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TV-Kritik „Maischberger“ : Kein Impfstoff, dafür aber viele Regeln

  • -Aktualisiert am

Auch beim Thema übriggebliebener Impfstoff ist Zastrows Offenheit herrlich erfrischend. Gefragt, was er abends dann getan habe, lautet seine Antwort knapp: Überstunden. Um am Ende einer Tages-Impfschicht keinen Impfstoff verwerfen zu müssen. Als alle Bewohner und Pflegekräfte eines Altenheims geimpft waren, habe man schlicht auf der Intensivstation des nahegelegenen Krankenhauses angerufen und die dortigen Mitarbeiter zum Impfen kommen lassen.

Ohnehin hatten Zastrow und seine Kollegen mehr Impfdosen aus dem Ampullen gezogen als vorgeschrieben, so dass er im Grunde ständig gegen Erlasse verstoßen habe – dafür aber mehr Impfungen ermöglichte. „Ich bin in erster Linie Arzt. Dazu gehört es derzeit leider auch, Mut zu haben, dass möglichst viel Impfstoff an möglichst viele Menschen kommt. Und wenn ich dafür gegen irgendetwas verstoßen muss, dann tue ich das leider auch“, gab Zastrow bei Maischberger zu.

Die Pandemie nimmt wieder Fahrt auf

Pharmazie-Professor Thorsten Lehr hingegen widmet sich den Corona-Zahlen. Er erstellt Modellrechnungen und Prognosen über den weiteren Verlauf der Pandemie an. In der Sendung von Sandra Maischberger stellte Lehr klar, dass man sich derzeit an einem Wendepunkt befinde. Die zweite Welle gehe zu Ende, weshalb die aktuellen Infektionszahlen auch nicht weiter sinken würden. Im Gegenteil: Mit den neuen Virusmutationen sowie einer steigenden Mobilität und Kontaktaufnahme würden die Zahlen auf jeden Fall steigen. Den von der Politik neu vorgegebene Stoppwert von Inzidenz 100 würde man deshalb auch ohne Lockerungen in diesem Monat wieder überschreiten.

Kritikern, die dem Inzidenzwert deshalb seine Wichtigkeit absprechen und dafür plädieren, dass sich die junge Bevölkerung ruhig anstecken könne, entgegnete Lehr: Man habe bislang viel zu wenig geimpft, um einem Effekt zu erzielen. Eine hohe Inzidenz mache neue Mutationen wahrscheinlicher. Außerdem dürfe man die Langzeitfolgen einer Covid-Erkrankung nicht außer Acht lassen.  

Auch Zastrow verteidigte das Prinzip der Impfpriorisierung. Der anfängliche Fokus auf Alten- und Seniorenheime sei richtig gewesen, doch nun müsse man den Blick vom Personenrisiko auf das epidemiologische Risiko weiten, sprich: das Risiko für die gesamte Bevölkerung erfassen. Im nächsten Schritt sollte man deshalb Kontaktgruppen wie Ärzte impfen. Es könne nicht sein, dass man zum Arzt gehe, der nicht geimpft sei – und man sich deshalb eventuell in der Praxis anstecke. Eine Reihenfolge sei richtig, sie müsse aber immer flexibel bleiben. Die Vorgaben aus den Ministerien hingegen seien sehr starr, klagte Zastrow. Ministerien seien sehr prozessorientiert, man entwickle dort immer neue Vorgaben. Getreu dem Motto: Wir haben zwar keinen Impfstoff, aber das macht doch nichts, dafür haben wir immer neue Regeln. Dieser Sichtweise ist wohl nichts hinzuzufügen.

Anschließend wagte Sandra Maischberger einen Parforceritt von Meghan Markle, über Rassismus in Großbritannien bis hin zum angekündigten Rücktritt des Fußball-Bundestrainers Jogi Löw. Ob der Erkenntnisgewinn hierbei sonderlich groß war, mag zu bezweifeln sein. Man sollte ihn wohl im Promillebereich verordnen.

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