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TV-Kritik: Maybrit Illner : Wilhelminismus in Grün

  • -Aktualisiert am

Von links: Friedrich Merz, Maybrit Illner, Dorothee Bär, Cem Özdemir Schalte: Claudia Kade, Markus Feldenkirchen, Bild: ZDF/Svea Pietschmann

In den vergangenen zwölf Monaten dominierte in den Medien die kraftstrotzende Rhetorik des durchgreifenden Politikers. Das gefällt neuerdings sogar den Grünen. Und das beste daran: Jan Josef Liefers sagt Danke!

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          Heute Morgen müssen wir uns als Journalisten bei dem Schauspieler Jan Josef Liefers bedanken. Er lobte uns Medien dafür, dass wir „seit über einem Jahr, unermüdlich und mit klarer Haltung, dafür sorgen, dass der Alarm genau dort bleibt, wo er hingehört: Nämlich ganz, ganz oben.“

          Ein Medienkritiker sprach von „ekliger Ironie“. Kurze Zeit später sogar vom „Dammbruch“ und dem „größten Erfolg der Querdenker“-Szene. Was anschließend weitere Journalisten mit klarer regierungsamtlicher Haltung motivierte, zum großen Angriff auf Liefers und andere bekannte Schauspieler zu blasen: Hatten sie es doch gewagt, mit satirischen Mitteln die Coronapolitik der Bundesregierung kenntlich zu machen. Zugleich wurden auf Twitter publizistische Fahndungslisten erstellt, wer denn so alles diese Aktion unter dem Hashtag #Allesdichtmachen unterstützt hatte. Rechte und „Querdenker“, so der Tenor, haben sich die beteiligten Schauspieler wegen der Kontaktschuld zu verantworten.

          Vergiftete Atmosphäre in diesem Land

          Das geschah am gleichen Tag, als das bis zum 30. Juni geltende bundeseinheitliche Infektionsschutzgesetz die letzten parlamentarischen Hürden genommen hatte. Nichts beschreibt die vergiftete Atmosphäre dieses Landes besser als der Umgang mit Kritikern.

          Es macht aber deutlich, in welcher Situation sich die politischen Parteien wenige Monaten vor der Bundestagswahl befinden. Wollen sie diesen denunziatorischen Tonfall eines Journalismus mit Haltungsschäden mitmachen, oder müssen sie den Dammbruch in der Wählerschaft befürchten?

          Dabei geht es allerdings nicht um das „Querdenken“, sondern um das drohende Scheitern des pandemiepolitischen Alarmismus. Während nämlich diese Schauspieler uns allen mit spitzer Zunge den Spiegel vorhielten, diskutierte Maybrit Illner über die Folgen einer schwierigen Geburt: Die des gerade erst gekürten Kanzlerkandidaten der Unionsparteien, Armin Laschet.

          Die Mär vom „Kanzlerkandidat der Herzen“ lebt fort

          Dafür hatte die Gastgeberin zwei Protagonisten aus der Union eingeladen, Friedrich Merz (CDU) und Dorothee Bär (CSU). Außerdem Cem Özdemir als Vertreter der Grünen, die als die größten Rivalen der Union beim Kampf um das Kanzleramt gelten.

          Die Argumentation von Frau Bär bestimmte auch die Wahrnehmung dieses Kampfes in den vergangenen Tagen. Es ist die These von der überwältigenden Popularität des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der ganz sicher diese Bundestagswahl für die Union gewonnen hätte. Ein „Kanzlerkandidat der Herzen“, wie es sein Generalsekretär formuliert hätte.

          Allerdings darf sich Söder auf Youtube jedes Video unter „Allesdichtmachen“ sprichwörtlich zu Herzen nehmen, es ist als ein Dementi dieser These zu verstehen. Laschet hat dagegen mit einer weit verbreiteten Ablehnung zu kämpfen, die Merz so kommentierte: „Wir werden bis zum Sommer eine Veränderung der Stimmungslage haben.“

          Damit verbindet sich die Hoffnung auf ein Ende des pandemiepolitischen Ausnahmezustandes, damit andere Themen die Wahlentscheidung der Bürger bestimmen können. Trotzdem blieben Merz und Bär in diesen 60 Minuten seltsam zahnlos, als es um den Streit mit den Grünen ging. Ersterer entschuldigte sich fast dafür, die Amtstauglichkeit einer Annalena Baerbock bezweifelt zu haben.

          Klage: Keine Kritik

          Später beklagte sich die stellvertretende CSU-Vorsitzende über Medien, die bisweilen über die Grünen so kritisch berichten, wie ein Fanclub über seinen Star des Herzens. Sie erwähnte das groteske Interview mit der grünen Kanzlerkandidatin auf Pro Sieben, wo die Interviewer ihrem Gast am Ende sogar applaudierten. Das sei kein kritischer Journalismus, befand Frau Bär.

          Özdemir machte hier einen bezeichnenden Einwand. Diese Nähe könnte etwas mit den Themen der Grünen zu tun haben, etwa der Klimapolitik. Immerhin applaudierte Frau Illner nicht. Trotzdem gab es eine Stimmung, wo die beiden Unionspolitiker unaufhörlich ihrem politischen Gegner Respekt zollten. Selbst für seine harmlose Kritik an den Bemühungen zur Verunstaltung der deutschen Sprache meinte Merz, sich rechtfertigen zu müssen.

          „Schwurbler“

          Gleichzeitig waren beide nicht in der Lage, der wilhelminischen Kraftmeierei von Özdemir in der Außenpolitik entschieden zu widersprechen. Dieser schloss Koalitionen mit Parteien aus, die keine klare Position im Umgang mit Autokraten hätten. Mit Parteien, die in der Frage, wie man „mit Erdogan, wie man mit Putin umgeht, rumschwurbeln“, kämen die Grünen nicht zusammen.

          Zu den „Schwurblern“ zählte er nicht nur die Linken und die AfD, sondern etwa auch Manuela Schwesig (SPD) und Michael Kretschmer (CDU). Als Özdemir sich sogar noch in die Tradition Konrad Adenauers stellte, wusste Merz nur noch spöttisch zu lächeln. Tatsächlich ist an den Grünen nichts Wilhelminisches. Eine Bundeskanzlerin Baerbock hätte nur ökonomische Selbstverstümmelung anzubieten, wenn sie solchen vollmundige Ankündigungen gegenüber wichtigen deutschen Handelspartner umsetzen wollte.

          Tafelsilber nicht verteidigt

          Das zeigte allerdings die prekäre Lage der Union, die noch nicht einmal das außenpolitische Tafelsilber der Bundeskanzlerin gegen ihre Kritiker zu verteidigen weiß. Die gleichen Grünen waren übrigens noch nicht einmal in der Lage, eine politische Meinung zur bundeseinheitlichen Suspendierung von Grundrechten zu entwickeln: Sie haben sich im Bundestag enthalten. Eine nachvollziehbare Pandemiepolitik hatte diese Partei übrigens bisher auch nicht im Angebot. Sie haben alles unterstützt und abgelehnt, das sogar gleichzeitig.

          Das könnte ihnen aber im Wahlkampf helfen, wenn man der Logik eines Markus Feldenkirchen folgte. Der „Spiegel“-Autor machte interessante Anmerkungen über das Problem des Kanzlerkandidaten Armin Laschet. Er wusste zu differenzieren, nannte aber einen interessanten Grund, warum dieser „das Coronathema so vergeigt habe“. Er nannte dessen Berufung des Bonner Virologen Hendrik Streeck in den nordrhein-westfälischen Expertenrat als eine der Ursachen für Laschets fehlende Popularität. Schließlich folgten die Hälfte oder Zweidrittel der Deutschen „lieber einem Christian Drosten und seinem strengen Kurs“. Dabei könnte er den Hass auf Streeck nicht verstehen, der sich „so oft geirrt habe“.

          „Spiegel“ in vorderster Front

          Nun hatte sich nicht die Hälfte der Deutschen an Streeck abgearbeitet, sondern vor allem der „Spiegel“ mit zweifelhaften Formen der Berichterstattung. Er stand an vorderster Front, damit „kein unnötiger, kritischer Disput uns ablenken kann, von den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung“. Außerdem dürfe man „menschenverachtenden Ärzten und Wissenschaftlern, die zu anderen Schlüssen kommen als die Experten unserer Regierung, kein Bühne bieten. Schließlich wissen nur ganz wenige Spezialisten, was wirklich gut für uns ist.“

          Das sagte natürlich nicht Feldenkirchen, sondern Liefers in seiner knapp zweiminütigen Danksagung an uns Medien.

          Diese für Außenstehende sicherlich seltsam anmutende Äußerung über das Innenleben des „Spiegel“ ändert aber nichts an seiner ansonsten fundierten Beschreibung unserer derzeitigen Situation. In dieser „schnelllebigen Zeit“ sei alles möglich, sagte Feldenkirchen. Er erinnerte zudem an den Wahlkampf vor vier Jahren, als der damalige sozialdemokratische Kanzlerkandidat Martin Schulz in den Umfragen kometenhaft aufstieg, um aber nur wenige Wochen später in gleicher Geschwindigkeit abzustürzen.

          Im Sommer wird die „Funktionärslogik“ bei der Nominierung des Kanzlerkandidaten Armin Laschet längst vergessen sein, kritisierte Claudia Kade die Entscheidung zugunsten des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten. Damit stand die Journalistin der „Welt“ in den vergangenen Tagen nicht allein. Der demoskopische Höhenflug Söders wird immer mit seiner besseren „Performance“ in der Corona-Krise erklärt, nicht mit den Ergebnissen in Bayern. Laschet galt dagegen als widersprüchlich und inkonsequent, wohl nicht nur für journalistische Beobachter.

          Tun, was Söder uns sagt

          Das könnte sich ändern. Laschets Skrupel könnten plötzlich angemessener wirken, als Söders kraftstrotzende Performance in den vergangenen zwölf Monaten. Die lässt sich so beschreiben: Wir sollten „einfach nur zustimmen und tun, was man uns sagt: Nur so kommen wir gut durch die Pandemie.“

          Das ist eine exakte Beschreibung dessen, was Söder wie kaum ein anderer verkörperte: Wir sollten das tun, was er uns sagte. Hier fasste Liefers mit einfachen Worten die Strategie zusammen, womit der bayerische Ministerpräsident in das Berliner Kanzleramt kommen wollte. Wie Söder im Sommer diese Performance beurteilen wird, ist allerdings nicht zu prognostizieren. Er hatte schon immer ein gutes Gefühl für sich verändernde Stimmungslagen in der Wählerschaft.

          In einer Beziehung wird Jan Josef Liefers aber recht behalten: Manche werden sich dagegen wehren, „alte, überwundene Vorstellungen von kritischem Journalismus wieder aufleben zu lassen. Dagegen müssen wir uns wehren.“ Das hat gestern Abend schon begonnen. Und an der Spitze dieser Bewegung stehen Journalisten.

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