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TV-Kritik: „Maischberger“ : Knallharte und Stehgeiger

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen am 20. November 2019 die aktuellen Ereignisse der vergangenen Woche. Bild: WDR/Max Kohr

Mit dieser Beschreibung charakterisierte der Journalist Hajo Schumacher bei Sandra Maischberger die beiden Vorsitzenden der Grünen. Diese haben ihren Parteitag hinter sich, die CDU noch vor sich – das bestimmte dann auch diese Sendung.

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          Diese Woche war parteipolitisch ereignisreich. Die Grünen haben ihren Parteitag gerade hinter sich, die CDU hat ihren noch vor sich. Sandra Maischberger machte dazu eine interessante Beobachtung: Die Christdemokraten seien „die Grünen der heutigen Zeit.“ Das kann man wohl sagen. Die Grünen bestätigten ihre beiden Vorsitzenden mit überwältigender Mehrheit im Amt. Sie zeigten zudem, wie parteipolitische Integrationsprozesse funktionieren.

          So konnten sie den Konflikt um die Homöopathie wirksam entschärfen, indem sie ein altes Motto der früheren Volksparteien aktualisierten: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis. Dort wird jetzt über den Wissenschaftsbegriff und die evidenzbasierte Medizin nachgedacht. In der CDU geht es dagegen zu, wie einst zwischen Realos und Fundis bei den Grünen.

          Dafür musste man nur die Artikel der beiden CDU-Politiker Peter Tauber und Hans-Georg Maaßen in der „Welt“ lesen. Tauber versucht mit einer Ausgrenzungsstrategie gegenüber der innerparteilichen Opposition seine Chefin im Verteidigungsministerium über das Wochenende zu bringen. Die Kritiker sollen unter Legitimationsdruck gesetzt werden, damit sich gar nicht erst die Parteivorsitzende oder die Kanzlerin für die desaströse Lage der Partei rechtfertigen müssen. Auch moralisch hochtönende Lautsprecher kennen ihren Machiavelli.

          Grüne Abwehrstrategien, grüne Inhalte

          Wie aber ist der Erfolg der Grünen zu erklären? Das Rätsel versuchte Sandra Maischberger mit ihren journalistischen Kommentatoren zu lösen. Hajo Schumacher sah den Grund in der untypischen Arbeitsteilung von Annalena Baerbock und Robert Habeck. Sie gebe die „Knallharte“, er den „Stehgeiger.“ Zudem seien sich „beide einig“. Wenigstens kommen ihre Differenzen nicht an die Öffentlichkeit, so könnte man hinzufügen. Die Grünen sprechen mit unterschiedlichen Zungen, wie es einmal der verstorbene Politikwissenschaftler Peter Lösche als Merkmal erfolgreicher Volksparteien definiert hatte. Das ist mehr als die innerparteiliche Geschlossenheit, auf die sich die Journalistin Anna von Bayern bezog. Die Wähler wollten „keinen Krawall.“

          Die Grünen haben für jeden Wähler etwas zu bieten: Für Enthusiasten „Fridays for future“ und für die Polarisierung Frau Baerbock. Und für alle, die sich dem schönen Begriff der Erhabenheit verpflichtet fühlen, ist Habeck im Angebot. Ist deshalb die Wahl der Grünen ein „Ablasshandel“ für Konsumsünden, wie es Anna von Bayern ausdrückte? Oder drückt sich darin eine grundsätzliche Bereitschaft zum Konsumverzicht aus? Deshalb müsse man nicht gleich verhungern, so Schumacher.

          Man verzichtet auf das, was man selbst nicht braucht

          Was unter Verzicht zu verstehen ist, machte Franz Alt deutlich. Er befürwortete das Tempolimit auf Autobahnen, was ihm leicht fallen sollte. Er „habe kein Auto mehr.“ Der gefragte Autor reist dafür am kommenden Sonntag für vier Tage nach Rio de Janeiro, um für seine Ideen zu werben. Mit dem Auto wird er dort nicht hinkommen. Menschen verzichteten halt schon immer auf das, was sie selber nicht brauchen.

          Der jahrzehntelange Vorkämpfer der Energiewende machte ansonsten noch die „Kohlelobby“ für die restriktiver gefassten Abstandsregeln bei der Installierung neuer Windkraftanlagen verantwortlich. Er nannte ein überzeugendes Argument zugunsten der gebeutelten Branche regenerativer Energien: die 350.000 Arbeitsplätze. Hier findet sich der Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte.

          Als Alt im Jahr 1994 sein Buch „Die Sonne schickt uns keine Rechnung“ veröffentlichte, waren regenerative Energien das Steckenpferd von Idealisten. Heute ist es eine Branche mit Milliarden-Umsätzen und einer Rechnung, die jeder Kunde von seinem Stromversorger bekommt. Aus Idealisten sind Geschäftsleute mit ökonomischen Interessen geworden. Die politischen Konsequenzen beschrieb Schumacher. Der Widerstand gegen den Ausbau der Windenergie mache nämlich eine Paradoxie deutlich: „Grüne Abwehrstrategien wenden sich gegen grüne Inhalte.“ So nennt die Kanzlerin den Klimawandel eine „Überlebensfrage der Menschheit.“ Nur sei es „ein Witz, was wir vorgelegt haben“, so ein von Alt nicht namentlich zitierter Regierungsberater.

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