende oft auch zu wenig. Man dürfe sich nicht hinter Vorschriften verstecken, sondern müsse auch mal kreativ handeln und Verantwortung übernehmen.

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