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TV-Kritik: Maybrit Illner : Der Brexit, die Mustereuropäer und ein seltsames Paradox

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Das kann man auf andere Themen übertragen, wo bei uns alle politischen Lager ihre nationalen Steckenpferde reiten. Bei den Konservativen sind das ausgeglichene Haushalte oder bei Grünen die Energiepolitik ohne Atomenergie und Kohleverstromung. Dort interessiert sich in Wirklichkeit niemand für die Vereinbarkeit mit der Europapolitik. Maas kritisierte mit guten Gründen die machtpolitischen Kalküle im Londoner Unterhaus. Diese orientieren sich tatsächlich nicht nur an den von ihm genannten „Sachfragen“. Sein Denkfehler bestand allerdings darin, das könnte bei uns Deutschen anders sein.

Anstand oder Fairness?

Um diese Schwäche zu verdecken, wird gerne über Werte geredet, so auch gestern Abend. Der Außenminister sprach sogar davon, den Osteuropäern die Gelder zu kürzen, wenn sie sich an dieses Wertesystem nicht halten sollten. Ob das den Zusammenhalt der Europäer fördert, ist zu bezweifeln. Wertedebatten enden schnell in Glaubenskriegen, wie nicht zuletzt die europäische Geschichte leidvoll bewiesen hat. Hier wurde auch Schümer inkonsequent. Frau Thillaye forderte ihn auf, doch positive Vorschläge zur Reform der EU zu formulieren. Jetzt befürwortete er plötzlich die Übertragung von Kompetenzen an die Europäische Union. Das passte aber nicht zu seiner vorherigen Argumentation. Dort hatte er schließlich auf die Heterogenität innerhalb dieses Gebildes aus noch 28 Staaten namens Europäische Union hingewiesen. Sie ist, so war Schümer zu verstehen, ein institutioneller Rahmen, um das auszuhalten. Die EU wird aus dieser Ambivalenz nicht herauskommen, wenn sie diese Unterschiede einzuebnen versucht. Da helfen nicht einmal die viel beschworenen europapolitischen Sonntagsreden des französischen Präsidenten. Seine Franzosen, aber auch Italiener, Ungarn oder Polen ticken trotzdem unterschiedlich. Das gilt sogar für die Deutschen, selbst wenn sie im Badezimmerspiegel einen Mustereuropäer zu sehen meinen.

Greg Hands wird diese sehr deutsche Debatte zwischen den Herren Maas, Schümer und Wickert sicherlich aufmerksam verfolgt haben. Ob er dort überzeugende Argumente für den Verbleib in der EU fand, ließ sich leider nicht klären. Die gebürtige Deutsche Sabine Thillaye konnte ihre Herkunft allerdings auch nicht verbergen als sie feststellte: "Wir müssen überlegen, was wir wollen, das ist vielleicht das Positive am Brexit." Nach dem tieferen Sinn zu suchen, galt schon immer als deutsche Tugend.

Jenseits dessen stellte Hands am Ende eine überraschende Frage: „Warum möchte das zweitgrößte Mitglied 'raus aus der EU?“ Offenbar haben das sogar die Briten vergessen. Trotzdem wird ihnen nichts anderes übrig bleiben als den Brexit mit Anstand über die Bühne zu bringen. Wobei Anstand mit seinen deutschen Untertönen Bedenken hervorrufen könnte. So könnten es die Briten mit Fairness probieren. No-Deal-Brexiteers und Remainer wüssten dann, wann sie verloren haben.

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