https://www.faz.net/-gqz-9quo7

TV-Kritik „Maischberger“ : Medien als Schlachtfeld

  • -Aktualisiert am

Boris Johnson im Hintergrund: Die Gäste diskutieren bei Sandra Maischberger. Bild: WDR/Max Kohr

An diesem Fernsehabend haben wieder viele Medienkonsumenten Grund zur Empörung gefunden: Zielscheibe war das ZDF. Im Gegensatz dazu suchte Sandra Maischberger nach ihrer verloren gegangenen Orientierung.

          5 Min.

          Medien sind zum Schlachtfeld geworden. Dafür war dieser Mittwoch ein betrübliches Beispiel. So musste man sich nur die Reaktionen auf das ZDF-Programm ansehen. Zuerst bekundeten einige ihren Protest über das Dokudrama zur Grenzöffnung am 4. September 2015. Die einen erinnerte es an eine „Heiligsprechung der Kanzlerin“, die anderen lamentierten über den dort verwendeten Begriff Grenzöffnung.

          Anschließend hatte Dunja Hayali den AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen eingeladen, um ihn mit drei kritischen Bürgern diskutieren zu lassen. Als sie das Format erstmals mit Robert Habeck probierte, hatte es schon vor der Sendung den Vorwurf der öffentlich-rechtlichen Wahlwerbung für die Grünen gehagelt. Jetzt blökte das andere Lager über die Einladung eines „Nazis“. Als anschließend Markus Lanz dessen AfD-Kollegen Alexander Gauland eingeladen hatte, wurde das Geblöke zu einem Hurrikan von der Stärke 5 auf der Empörungsskala.

          Zwischen Kubicki und Maffay

          Tatsächlich hat Hayali ein neues Format gefunden, das aus den üblichen Schablonen ausbricht. Spitzenpolitiker müssen sich mit Bürgern und Interessenvertretern auseinandersetzen, ohne dass diese auf das Stellen der obligatorischen einen Frage beschränkt werden. Es geht damit um die allseits geforderten Inhalte, wo gerade nicht die parteipolitische Konfrontation im Vordergrund steht. Es ist das Gegenteil eines Schlachtfeldes mit seinem Kriegsgeschrei.

          Einen vergleichbaren Versuch macht auch Sandra Maischberger in ihrer Sendung. Sie hat den früheren monothematischen Ansatz durch ihre „Themen der Woche“ ersetzt. Jetzt diskutieren drei Vertreter der Medienbranche über die Schlagworte der Woche. Außerdem gibt es noch Interviews mit einem oder zwei Gästen.

          Gestern Abend waren das der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki und der Musiker Peter Maffay. Außerdem wollte sie noch das Spektakel namens Brexit unterbringen, weshalb sie ein weiteres Interview mit dem britischen Politikwissenschaftler Anthony Glees einschob. Das kann funktionieren, wie vor wenigen Wochen in einer Sendung mit dem früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck. Es ging damals um die politische Kultur in einem Land mit einer zunehmenden Polarisierung.

          Gestern Abend funktionierte das nicht. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende sollte sich nicht nur zu den aktuellen politischen Ereignissen äußern, vielmehr auch zu seinen vor wenigen Tagen veröffentlichten Memoiren. So zerfaserte das Gespräch zwischen den Wahlniederlagen in Brandenburg und Sachsen, den Umgang mit der AfD oder der Beziehung Kubickis zu dem im Jahr 2003 verstorbenen Jürgen Möllemann. Schließlich durfte der Strafverteidiger Kubicki noch etwas zum Ermittlungsverfahren gegen den früheren Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder sagen.

          Jedes dieser Themen hätte sich gelohnt. Kubicki ist ein dankbarer Gesprächspartner, der Humor mit intellektueller Schärfe zu verbinden weiß. Maischberger konnte sich aber nicht entscheiden, in welcher Rolle sie Kubicki eingeladen hatte: als stellvertretenden FDP-Vorsitzenden, den Anwalt oder Memoirenschreiber?

          Noch unverständlicher war die Einladung von Peter Maffay. Dieser ist am vergangenen Freitag siebzig Jahre alt geworden, er hat ein neues Album veröffentlicht und plant für den Januar eine Tournee. Außerdem hat sein Vater Wilhelm vor wenigen Wochen ein Buch über seinen berühmten Sohn veröffentlicht. Es war ein klassischer PR-Auftritt, der ansonsten eher bei Markus Lanz, „3 nach 9“ oder der NDR-Talkshow zu sehen ist.

          So hätte die Einladung Sinn gehabt

          Trotzdem hätte das unter einer Bedingung sogar Sinn gemacht: Maffay hat als Sohn eines Ungarn und einer Siebenbürger-Deutschen eine für seine Generation nicht untypische Einwandererbiographie. Er kam im Jahr 1963 aus Rumänien in die Bundesrepublik, und es war anschaulich, wie er seine Eindrücke bei der Ankunft in seiner neuen Heimat schilderte. Die Welt sei nicht mehr grau, sondern bunt gewesen, und die Stimmung nicht mehr bedrückt, sondern fröhlich.

          Die Einladung hätte Sinn gehabt, wenn es um das Thema Einwanderung gegangen wäre: Was einen deutschstämmigen Aussiedler aus Rumänien von einem heutigen Migranten unterscheidet, und wo sie über vergleichbare Erfahrungen berichten können. Lauter interessante Fragen, die aber bei einem PR-Auftritt selten gestellt werden. Stattdessen durfte sich Maffay im Rahmen des zivilgesellschaftlichen Engagements politisch äußern. Er tat das so diplomatisch, dass sich noch nicht einmal Frau Maischberger ein Lachen verkneifen konnte.

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Das britische Unterhaus am Dienstag Abend

          Johnson-Zeitplan abgelehnt : Brexit zum 31.Oktober nahezu ausgeschlossen

          Das britische Parlament hat den Gesetzesrahmen für den Brexit-Deal im Grundsatz gebilligt. Unmittelbar nach diesem Zwischenerfolg lehnte das Unterhaus jedoch den Zeitplan von Boris Johnson ab. EU-Ratspräsident Tust will eine Verlängerung der Brexit-Frist empfehlen.
          Der amerikanische EU-Botschafter Gordon Sondland vor einer Anhörung im Kongress

          Trumps Präsidentschaft : Erst Spender, dann Botschafter

          Ein Drittel aller von Donald Trump nominierten Botschafter scheint sich vor allem durch eines auszuzeichnen: großzügige Spenden an die Republikaner. Allerdings hat auch sein Vorgänger Barack Obama schon gerne Großspender in den diplomatischen Dienst berufen.
          Mal wieder Münchner Mitarbeiter des Abends: Robert Lewandowski

          3:2 in Piräus : Bayern retten sich ins Ziel

          Die Bayern geraten bei Olympiakos Piräus früh in Rückstand und unter Druck – aber auf Torjäger Lewandowski ist Verlass. Für die Münchner Abwehr gilt das beim 3:2-Sieg schon wieder nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.