https://www.faz.net/-gqz-a9h67

TV-Kritik „Maischberger“ : Kein Impfstoff, dafür aber viele Regeln

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Sandra Maischberger Bild: obs

An Corona führt auch in Maischbergers Wochenrückblick kein Weg vorbei. Aber es ist ein anderes Thema, das für Emotion und Aufregung sorgt.

          5 Min.

          Dieser Text wird von einem Mann geschrieben. Sie fragen sich, ob das wichtig ist? Aus meiner Sicht nicht. Aber wenn sie aufgrund meines Namens auf mein Geschlecht geschlossen haben, dann befinden sie sich bereits auf sehr dünnem Eis. Das musste unlängst Gesine Schwan bitter erfahren. Konkret ging es um Heinrich Horwitz – eine Person, die Frau Schwan offenbar nicht kannte. „Ich finde, es ist nicht schlimm, wenn ich denke, dass jemand, den ich gar nicht kenne und die Person sich Heinrich Horwitz nennt, ich denke, das ist ein Herr.“ Damit lag Frau Schwan allerdings gleich zweifach daneben: Heinrich Horwitz ist kein Mann – und Schwans Annahme hatte durchaus schlimme Folgen.

          Im Internet zog jedenfalls ein wilder Proteststurm auf; ein Shitstorm, um branchengerecht zu formulieren. Denn: Heinrich Horwitz ist kein Herr, auch nicht Schauspieler oder Regisseur, sondern Schauspieler:in und Regisseur:in, nicht binär, sondern eine geoutete, nicht-binäre, lesbische Person. Soweit die Selbstbeschreibung. Willkommen beim gendern! Das Thema, das im Wochenrückblick von Sandra Maischberger zwar erst am Ende der Sendung diskutiert wurde, aber um kurz vor Mitternacht die stärksten Emotionen und die größte Aufregung verursachen sollte. Doch dazu später mehr.

          Auftakt mit Corona

          Denn den Auftakt machte Corona. Auch wenn die meisten Bundesländer in dieser Woche die Corona-Maßnahmen gelockert haben, die Pandemie ist noch längst nicht vorbei. Im Gegenteil: Die Zahl der Neuinfektionen steigt wieder – und das, obwohl die Lockerungen sich in den aktuellen Werten noch gar nicht widerspiegeln. Der Schauspieler Walter Sittler, die Journalistin Katharina Hamberger und der Journalist Ansgar Graw nahmen sich zu Beginn der Sendung dabei zunächst die Politiker Nikolas Löbel (CDU) und Georg Nüßlein (CSU) vor. Sie sollen an der Beschaffung von Schutzmasken Provisionen im 6-stelligen Bereich verdient haben.

          Walter Sittler fürchtete, dass den Abgeordneten womöglich gar nicht bewusst sei, dass sie falsch gehandelt haben könnten. Es sei an der Union, derartige Vorgänge endlich aufzuarbeiten, denn das Fehlverhalten von Philipp Amthor oder Karl-Theodor zu Guttenberg habe damals keine Konsequenzen gehabt. Katharina Hamberger unterschied hierbei zwischen legal und legitim und verwies darauf, wie sehr sich die Union gegen ein Lobbyregister für Bundestagsabgeordnete gewehrt hatte.

          Wie Erlasse die Ärzte behindern

          Im ersten Schwerpunktblock der Sendung erläuterten Pharmazie-Professor Thorsten Lehr und Impfarzt Jürgen Zastrow, was derzeit in der deutschen Corona-Politik alles falsch läuft. Gut, nicht alles, schließlich ist die Sendung auf 75 Minuten begrenzt und wie zu Beginn angedeutet, sollte es noch ein zweites großes Thema geben. Aber Lehr und Zastrow nahmen kein Blatt vor den Mund. So kritisierte Zastrow, dass in Deutschland derzeit der fehlende Impfstoff durch politischen Aktionismus ersetzt werden soll. Die Ärzte erhielten Erlasse, die nicht sonderlich hilfreich seien. So habe man in Köln innerhalb von zwei Wochen am 14. Dezember ein Impfzentrum eröffnen müssen, was allerdings erst am 8. Februar in Betrieb genommen werden konnte. In der Zwischenzeit habe man all die Tage Staub wischen dürfen. Zastrow erzählt nüchtern und sachlich, ohne Schaum vor dem Mund. Politikerschelte ist ihm an diesem Abend fremd, vielmehr will er schlicht berichten, wie in Deutschland wirklich gegen Corona vorgegangen wird. Und sei es mit einem feuchten Tuch.

          Auch beim Thema übriggebliebener Impfstoff ist Zastrows Offenheit herrlich erfrischend. Gefragt, was er abends dann getan habe, lautet seine Antwort knapp: Überstunden. Um am Ende einer Tages-Impfschicht keinen Impfstoff verwerfen zu müssen. Als alle Bewohner und Pflegekräfte eines Altenheims geimpft waren, habe man schlicht auf der Intensivstation des nahegelegenen Krankenhauses angerufen und die dortigen Mitarbeiter zum Impfen kommen lassen.

          Ohnehin hatten Zastrow und seine Kollegen mehr Impfdosen aus dem Ampullen gezogen als vorgeschrieben, so dass er im Grunde ständig gegen Erlasse verstoßen habe – dafür aber mehr Impfungen ermöglichte. „Ich bin in erster Linie Arzt. Dazu gehört es derzeit leider auch, Mut zu haben, dass möglichst viel Impfstoff an möglichst viele Menschen kommt. Und wenn ich dafür gegen irgendetwas verstoßen muss, dann tue ich das leider auch“, gab Zastrow bei Maischberger zu.

          Die Pandemie nimmt wieder Fahrt auf

          Pharmazie-Professor Thorsten Lehr hingegen widmet sich den Corona-Zahlen. Er erstellt Modellrechnungen und Prognosen über den weiteren Verlauf der Pandemie an. In der Sendung von Sandra Maischberger stellte Lehr klar, dass man sich derzeit an einem Wendepunkt befinde. Die zweite Welle gehe zu Ende, weshalb die aktuellen Infektionszahlen auch nicht weiter sinken würden. Im Gegenteil: Mit den neuen Virusmutationen sowie einer steigenden Mobilität und Kontaktaufnahme würden die Zahlen auf jeden Fall steigen. Den von der Politik neu vorgegebene Stoppwert von Inzidenz 100 würde man deshalb auch ohne Lockerungen in diesem Monat wieder überschreiten.

          Kritikern, die dem Inzidenzwert deshalb seine Wichtigkeit absprechen und dafür plädieren, dass sich die junge Bevölkerung ruhig anstecken könne, entgegnete Lehr: Man habe bislang viel zu wenig geimpft, um einem Effekt zu erzielen. Eine hohe Inzidenz mache neue Mutationen wahrscheinlicher. Außerdem dürfe man die Langzeitfolgen einer Covid-Erkrankung nicht außer Acht lassen.  

          Auch Zastrow verteidigte das Prinzip der Impfpriorisierung. Der anfängliche Fokus auf Alten- und Seniorenheime sei richtig gewesen, doch nun müsse man den Blick vom Personenrisiko auf das epidemiologische Risiko weiten, sprich: das Risiko für die gesamte Bevölkerung erfassen. Im nächsten Schritt sollte man deshalb Kontaktgruppen wie Ärzte impfen. Es könne nicht sein, dass man zum Arzt gehe, der nicht geimpft sei – und man sich deshalb eventuell in der Praxis anstecke. Eine Reihenfolge sei richtig, sie müsse aber immer flexibel bleiben. Die Vorgaben aus den Ministerien hingegen seien sehr starr, klagte Zastrow. Ministerien seien sehr prozessorientiert, man entwickle dort immer neue Vorgaben. Getreu dem Motto: Wir haben zwar keinen Impfstoff, aber das macht doch nichts, dafür haben wir immer neue Regeln. Dieser Sichtweise ist wohl nichts hinzuzufügen.

          Anschließend wagte Sandra Maischberger einen Parforceritt von Meghan Markle, über Rassismus in Großbritannien bis hin zum angekündigten Rücktritt des Fußball-Bundestrainers Jogi Löw. Ob der Erkenntnisgewinn hierbei sonderlich groß war, mag zu bezweifeln sein. Man sollte ihn wohl im Promillebereich verordnen.

          Mit Glottisschlag zur Gleichberechtigung

          Doch während sich die Sendung dem Ende entgegen neigte, steuerte sie in Wahrheit auf ihren emotionalen Höhepunkt zu: auf Heinrich Horwitz, Gesine Schwann – und die Suche nach der geschlechtergerechten Sprache. Die neuste Erfindung hierbei ist das Gendersternchen. Auch Petra Gerster (Sprecherin der ZDF-„heute“-Nachrichten) spricht das *, beispielsweise bei „Wähler*innen“. Die kurze Pause wie in SpiegelEi nennen Linguisten Glottisschlag, wenn die Stimmritze für einen kurzen Moment schließt. Gerster jedenfalls gab sich im zweiten Schwerpunktblock der Sendung überzeugt, dass der Glottisschlag für mehr Gerechtigkeit sorge. Dem widersprach Nele Pollatschek (Schriftsteller) heftig.

          Pollatschek stehe in der Öffentlichkeit wegen ihres Berufs und nicht wegen ihrer Identität. Ihr Beruf Schriftsteller sei in Momenten wie bei Maischberger relevant, aber doch nicht ihr Geschlecht. Sie stamme aus Ostdeutschland, dort seien solche Sprachfinessen nötig gewesen, da alle Frauen die gleiche Arbeit verrichtet hätten. Gerster erwiderte, dass hingegen Frauen im Westen sich ihren Platz in der Arbeitswelt erst mühsam erkämpfen mussten – und sich diese Teilhabe nun auch in der Sprache widerspiegeln müsse.

          Sprache versus Realität

          Gerster ist an diesem Abend allerdings verblüffend inkonsequent: Zwar gebe es ohne Glottisschlag keine Gleichberechtigung, sie selbst gehe aber natürlich zum Bäcker und zum Arzt. Denn hierbei handele es sich um eine Institution; es wäre albern, meint Gerster, diese Bezeichnungen zu gendern. Pollatschek gelang es immer wieder, Gersters Inkonsequenz aufzudecken, beispielsweise, wenn sie das Wortungetüm „Bürger*innenmeister*in“ erschafft – was dann auch Petra Gerster als Quatsch abtat. Doch auch Pollatschek erkannte bei Maischberger ein Sprachproblem und schlug vor: Wenn man die Gerechtigkeitsfrage sprachlich lösen wolle, solle man analog zum Englischen auf alle Geschlechter verzichten. Dann hieße es eben: das Bundeskanzler. Durchaus gewöhnungsbedürftig.

          Pollatschek Forderung war jedoch eine andere: Wenn man etwas für Frauen tun wolle, sollte man sich nicht auf Sprache versteifen, sondern lieber die Realität verändern: Kindergartenplätze, Ganztagesschulen, Ehegattensplitting abschaffen. Kurz: Es möglich machen, dass Frauen gleichberechtigt arbeiten gehen können.

          Doch in Deutschland diskutiert man sich lieber die Köpfe heiß über richtiges gendern, während die Frauen sich einer riesigen Gender-Pay-Gap gegenübersehen: Laut Statistischem Bundesamt verdienen Frauen in Deutschland durchschnittlich 18 Prozent weniger als Männer. Im Jahr 2019 war sie damit europaweit nur in Estland, Lettland und Österreich noch mehr benachteiligt.

          Weitere Themen

          2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

          Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

          Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

          Topmeldungen

          Deutscher Sieg über Portugal : Ein Abend, an dem Funken sprühen

          Mit der überwältigenden Mischung aus Wucht und Wille erfüllt die DFB-Elf ihren Auftrag gegen Portugal. Auch die Konkurrenz in Fußballeuropa dürfte diese deutsche Verwandlung mit einigem Staunen gesehen haben.

          Deutsche Einzelkritik : Müller nervt Portugal, Gosens ragt heraus

          Beim Sieg über Portugal macht Robin Gosens wohl die Partie seines Lebens. Auch andere DFB-Akteure zeigen sich deutlich verbessert. Aber einer scheint nicht der Lieblingsspieler von Bundestrainer Joachim Löw zu sein.
          Kann Jens Spahn als von Corona genesen gelten?

          F.A.S. Exklusiv : Herr Spahn und die Genesenen

          Der Gesundheitsminister macht es Leuten schwer, die Corona schon überstanden haben. Wie viele Impfungen sie brauchen, ist umstritten. Hat Jens Spahn sich selbst vergessen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.