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TV-Kritik: Maybrit Illner : Dränglertum hilft auch nicht weiter

„Wann, wann, wann ist die Pandemie endlich vorbei?“ Auf diese die Welt bewegende Frage hatten Maybrit Illners Gäste auch keine Antwort. Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Bei „Maybrit Ilner“ malt sich die frühere Familienministerin Kristina Schröder die Folgen der Corona-Pandemie recht apokalyptisch aus. Markus Söder gibt sich abgeklärter. Erwartet wirklich jemand, dass sich schnell alles ändert?

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          Deutschland braucht Antworten, aber ja. Mehr noch als die ausbleibenden Antworten, für die das Label Impfmurks steht, stresst jedoch intrapsychisch die Tatsache, dass Deutschland bei all seinem Antworthunger nicht immer so genau zu wissen scheint, wie die Fragen lauten sollen. Geht die Fragerichtung nach vorn (Futur II) oder nach hinten (Plusquamperfekt)?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Bei „Maybrit Illner“ lernte man gestern Abend ein Doppeltes: Geht sie nach hinten (Wie konnte es dazu kommen?), kommt der investigative Sinn auf seine Kosten, nicht nur bei der EU-Kommission, sondern auch bei der Bundesregierung. Geht die Fragerichtung indessen nach vorne (Wie geht’s jetzt weiter?) so hilft Dränglertum nicht weiter. Auch Kinder wachsen ja nicht schneller, wenn man es von ihnen fordert.

          Freihändig vorgebrachter Befürchtungshorror

          Sowieso bekommt der Ausgriff auf die Zukunft, ist er erst einmal entfesselt, schnell etwas Maßloses, Selbstgerechtes. Kristina Schröder bewies ein apokalyptisches Vorstellungsvermögen, als sie mögliche Kollateralschäden der Pandemie im Kindesalter beschrieb. Das ging von der Magersucht über die Kontaktunfähigkeit bis zur Suizidbereitschaft, alle diese Parameter des Unheils jeweils in exponentiellem Wachstum begriffen. Zutiefst verunsichert (Sollte man den Horror im eigenen Nahbereich übersehen haben?) schaute der Fernsehkritiker noch einmal in den Betten seiner fünf und acht Jahre alten Kinder nach. Sie schliefen evidenzbasiert ganz friedlich, was einem im Lichte von Schröders exaltiertem Endzeitszenario beinahe unwirklich vorkam.

          Weiß Frau Schröder, zu welchen Kompensationsleistungen die Jüngsten der Gesellschaft in pandemischer Deprivation womöglich fähig sind? Zumindest sollte man nicht nach einfachen Modellen der Determination greifen, wenn es um eine Verhältnisbestimmung von Umwelt und Psyche geht. Um Missverständnisse zu vermeiden: Kontrolliertes Fragen nach der Zukunft ist angesichts staatlich eingeschränkter Freiheitsrechte Bürgerpflicht. Aber Politik muss nicht auf jede freihändig vorgebrachte Befürchtung antworten, zumal nicht in einem Bereich wie der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in welchem auch für die jüngste Zeit valide Forschungsergebnisse vorliegen. Frau Schröder könnte dies als ehemalige Familienministerin wissen.  

          „Na ja“, sagt die Kanzlerin

          Im Kontrast dazu gaben sich Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher und CSU-Chef Markus Söder was die Zukunft angeht wohltuend agnostisch. Sie wiederholten in der Sache den Refrain der Kanzlerin – den diese im Übrigen kurz vor „Maybrit Illner“ im Interview bei RTL unter der Überschrift „Deutschland braucht Antworten“ noch einmal anstimmte. Sie verstärkte darin, was sie zwei Tage zuvor schon in der ARD-Sendung „Farbe bekennen“ erklärt hatte: Erst soll man abwarten, was in den nächsten Tagen die Analyse der hiesigen Mutanten bringt. Dann erst können wir, deren Gefahrenpotential genauer abschätzend, weitersehen.

          Es hatte seinen eigenen Reiz, an diesem Abend die Wechselwirkung von „Maybrit Illner“ mit heißer Nachrichtenware anderer Medien zum selben Aufreger-Thema des Tages im Auge zu behalten. Auf die ebenso selbstbewusste wie unschuldige Frage der RTL-Journalistin („Was alle interessiert: Wann wird es wieder ein Leben geben ohne Lockdown, ohne Maske, ohne Abstand halten, ein Leben, das wir für normal erachten?“) antwortet die Kanzlerin mit einem „Na ja“, als sei weiter nichts gewesen.

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