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TV-Kritik: Maischberger : Quote und Identität

  • -Aktualisiert am

Sahra Wagenknecht spricht mit Sandra Maischberger. Bild: © WDR/Ben Knabe 

Die Identitätspolitik bietet die Chance, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen – so schrieb es einst Max Weber. Die jüngste Ausgabe von „Maischberger“ zeigte am Fall Jens Lehmann, was passiert, wenn sich die Theorie mit Leben füllt.

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          Hier spricht der Quotenmann des deutschen Mediensystems. Oder ist es der Quotenbabyboomer? Vielleicht auch der Quotenvater mit überdurchschnittlich vielen Kindern? Das Leben ist bekanntlich bunt und vielfältig, wahrscheinlich hat sich aber in den langen Jahren noch nie ein Leser mit dem Thema beschäftigt, ob ihn die persönlichen Lebensumstände des Autors zur Lektüre dieser TV-Kritiken motivieren. Eine Leserin auch nicht, so ist anzunehmen, ansonsten gerieten wir in eine vertiefte Diskussion über die Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert.

          Man könnte die Komplexität noch erhöhen, indem man sich fragt, ob ein früherer Quotenlinker jetzt zum Quotenkonservativen geworden ist. So wäre es möglich, die ungeklärte Identitätsfrage des Autors mit allen möglichen sozialen und gesellschaftlichen Zuschreibungen zu verbringen. Dabei ist er sogar noch ein Quotenprovinzler in dem ansonsten großstädtisch geprägten Journalismus der Gegenwart.

          Das hätte dem Leser aber immer noch nicht geholfen, weil er sich schließlich für die Einschätzung des Autors über die gestrige Sendung von Sandra Maischberger interessiert.

          Wagenknecht wider die sprachpolitische Verrenkung

          Dort ging es aber genau darum, nämlich um die Identitätsfrage als Fixpunkt innenpolitischer Debatten in westlichen Gesellschaften. Dazu hatte die Gastgeberin Sahra Wagenknecht  eingeladen, die in den vergangenen Jahren in ihrer Partei die Quote für Kompetenz und Charisma übererfüllte.

          Sie galt einst als Hoffnung der Linken, um die Lücke zu schließen, die Oskar Lafontaine und Gregor Gysi als populäre Führungsfiguren hinterlassen hatten. Mittlerweile wurde sie dort aber an den Rand gedrängt, weshalb sie in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“ mit der „Lifestyle-Linken“ abrechnet, die die alte soziale Frage durch die Identitätslogik permanenter Selbstvergewisserung ersetzt hat.

          Sie thematisiert damit einen neuen Konflikt in allen westlichen Gesellschaften, wo sich politische Macht als Hegemonie über den politischen Diskurs definiert. Es gehe darum, wie die Menschen „zu leben haben, was sie zu essen haben“, und wie sie zu denken und zu reden hätten.

          Dabei machte die linke Bundestagsabgeordnete eine wichtige Bemerkung, die den Annahmen dieser „Lifestyle-Linken“ fundamental widerspricht. Sie sprach von einer relativ liberalen Gesellschaft, wenn man sich die Haltungen in der Bevölkerung ansähe.

          Manische Suche nach Diskriminierung

          Mit anderen Worten: Die manische Suche nach Diskriminierungen im Sprachgebrauch betrachtet sie als Hirngespinst, das allerdings eine Funktion hat. Die Detektion vermeintlicher Diskriminierung ermöglicht es einer sozialen Klasse aus dem akademisch geprägten Mittelstand, politische Macht zu erringen.

          Es geht keineswegs um die von Sahra Wagenknecht beklagte „Intoleranz“ dieser Milieus gegenüber anderen sozialen Schichten, weil sie das Privileg hatten, eine Universität zu besuchen. Vielmehr bedeutet das deren Fähigkeit, sich in den unvermeidlichen Verteilungskämpfen Vorteile zu verschaffen. Dabei, und das weiß eine gelernte Marxistin natürlich, ist das kompatibel mit der Funktionslogik einer kapitalistischen Gesellschaft. Dort verdampft alles Ständische, wie es schon im Kommunistischen Manifest hieß.

          So dokumentierte Frau Wagenknecht ihr Desinteresse an den sprachpolitischen Verrenkungen der Gegenwart. Das teilt sie mit den großen Konzernen, die eine „Zigeunersauce“ neuerdings auch scharfe Sauce nennen, wenn sie sich davon einen besseren Absatz versprechen. Den meisten Kunden ist es wohl ebenfalls gleichgültig, sofern die „Zigeunersauce“ weiterhin das gleiche Geschmackserlebnis verspricht.

          Suspendiert und ausgeladen

          Aber wie es der Zufall will, gab es gestern einen sprachpolitischen Fall, der die Konsequenzen dieses politischen Machtanspruches dokumentierte. Der frühere Fußball-Nationalspieler Jens Lehmann hatte in einer privaten Mitteilung gefragt, ob Dennis Aogo als sein früherer Mannschaftskamerad der „Quotenschwarze“ beim Fernsehsender Sky sei. Das sendete der frühere Torhüter wohl irrtümlich an den früheren Linksverteidiger. Der rief aber nicht beim lieben Jens an, um zu fragen, was das soll. Aogo veröffentlichte das lieber scheinheilig auf seinem Instagram-Profil.

          Für Lehmann hatte das Folgen: Er wurde als Aufsichtsrat beim gegen den Abstieg kämpfenden Bundesligisten Hertha BSC suspendiert. Zugleich verkündete der wiederum um jeden Kunden kämpfende Fernsehsender Sky, Lehmann nicht mehr als Gast einzuladen. Der „Quotenschwarze“ galt als rassistische Entgleisung.

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