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TV-Kritik: Maybrit Illner : Der Brexit, die Mustereuropäer und ein seltsames Paradox

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutierte mit ihren Gästen über den Brexit. Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Die Briten haben nun etwas mehr Zeit, um das Brexit-Schauspiel mit Anstand über die Bühne zu bringen. Bei Maybrit Illner zeigte sich, warum auch die Deutschen keine Mustereuropäer sind.

          Den einzigen überzeugenden Europäer treffen die meisten Zeitgenossen morgens im Badezimmer. Sie sehen ihn im Spiegel, wenn auch bisweilen noch etwas zerknirscht. Aber dort findet der Mustereuropäer das, was er sucht: sich selbst. Dafür wird er in seinen Sonntagsreden die kulturelle Vielfalt des alten Kontinents preisen. Diese Mustereuropäer sind überall zu finden. Sie haben alle möglichen Sichtweisen, nur eine kaum noch: Ihre Differenzen als legitim anzuerkennen und den Umgang damit als die eigentliche Erfolgsgeschichte der Europäischen Union zu begreifen.

          Davon bekamen die Zuschauer gestern Abend einen guten Eindruck. Frau Illner diskutierte über die „EU im Überlebenskampf – und Deutschland schaut zu?" Es war zum Glück nicht nur die Wiedervorlage der Debatte der vergangenen Woche über den Brexit und die allseits konstatierte Unfähigkeit der politischen Klasse im britischen Unterhaus. Damit hat man sich genug beschäftigt. Die Unterhausabgeordneten werden sich verständigen müssen. Bleibt diese Verständigung aus, wird das Land die EU ohne formellen Austrittsvertrag verlassen. So einfach ist das.

          Der Überdruss ist überall zu spüren, nicht zuletzt in Brüssel. Dort verständigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU auf eine Verschiebung des Austrittsdatums auf den 22. Mai. Allerdings nur dann, wenn sich das Unterhaus bis zum 12. April auf eine Annahme des Austrittsvertrages verständigt. Ansonsten müsste die britische Regierung bis dahin mitteilen, was sie zu tun gedenke. Damit wurde abermals das Dilemma deutlich, indem sich dieser Austritt verfangen hat. Für Greg Hands, Unterhausabgeordneter der Torys, ist dieser Vertrag eigentlich unannehmbar. Brüssel habe „zu hoch gepokert,“ vor allem wegen der Backstop-Regelung für Nordirland als Eingriff in die britische Souveränität. Dieser Einschätzung widersprachen in ansonsten seltener Einmütigkeit die anderen Gäste. Wobei der frühere Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert eine berechtigte Frage stellte: Warum Premierministerin Theresa May diesen Vertrag überhaupt unterschrieben hatte, den Hands „unvorteilhaft für Großbritannien“ nannte.

          Sie hatte wohl die innenpolitische Dynamik unterschätzt, wo sich zwei Seiten bis heute unversöhnlich gegenüberstehen. Die harten Brexiteers setzen auf einen No-Deal-Brexit, während die Remainer auf ein neues Referendum hoffen, um dort die Mehrheit zu ihren Gunsten zu kippen. Unter diesen Voraussetzungen ist Greg Hands als Pragmatiker auf verlorenem Posten, dabei macht er alles richtig. Ursprünglich unterstützte er den Verbleib in der EU. Trotz seiner Niederlage verteidigte er das Referendum gegen die Kritik von Wickert, der für das Ergebnis „Fake News und Lügen“ verantwortlich machte. Den Vertrag lehnte er im Januar wegen der genannten Bedenken trotzdem ab. Jetzt ist der frühere Handelsminister aber bereit ihn anzunehmen, weil er einen harten Brexit für die schlechtere Alternative hält. Max Weber hätte hier ein gutes Beispiel für einen Politiker gefunden, der nach den Grundsätzen der Verantwortungsethik handelt.

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