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TV-Kritik „Maischberger“ : Sachliche Anmerkungen zum Reichtum

Sandra Maischberger mit ihrem Gästen Bild: WDR/Max Kohr

Bei Sandra Maischberger wird in Ruhe über Enteignungen und Reichensteuer diskutiert. Das Ergebnis: Eine Sendung ohne Zerrbilder der angeblich egoistischen Klasse. Dazu trägt nicht nur die ausgewogene Gesprächsführung bei.

          Es ist noch nicht lange her, da meinte man, die Unterschiede der politischen Parteien nicht mehr bemerken zu können. Eine große Koalition regierte, die Oppositionsparteien galten als Teil eines Konsenslagers. Außerhalb des Parlaments regte sich zunächst schwacher, dann immer lauter werdender Protest. Die gesellschaftliche Wirklichkeit allerdings zeigte, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen die ökonomische Dynamik in unterschiedlicher Weise zu spüren bekommen. Je bewusster das den politischen Akteuren wird, desto stärker arbeiten sie ihre Unterschiede heraus, um im politischen Meinungsstreit zu punkten. Und so nimmt die Polarisierung im Diskurs zu.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Welche Rezepte gibt es dagegen, dass die Lager vollends auseinander driften? Dafür bot die Talkshow „Maischberger“ am Mittwochabend Anschauungsunterricht. Es ging um die Frage, ob Reiche zu einer Zumutung für die Gesellschaft werden. Unter dem Titel „Attacke auf die Reichen: Beschimpfen, besteuern, enteignen?“ diskutierten zwei Unternehmer, zwei Journalisten (aus zwei gesellschaftlichen Lagern), ein SPD-Nachwuchspolitiker und ein Berliner Aktivist gegen ausufernde Mieten darüber. Sie haben die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Beitrag, den Reiche zum sozialen Frieden zu leisten hätten, klar artikuliert. Nie aber hatte man das Gefühl, die engagiert geführte Diskussion würde in Polemik oder Krawall ausarten. Das hatte mit der Auswahl der Diskussionteilnehmer, der durch Moderatorin Sandra Maischberger geschaffenen Gesprächsatmosphäre und dem gegenseitigen Zuhören und Respekt vor dem Argument des anderen zu tun. Am Ende einer 75-minütigen, durchaus kontroversen Debatte sagte der wohlhabende Schönheitschirurg Werner Mang: „Wir sind gar nicht so weit auseinander. Aber Worte wie Umverteilung und Enteignung bringen uns auseinander.“

          Ausgangspunkt waren die stark steigenden Mieten in Berlin. Mietaktivist Michael Prütz durfte seine Schelte renditehungriger Immobilienkonzerne vorbringen, die der jahrelangen Bitte nach Mäßigung nicht nachgekommen seien. Deshalb gebe es keinen anderen Weg, als sie zu enteignen. Mit 6,66 Euro liege die durchschnittliche Miete je Quadratmeter zwar noch in einem moderaten Rahmen. Doch in ihren Geschäftsberichten verwiesen Unternehmen wie Deutsche Wohnen und Co. auf mögliche Steigerungsraten von mehr als 30 Prozent in den kommenden Jahren. Ein „Goldrausch“ sei ausgebrochen. Die österreichische Hauptstadt Wien habe vorgemacht, wie man mit einem hohen Anteil städtischer Wohnungen und sozialen Wohnungsbaus auch im Zentrum einer Metropole verträgliche Mieten erreichen könne. Es gehe nicht um einzelne Personen, sondern um Profitmaschinen.

          Schlagabtausch zweier Journalisten

          Diese Vorlage nutzten die zwei Journalisten Rainer Hank (bis vor kurzem Ressortleiter Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) und Ulrike Hermann („taz“) zum Schlagabtausch über die Folgen des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Hank vertrat die Auffassung, dass die steigenden Mietpreise auf ein politisches Versagen zurückgehen. Das Wohnungsangebot sei nicht ausreichend ausgeweitet worden. „Besitzstandssozialismus“ mache sich breit, Aktivisten griffen zum stärksten Schwert des Grundgesetzes (das den nicht allzu marktwirtschaftlichen Geist seiner Gründerväter offenbare). Das Wiener Modell hingegen erlaube Miet-Dynastien, wegen der zufälligen familiären Herkunft ihrer Mitglieder, günstig zu wohnen. „Das Wiener Modell ist das ungerechteste der Welt“, sagte er. Hermann hielt entgegen, der Wohnungsmarkt sei eine Ausnahme: Jeder müsse wohnen, und zwar dort, wo er Arbeit finde. In München könnten Polizisten und Krankenschwestern nicht mehr in der Innenstadt leben. Gleichzeitig seien Immobilien zum Spekulationsobjekt geworden. „Jede große Finanzkrise war eine Wohnungskrise.“

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