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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Überleben dank Plastikgabel und fettiger Sauce

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen die aktuelle Lage der Türkei. Bild: ZDF/Jule Roehr

Bei Maybrit Illner geht es um den Zustand der Türkei. Zu Beginn sorgt ein Interview mit Deniz Yücel für seltene Einblicke. Die Diskussion danach kommt einem jedoch seltsam bekannt vor.

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          Am 16. Februar dieses Jahres kam der Welt-Korrespondent Deniz Yücel nach über einem Jahr in einem türkischen Gefängnis frei. Im Gespräch mit Maybrit Illner berichtet er über die Haftzeit. Ins Gefängnis sei er gekommen, weil er seinen Job als Journalist gemacht habe. In der Anklageschrift werden als Beweismittel acht Artikel, teilweise falsch übersetzt, angeführt, die er in der Zeitung „Welt“ veröffentlicht hat. Hielten sich die Gerichte an geltendes türkisches Recht, hätte er deswegen keinen einzigen Tag im Gefängnis sitzen dürfen. Auch der Ausnahmezustand seit dem Putschversuch ändere nichts an diesem Sachverhalt.

          Yücel blieb auch im Gefängnis Autor. Als Schreibpapier dienten ihm der dicke Roman „Die Haltlosen“ von Oguz Atay, später Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Mit fettiger Sauce zu schreiben, wenn als Schreibgerät nur eine Plastikgabel dient, erfordert eine eigene Ökonomie. Die fettigen Texte müssen trocknen. Nach draußen gelangten sie in Beuteln mit schmutziger Wäsche. Im Februar erschien bei Nautilus das Buch „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“.

          Am schlimmsten sei das Gefühl gewesen, dass das Regime ihn zum Schweigen bringen wollte. Das hat nicht geklappt. Warum stellte er sich im Februar 2017 den Behörden? Die Antwort bezeugt Kohlhaasschen Rebellengeist: Er hatte sich nichts vorzuwerfen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als an der Fiktion festzuhalten, die Türkei sei ein Rechtsstaat. Dass es hinter der Kulisse für seine Freilassung „schmutzige Deals“ gegeben habe, schließt er aus. Warum sollte er Sigmar Gabriel nicht glauben? List bleibt ihm treu.

          Hauptberuflich Gangster

          Angela Merkel wirft er vor, dass sie 2002 und 2015 die türkische Opposition verraten habe. Im Rückblick hätte er sich mehr Engagement der deutschen Wirtschaft gewünscht. Initiativen hinter den Kulissen hat es gegeben. Aber wenn Siemens öffentlich sich für seine Freilassung eingesetzt hätte, wäre das Signal wuchtig angekommen. Erdogan und seine Entourage seien hauptberuflich Gangster. Deutliche Sprache verstünden sie.

          Der Welt-Korrespondent Deniz Yücel gewährt im Gespräch mit Maybrit Illner seltene Einblicke in den Alltag in einem türkischen Gefängnis.

          Er hat im Gefängnis seine Frau Dilek geheiratet, was aus der Ferne an Stendhals Romanhelden Fabrizio del Dongo erinnert. Haft nährt Gefühle. Über sich selbst hat er im Gefängnis gelernt, dass er kein einfacher Charakter sei. Die Solidaritätskampagnen haben ihm das seltene Erlebnis vergönnt, Nachrufe zu Lebzeiten lesen zu können. Die Haft habe deutlich gemacht, wie wichtig der Job eines Journalisten sei. Dafür sei er Erdogan fast dankbar. Die Bedingung, dass er das Land geräuschlos zu verlassen habe, hat Yücel aber nicht akzeptiert.

          Gab es einen Deal?

          Nach dem Interview eröffnet Maybrit Illner die Runde mit den Gästen Claudia Roth, Norbert Röttgen und Özlem Topçu und resümiert die aktuelle politische Lage. Gibt es Zweifel an der Behauptung, dass die Freilassung Yücels einem politischen Deal zu verdanken sei? Keine bisher begründbare. Die Behauptung, Gangster bestehen auf Gegenleistung, ist politische Folklore. Die Annäherung der Türkei scheint das Resultat einer Frontkorrektur zu sein, nachdem der türkische Feldzug in Nordsyrien sich nunmehr auch gegen Verbündete der Amerikaner richtet.

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