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TV-Kritik: Maischberger : Ein lyrischer Abend mitten im Wahlkampf

  • -Aktualisiert am

Ulrich Wickert bei Sandra Maischberger Bild: WDR

Im Wahlkampf ist vieles möglich: mit den Tücken der Lyrik kämpfende Politiker genauso wie Journalisten als Wahlkämpfer. Bei Sandra Maischberger lernten die Zuschauer so immerhin einen längst vergessenen Dichter kennen.

          5 Min.

          Dieser Bundestagswahlkampf hat jetzt auch seine lyrische Note. Eingebracht hat sie Sandra Maischberger mit der Frage nach dem deutschen Lieblingsgedicht, die sie Marco Buschmann (FDP) und Tino Chrupalla (AfD) stellte. Buschmann rezitierte daraufhin eine Strophe aus dem 1848 entstandenen Gedicht „Was ist die Freiheit?“ des österreichischen Lyrikers Friedrich Halm. Textsicher konnte man den Vortrag zwar nicht nennen, aber dass die deutsche Lyrik einen Einfluss auf die liberale parteipolitische Prosa hat, ist auch nicht anzunehmen. Immerhin konnte sich Buschmann mit einem Gedicht aus einer Affäre ziehen, die zweifellos die meisten lebenden Angehörigen einer früheren Nation der „Dichter und Denker“ überfordert hätte. So wagte Frau Maischberger noch während der Rezitation die Anmerkung, sie müsste aufpassen, „welche Fragen sie stelle.“

          „Nachtgedanken“

          Den Eindruck hatte man allerdings nicht, schließlich musste Chrupalla noch eine Antwort geben. Die fiel so aus, wie es zu erwarten war. Er hatte nichts anzubieten, außer den Hinweis auf Heinrich Heines berühmten Vers: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Der Titel „Nachtgedanken“ fiel ihm nicht ein, ein weiterer Vers auch nicht. Es war halt eine aus der Not geborene Phrase. Allerdings wollte ihn die Moderatorin anschließend noch als Kulturbanausen vorführen. Das Gedicht meine doch Heines Mutter, so wenigstens ihre fragmentarische Erinnerung an die „Nachtgedanken“. Mit diesem Versuch, Heine sogar noch den politischen Kontext auszutreiben, machte es Frau Maischberger allerdings noch schlimmer. Wahrscheinlich werden sich die Germanisten unter den Zuschauern das bisweilen schüttere Haupthaar gerauft haben.

          Selbstredend hielt die Mehrheit der Deutschen den röhrenden Hirsch an der Wohnzimmerwand schon immer eher für Kunst als die weithin unbekannte Lyrik Heines. Jetzt könnte man an Erich Kästners Mahnung „Was auch immer geschieht“ erinnern: „Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“ Frau Maischberger hat sich sogar durch den eigenen Kakao gezogen, was nicht jedem gelingt. Aber vor allem machte diese Szene den Irrsinn deutlich, unter allen Umständen einen AfD-Politiker als Banausen vorführen zu wollen. Dabei war das gar nicht nötig. Zwar gab es zwischen Buschmann und Chrupalla durchaus Übereinstimmung in einzelnen Sachfragen, was aber unter normalen Umständen niemanden aufregen müsste. Die programmatischen Differenzen aber etwa in der Migrationspolitik wurden für jeden Zuschauer deutlich.

          Dafür kam der AfD-Vorsitzende auch ohne Kakao ins Schwimmen, als er die politischen Positionswechsel der AfD erklären sollte. Natürlich änderte jeder seine Einschätzungen auf Grundlage neuer Erkenntnisse, so argumentierte auch Chrupalla. Nur hatte die AfD das gleiche Problem wie alle anderen Parteien: Wie geht sie mit den unterschiedlichen Einschätzungen in der eigenen Wählerschaft über das mit der Pandemie verbundene Risiko um? Und hier dominierte auch bei der AfD das politische Kalkül über die Sachfrage. Da beißt die Maus nun einmal keinen Faden ab, um das an diesem lyrischen Abend einmal so auszudrücken. Allerdings war Buschmann auch nicht überzeugend. So machte er eine hohe Impfquote plötzlich zur Voraussetzung für die Aufhebung der epidemischen Notlage von nationaler Tragweite durch den Bundestag. Nur hatte die FDP deren erst kürzlich beschlossene Verlängerung abgelehnt, damals ohne Hinweis auf die Impfquote. Warum er das nicht deutlich machte, blieb ein Rätsel.

          Bundestagswahlen in West-Berlin

          Das konnte auch Dieter Hallervorden nicht lösen, obwohl er am 26. September die FDP wählen wird. Zwar fand er deutliche Worte gegen Impfverweigerer, aber ansonsten sprach er bisweilen in Rätseln. So versuchte sich Frau Maischberger nicht nur in Lyrik, sondern gleich noch in Zeitgeschichte. Sie fragte Hallervorden, wie er die erste Bundestagswahl nach seiner Flucht aus der DDR im Jahr 1961 empfunden hätte. Der schilderte das sehr anschaulich, inklusive des Kontrastprogramms zum Wählen in der DDR. Das alles hatte nur ein Problem: Bis 1990 durften die West-Berliner wegen des Viermächtestatus an Bundestagswahlen nicht teilnehmen. Zudem machte der Gründer des Berliner Kabaretts „Die Wühlmäuse“ den Vorschlag, Chrupalla mit einigen Fragen „zu stellen.“ Etwa was der AfD-Politiker tun werde, wenn einige Deutsche gegen Ausländer handgreiflich würden. Wahrscheinlich antwortete dieser dann nicht so, wie es Hallervorden erwartet. Wir erinnern an Erich Kästner, dessen Ratschlag bekanntlich auf jede Lebenslage passt. Letztlich wurde aber bei Hallervorden vor allem die tiefe Frustration deutlich, die im Kulturbetrieb nach achtzehn Monaten Pandemiebekämpfung festzustellen ist. Sein Theater hätte lediglich eine Auslastung von dreißig Prozent, trotz eines von Kritikern hoch gelobten Programms und einem überzeugenden Hygienekonzept.

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