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TV-Kritik: „Maischberger“ : Mumpitz hilft, nur nicht den Kranken

  • -Aktualisiert am

Diskussion bei Sandra Maischberger Bild: WDR/Melanie Grande

Bachblüten, Globuli, Aderlassen und Blutegel: Heilpraktiker verdienen gut an umstrittenen Methoden. Bei Sandra Maischberger stellt sich die Frage: Woher kommt das Misstrauen gegenüber der Schulmedizin?

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          Sandra Maischberger führt an diesem Abend vor, wie eine Impfung ohne Pieks und ohne Nebenwirkungen funktionieren könnte. Im Idealfall hat sie ihr Publikum auf Dauer gegen den Glauben an Quacksalber immun gemacht.

          In ihrer Runde sitzt mit Claudia Kleinert eine etwas wankelmütige Wettermoderatorin, die gerne doppelt gemoppelt auf ihre Wehwehchen antwortet, und mit Natalie Grams eine praktische Ärztin, die früher selbst homöopathisch gearbeitet hat, aber dann doch vom Glauben abgefallen ist. Karl Lauterbach hätte an diesem Abend auch bloß als Grimassenschneider seine Rolle glaubhaft gemacht. Mumpitz ist Mumpitz, da helfen auch keine Globuli. Frau Hilpert-Mühlig, Präsidentin des Fachverbandes deutscher Heilpraktiker, verweist, immer besorgter aussehend, auf die erstaunlichsten Wirkungen durch Globuli, Schröpfen und andere mittelalterliche Methoden.

          Impfen schützt

          Der erste Fall ist bedrückend und hat nichts mit Quacksalbern zu tun, aber mit den tödlichen Folgen einer Masernerkrankung, die zu vermeiden gewesen wäre, wenn das Kind, von dem die Ansteckung eines halbjährigen Jungen ausging, mit neun Monaten eine Kombiimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln bekommen hätte. Der Bundesgesundheitsminister denkt über eine Impfpflicht nach, hoffentlich nicht zu lange, denn der Unfug, den Impfgegner verbreiten, gefährdet Leben. Ihre Behauptungen sind wirr und halten keiner Prüfung stand.

          Wenn Kinderärzte besorgten Eltern mit zu viel Fachchinesisch antworten, ist das kein Grund, die Flucht zu ergreifen oder gar die eigenen Kinder nicht durch eine Impfung zu schützen. Impfkomplikationen sind extrem selten. Die Folgen einer Erkrankung, die durch Impfung zu vermeiden wäre, können dagegen häufig gravierend sein.

          Davon berichtet Oxana Giesebrecht, deren Sohn im Alter von sechs Monaten sich mit Masern ansteckte und durch Spätfolgen der Infektion mit 14 Jahren starb. Im Alter von fünf Jahren wird der Sohn verhaltensauffällig, leidet an Halluzinationen, stottert, hat motorische Defizite, wird bald darauf für neun Jahre zu einem Schwerstpflegefall. Giesebrechts Botschaft an andere Eltern ist eindeutig: Lasst eure Kinder impfen, ausnahmslos. Wer behauptet, eine Impfpflicht sei ein Eingriff in die elterliche Autonomie, der nährt nur Zweifel an Eltern, die sich auf eine Autonomie berufen, die eigenen Kindern und anderen Menschen schaden kann.

          Wankelmut schadet

          Wetterfee Kleinert kann einer Impfpflicht nichts abgewinnen. In welcher Funktion sitzt sie in dieser Runde? Als Nebelkerze? Soll sie, so wetterwendisch, wie sie argumentiert, schwankende Eltern eines Besseren belehren? Oder ist sie ein Zeichen des guten Willens an die zahllosen impffeindlichen Trolle da draußen?

          Karl Lauterbach räumt ein, dass die besten Argumente gegen Trolle nichts ausrichten. Impfpflicht wirkt, das bezeugen Länder, die sie durchsetzen. Heilpraktiker bewirken bei hochinfektiösen Krankheiten nichts. Mit Bachblüten, Globuli, Aderlassen und Blutegeln, das Schröpfen nicht zu vergessen, schröpfen sie nur die Geldbeutel ihrer Patienten. Frau Hilpert-Mühlig behauptet, Heilpraktiker behandelten Menschen, Ärzte nur Symptome. So drechselt sie sich aus der Kalamität, dass die Praxis ihre Wirksamkeit nicht durch Studien beweisen kann. Die Berufung auf altes Wissen ist kaum geeignet, die Erkenntnisse der modernen Medizin in die Tonne zu treten. Frau Kleinert hat sich schröpfen lassen. Ach! Auch das noch! Aber wer will das wissen?

          Blind pieksen hilft besser

          Lauterbach erinnert an eine Doppelblindstudie, bei der Akupunkteure gegen unerfahrene Medizinstudenten antraten, die wahllos in die Patienten pieksten und am Ende die besseren Ergebnisse erzielten.

          Fakt ist, dass die Praxis der Heilpraktiker nur dann zum Thema von Kontrollen führt, wenn sie schwerwiegende Fehler begehen. Dann befassen sich Strafgerichte mit ihnen wegen fahrlässiger Tötung oder wegen Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz.

          Ärztin Grams hat zeitweilig auch homöopathisch gearbeitet, weil eine Therapie die Spätfolgen eines schweren Autounfalls erkannt hatte. Sie fiel vom Glauben ab, als sie ein Buch darüber schreiben wollte und feststellen musste, dass es keine belastbaren Studien über homöopathische Therapien gibt. Dass manche Krankenkassen sie im Leistungskatalog führen, ist nur ein Marketingkniff.

          Die letzte Episode dieses späten Abends führt zu dem Schicksal eines Mathematikers, der sich mit Lymphdrüsenkrebs in die Hände eines Heilers aus der Schule der neuen germanischen Medizin begeben hat. Seine Tochter erzählt die ungeheuerliche Fallgeschichte. Sie ist ein Beispiel dafür, wie fatal durch missbrauchtes Vertrauen Hoffnungen erst genährt und schließlich unausweichlich enttäuscht werden.

          Es gebe keine Pflicht zur Vernunft. Das ist ein empörend leichtfüßiges Fazit der Gastgeberin.

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