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TV-Kritik „Maischberger“ : Kein Impfstoff, dafür aber viele Regeln

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Mit Glottisschlag zur Gleichberechtigung

Doch während sich die Sendung dem Ende entgegen neigte, steuerte sie in Wahrheit auf ihren emotionalen Höhepunkt zu: auf Heinrich Horwitz, Gesine Schwann – und die Suche nach der geschlechtergerechten Sprache. Die neuste Erfindung hierbei ist das Gendersternchen. Auch Petra Gerster (Sprecherin der ZDF-„heute“-Nachrichten) spricht das *, beispielsweise bei „Wähler*innen“. Die kurze Pause wie in SpiegelEi nennen Linguisten Glottisschlag, wenn die Stimmritze für einen kurzen Moment schließt. Gerster jedenfalls gab sich im zweiten Schwerpunktblock der Sendung überzeugt, dass der Glottisschlag für mehr Gerechtigkeit sorge. Dem widersprach Nele Pollatschek (Schriftsteller) heftig.

Pollatschek stehe in der Öffentlichkeit wegen ihres Berufs und nicht wegen ihrer Identität. Ihr Beruf Schriftsteller sei in Momenten wie bei Maischberger relevant, aber doch nicht ihr Geschlecht. Sie stamme aus Ostdeutschland, dort seien solche Sprachfinessen nötig gewesen, da alle Frauen die gleiche Arbeit verrichtet hätten. Gerster erwiderte, dass hingegen Frauen im Westen sich ihren Platz in der Arbeitswelt erst mühsam erkämpfen mussten – und sich diese Teilhabe nun auch in der Sprache widerspiegeln müsse.

Sprache versus Realität

Gerster ist an diesem Abend allerdings verblüffend inkonsequent: Zwar gebe es ohne Glottisschlag keine Gleichberechtigung, sie selbst gehe aber natürlich zum Bäcker und zum Arzt. Denn hierbei handele es sich um eine Institution; es wäre albern, meint Gerster, diese Bezeichnungen zu gendern. Pollatschek gelang es immer wieder, Gersters Inkonsequenz aufzudecken, beispielsweise, wenn sie das Wortungetüm „Bürger*innenmeister*in“ erschafft – was dann auch Petra Gerster als Quatsch abtat. Doch auch Pollatschek erkannte bei Maischberger ein Sprachproblem und schlug vor: Wenn man die Gerechtigkeitsfrage sprachlich lösen wolle, solle man analog zum Englischen auf alle Geschlechter verzichten. Dann hieße es eben: das Bundeskanzler. Durchaus gewöhnungsbedürftig.

Pollatschek Forderung war jedoch eine andere: Wenn man etwas für Frauen tun wolle, sollte man sich nicht auf Sprache versteifen, sondern lieber die Realität verändern: Kindergartenplätze, Ganztagesschulen, Ehegattensplitting abschaffen. Kurz: Es möglich machen, dass Frauen gleichberechtigt arbeiten gehen können.

Doch in Deutschland diskutiert man sich lieber die Köpfe heiß über richtiges gendern, während die Frauen sich einer riesigen Gender-Pay-Gap gegenübersehen: Laut Statistischem Bundesamt verdienen Frauen in Deutschland durchschnittlich 18 Prozent weniger als Männer. Im Jahr 2019 war sie damit europaweit nur in Estland, Lettland und Österreich noch mehr benachteiligt.

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