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TV-Kritik „Sandra Maischberger“ : Pest oder Cholera

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger mit ihren Gästen Bild: Picture-Alliance

In Großbritannien wird gewählt – und Sandra Maischberger bemüht sich in ihrer Sendung, den Zuschauern einige Hintergründe zu vermitteln. Im Dickicht der sonstigen Themen der Woche funktioniert das aber nur mit Einschränkungen.

          4 Min.

          Am Mittwoch gab es im Laufe des Tages ein interessantes Beispiel für die Funktionsweise unseres Mediensystems. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) lud zu einer außerplanmäßigen Pressekonferenz ein. Sofort entstand in den sozialen Netzwerken heillose Aufregung, weil viele Beobachter daran die Erwartung an seinen Rücktritt verknüpften. Dafür gab es zwar keine Hinweise, das änderte aber nichts an deren Perspektive.

          Als sich diese Erwartung als Irrtum herausstellte, schlief das Interesse an der Pressekonferenz sofort ein. Ansonsten wäre der Rücktritt zweifellos in dieser Sendung als Schlagzeile des Tages zur Sprache gekommen. Dazu kam es nicht, dafür gab es den obligatorischen Rückblick auf die Themen der Woche. Das reichte vom Tempolimit bis zur Rede der Bundeskanzlerin in Auschwitz, vom SPD-Parteitag und Kevin Kühnert über ein soziales Pflichtjahr bis nach Russland.

          Dort ging es um die Sperre des Landes für internationale Sportereignisse und die diplomatischen Verwicklungen nach dem Mord an einem georgischen Staatsbürger in Berlin. Fehlt noch was? Die Wahl der 34-jährigen Sanna Marin zur finnischen Ministerpräsidentin. Dafür hatte man glatt die „Person of the Year 2019“ des Time Magazines vergessen.

          Journalisten als Identifikationsangebote

          Die drei journalistischen Kommentatoren dienen in diesem Format als Identifikationsangebote für den Zuschauer. So durften sich die Anhänger Kevin Kühnerts über den ARD-Moderator Jörg Thadeusz empören, oder sich die Kritiker der Autolobby bei der Autorin Amelie Fried gut aufgehoben fühlen. Dagegen freuten sich sicherlich die Kritiker dieser Kritiker über die kritischen Anmerkungen des früheren Bild-Redakteurs Nikolaus Blome zu steigenden Benzinpreisen. So werden die drei journalistischen Kommentatoren zwar zu prägnanten Formulierungen gezwungen, das bringt aber wenig Erkenntnisgewinn für die Zuschauer.

          Tatsächlich ist es nicht wichtig, ob Thadeusz meint, Kühnert habe „so viel Unsinn erzählt.“ Interessanter wäre es gewesen, seinen Entfremdungsprozess aus dem sozialdemokratischen Milieu in Dortmund zu beschreiben, aus dem er stammt. Oder als Frau Fried fast unvermittelt über ihre in Auschwitz ermordeten Verwandten erzählte. Hier hätte sich das Nachfragen gelohnt. Stattdessen gab es die plakative Bemerkung, am liebsten alle Leugner des Holocaust „an den Haaren nach Auschwitz schleifen“ zu wollen. Einer der wichtigsten Urheber der sogenannten „Auschwitz-Lüge“ namens Fred Leuchter war im Jahr 1988 sogar in Auschwitz gewesen. Das nur nebenbei.

          Erwartungen an Polarisierung

          So entspricht dieser Teil der Sendung den Funktionsmechanismen dieses Mediensystems, weil es dessen Erwartungen an Polarisierung reproduziert. Dabei bietet das Konzept ansonsten Potential. Selbstredend gibt es heute nur ein Thema: Das sind die Wahlen in Großbritannien. Die Gastgeberin hatte Susanne Schmidt eingeladen, die seit vierzig Jahren in Großbritannien lebt. Sie ist zwar die Tochter des im Jahr 2015 verstorbenen früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, hat es aber bisher immer vermieden, sich als dessen politischer Nachlassverwalter zu verstehen. Sie schilderte ihre Sichtweise auf diese Wahl, die sie als eine zwischen „Pest und Cholera“ beschrieb. Premierminister Boris Johnson werde sogar „von seinen Freunden für einen Lügner gehalten.“ Die Konservativen seien zu „einer englischen Nationalpartei“ geworden.

          Oppositionsführer Jeremy Corbyn kam bei ihr allerdings nicht besser weg. Seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen stammten weitgehend aus den 1970er Jahren, seien marxistisch-sozialistisch geprägt. Corbyn orientiert sich tatsächlich eher an Tony Benn, dem Wortführer der Labour-Linken dieser Jahre, als etwa an dem Labour-Premierminister James Callaghan, der von 1976 bis 1979 das Land regierte.

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