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TV-Kritik: Maybrit Illner : Wilhelminismus in Grün

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Zu den „Schwurblern“ zählte er nicht nur die Linken und die AfD, sondern etwa auch Manuela Schwesig (SPD) und Michael Kretschmer (CDU). Als Özdemir sich sogar noch in die Tradition Konrad Adenauers stellte, wusste Merz nur noch spöttisch zu lächeln. Tatsächlich ist an den Grünen nichts Wilhelminisches. Eine Bundeskanzlerin Baerbock hätte nur ökonomische Selbstverstümmelung anzubieten, wenn sie solchen vollmundige Ankündigungen gegenüber wichtigen deutschen Handelspartner umsetzen wollte.

Tafelsilber nicht verteidigt

Das zeigte allerdings die prekäre Lage der Union, die noch nicht einmal das außenpolitische Tafelsilber der Bundeskanzlerin gegen ihre Kritiker zu verteidigen weiß. Die gleichen Grünen waren übrigens noch nicht einmal in der Lage, eine politische Meinung zur bundeseinheitlichen Suspendierung von Grundrechten zu entwickeln: Sie haben sich im Bundestag enthalten. Eine nachvollziehbare Pandemiepolitik hatte diese Partei übrigens bisher auch nicht im Angebot. Sie haben alles unterstützt und abgelehnt, das sogar gleichzeitig.

Das könnte ihnen aber im Wahlkampf helfen, wenn man der Logik eines Markus Feldenkirchen folgte. Der „Spiegel“-Autor machte interessante Anmerkungen über das Problem des Kanzlerkandidaten Armin Laschet. Er wusste zu differenzieren, nannte aber einen interessanten Grund, warum dieser „das Coronathema so vergeigt habe“. Er nannte dessen Berufung des Bonner Virologen Hendrik Streeck in den nordrhein-westfälischen Expertenrat als eine der Ursachen für Laschets fehlende Popularität. Schließlich folgten die Hälfte oder Zweidrittel der Deutschen „lieber einem Christian Drosten und seinem strengen Kurs“. Dabei könnte er den Hass auf Streeck nicht verstehen, der sich „so oft geirrt habe“.

„Spiegel“ in vorderster Front

Nun hatte sich nicht die Hälfte der Deutschen an Streeck abgearbeitet, sondern vor allem der „Spiegel“ mit zweifelhaften Formen der Berichterstattung. Er stand an vorderster Front, damit „kein unnötiger, kritischer Disput uns ablenken kann, von den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung“. Außerdem dürfe man „menschenverachtenden Ärzten und Wissenschaftlern, die zu anderen Schlüssen kommen als die Experten unserer Regierung, kein Bühne bieten. Schließlich wissen nur ganz wenige Spezialisten, was wirklich gut für uns ist.“

Das sagte natürlich nicht Feldenkirchen, sondern Liefers in seiner knapp zweiminütigen Danksagung an uns Medien.

Diese für Außenstehende sicherlich seltsam anmutende Äußerung über das Innenleben des „Spiegel“ ändert aber nichts an seiner ansonsten fundierten Beschreibung unserer derzeitigen Situation. In dieser „schnelllebigen Zeit“ sei alles möglich, sagte Feldenkirchen. Er erinnerte zudem an den Wahlkampf vor vier Jahren, als der damalige sozialdemokratische Kanzlerkandidat Martin Schulz in den Umfragen kometenhaft aufstieg, um aber nur wenige Wochen später in gleicher Geschwindigkeit abzustürzen.

Im Sommer wird die „Funktionärslogik“ bei der Nominierung des Kanzlerkandidaten Armin Laschet längst vergessen sein, kritisierte Claudia Kade die Entscheidung zugunsten des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten. Damit stand die Journalistin der „Welt“ in den vergangenen Tagen nicht allein. Der demoskopische Höhenflug Söders wird immer mit seiner besseren „Performance“ in der Corona-Krise erklärt, nicht mit den Ergebnissen in Bayern. Laschet galt dagegen als widersprüchlich und inkonsequent, wohl nicht nur für journalistische Beobachter.

Tun, was Söder uns sagt

Das könnte sich ändern. Laschets Skrupel könnten plötzlich angemessener wirken, als Söders kraftstrotzende Performance in den vergangenen zwölf Monaten. Die lässt sich so beschreiben: Wir sollten „einfach nur zustimmen und tun, was man uns sagt: Nur so kommen wir gut durch die Pandemie.“

Das ist eine exakte Beschreibung dessen, was Söder wie kaum ein anderer verkörperte: Wir sollten das tun, was er uns sagte. Hier fasste Liefers mit einfachen Worten die Strategie zusammen, womit der bayerische Ministerpräsident in das Berliner Kanzleramt kommen wollte. Wie Söder im Sommer diese Performance beurteilen wird, ist allerdings nicht zu prognostizieren. Er hatte schon immer ein gutes Gefühl für sich verändernde Stimmungslagen in der Wählerschaft.

In einer Beziehung wird Jan Josef Liefers aber recht behalten: Manche werden sich dagegen wehren, „alte, überwundene Vorstellungen von kritischem Journalismus wieder aufleben zu lassen. Dagegen müssen wir uns wehren.“ Das hat gestern Abend schon begonnen. Und an der Spitze dieser Bewegung stehen Journalisten.

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