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TV-Kritik: Maybrit Illner : Das neue Traumpaar der deutschen Politik

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner im Gespräch mit ihren Gästen Bild: Jule Roehr/ZDF

Christian Lindner und Annalena Baerbock zeigten uns Zuschauern gestern Abend bei Maybrit Illner ihr herzliches Einvernehmen: Wir waren fast schon gerührt. Norbert Röttgen dokumentierte dagegen das Elend der CDU.

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          Unter Umständen käme die Meisterin des politischen Pragmatismus unter Beimischung opportunistischen Kalküls angesichts der weitgehend gescheiterten Energiewende auf die Idee eines Ausstiegs aus dem Ausstieg aus der Atomenergie. Dafür müsste sie nur auf die horrenden Energiepreise und die zunehmende Versorgungsunsicherheit hinweisen. Unter Umständen zitierten anschließend diverse Hofberichterstatter in Berlin einen Politikwissenschaftler, wenn der etwa den strategischen Weitblick der Kanzlerin loben sollte.

          Politiker der Unionsparteien fiele sicherlich plötzlich ein, warum der weltweit einmalige Ausstieg aus jeder fossilen Stromgewinnung wohl nicht funktionieren wird. Außerdem, so könnte es weitergehen, sei es noch nie eine gute Idee gewesen, zwei Prozent unserer Landesfläche mit Windrädern zu pflastern, damit wirklich jeder Hügel zu einem Industriegebiet wird. Außerdem müsste man dann nicht die gleiche Stromleistung in konventionellen Kraftwerken vorhalten, falls der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. In den diversen Talkshows des Landes wäre die Kaltschnäuzigkeit der Pragmatikerin bewundert worden, die Kritiker hätte man in welche Ecke auch immer gestellt: Sie hätten schließlich wissen müssen, dass das alles niemals klappen konnte.

          Die Deutschen als Idealisten

          Angela Merkel wird aber nach den Vorstellungen der zukünftigen Koalitionsparteien schon in der Nikolaus-Woche nicht mehr im Amt sein. Diesen ambitionierten Zeitplan unterstrich der FDP-Vorsitzende Christian Lindner gestern Abend, ohne auf Widerspruch bei seiner künftigen Koalitionspartnerin Annalena Baerbock von den Grünen zu stoßen. Mit dem Regierungswechsel wird sich einiges ändern, allerdings anders als es etwa der Politikwissenschaftler Herfried Münkler vermutete. Dieser sprach vom Ende der Kanzlerdemokratie, die die Bundesrepublik geprägt habe. Das begründete er mit der relativen Schwäche der Sozialdemokraten und der neuen Rolle der beiden anderen Koalitionsparteien in dieser neuen Regierungskonstellation.

          Tatsächlich hatte aber die Kanzlerschaft von Angela Merkel nichts mit der klassischen „Kanzlerdemokratie“ westdeutscher Prägung zu tun. Sie beruhte vor allem auf ihre Fähigkeit zur pragmatischen Anpassung an den Zeitgeist und der Akzeptanz der Öffentlichkeit für diese Form der Prinzipienlosigkeit. Das eingangs geschilderte Szenario wäre zweifellos möglich gewesen: Die Mehrheit der Deutschen will den Ausstieg aus der Atomenergie und der Kohleverstromung. Die Deutschen wünschen sich als Idealisten das Beste für die Menschheit, es sollte aber weiterhin der Strom aus der Steckdose kommen und die Wohnung warm bleiben.

          Sie gibt sich generös, er ist hilflos: Annalena Baerbock und Norbert Röttgern in der Sendung von Maybrit Illner.
          Sie gibt sich generös, er ist hilflos: Annalena Baerbock und Norbert Röttgern in der Sendung von Maybrit Illner. : Bild: ZDF

          Angela Merkel verkörperte dieses biedermeierliche Deutschland, wo es den meisten Menschen nicht nur gut, sondern immer besser ging. Politischen Konflikten ging sie weitgehend aus dem Weg, indem sie jede gesellschaftspolitische Mode des linksliberalen Konservatismus mitmachte. Sie bot damit keine Angriffsfläche, vielmehr konnte sie ihre innerparteilichen Kritiker mit Hilfe dieser Medien gleich in die rechte Ecke stellen. Schließlich war ihr Erfolgsgeheimnis das Image präsidialer Überparteilichkeit vor allem gegenüber der eigenen Partei. Die mit solchen Sozialisationsbedingungen verbundenen Kollateralschäden verkörperte gestern Abend der CDU-Politiker Norbert Röttgen. Er musste in den vergangenen 20 Jahren vor allem eines lernen: Heute das für richtig zu halten, was man gestern noch für falsch hielt. So hatte Röttgen nicht nur keine Idee von der künftigen Rolle der Union als Oppositionspartei, sondern konnte sie auch nicht darstellen.

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