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TV-Kritik: „Maischberger“ : Britischer Humor, nur ohne Pointe

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen über den Brexit Bild: WDR/Melanie Grande

Frau Maischberger nimmt das Tohuwabohu um den Brexit zum Anlass, den Teufel an die Wand zu malen. Keine gute Voraussetzung für eine sachliche Diskussion.

          Zugegeben, die Lage ist verworren. Erstaunlich auch, dass für den Aufschub der Entscheidung, ob Großbritannien die Europäische Union verlässt oder nicht, eine Geschäftsordnung herangezogen wird, die als Präzedenz einen Vorgang aus dem 17. Jahrhundert bemüht. Das ist eine so ehrwürdige Tradition, dass ihr gegenüber die EU noch in den Windeln steckt. Nur hat das britische Parlament in den vergangenen Monaten sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet mitzuteilen, was es nicht will. Speaker Bercow hat mit dem Hinweis auf die Geschäftsordnung einen Weg gefunden, dass Großbritannien den Austrittsantrag zurückziehen könnte. Das Parlament darf durch die Regierung nicht missachtet werden. Daran ändert auch die Fernsehansprache Theresa Mays nichts. Im Gegenteil. Kommt es in den nächsten Tagen nicht zu einem Aufschub, könnte sich im Unterhaus auf Betreiben des Parlamentsältesten Kenneth Clarke eine Mehrheit dafür finden, den Austrittsantrag zurückzuziehen.

          Der ehrwürdige Liebhaber Großbritanniens Wolf von Lojewski wird in seinem Glauben an die pragmatische Vernunft der Briten irre. Das Hin und Her im Parlament könne keiner entwirren, auch der listige Speaker nicht, sagt er in der Sendung von Sandra Maischberger. Martin Schulz zieht einen wuchtigen Vergleich. Das Parlament handele verantwortungslos, sagt der einstige EU-Parlamentspräsident und zieht eine Parallele zum Scheitern der Weimarer Republik. Shona Fraser, in Deutschland lebende Britin, hat über Speaker Bercows Geschäftsordnungstrick gejubelt. Den Brexit erlebt sie als Albtraum. Käme es zu einem neuen Referendum, würde die Mehrheit dafür stimmen, in der EU zu bleiben. Das erste Referendum findet sie ein Beispiel für britischen Humor, nur ohne Pointe. Das ist so fein ausgedrückt, dass Frau Fraser die nächsten 45 Minuten fast gar nicht mehr am Gespräch beteiligt wird.

          Verirrt im Boulevard

          Der ARD-Hörfunkkorrespondent Ralph Sina fragt sich, wie Frau May die vielen K.o.-Schläge der letzten Monate ausgehalten hat. Aber immerhin kann er an eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes erinnern, der Großbritannien bestätigt hat, dass es den Austrittsantrag zurückziehen kann.

          Der Publizist Roland Tichy ist an diesem Abend erstaunlich milde gestimmt. Wenn Großbritannien den Austrittsantrag zurückziehe, sei jeder froh darüber, dass das Chaos erst einmal vorbei sei. Die österreichische FPÖ-Politikerin Petra Steger zeigt sich nicht beglückt über die Aussicht, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft die EU verlassen könnte. Das Brexit-Votum bewertet sie als Weckruf an die Adresse der EU, ihren Kurs zu ändern. Es folgt das Mantra vom Schutz der Außengrenzen, womit sie deutlich macht, dass die österreichischen Rechtspopulisten bei Herrn Orbán gelernt haben, wie eine Agenda vorgebetet werden kann, die die realen Herausforderungen beiseite wischt.

          Martin Schulz erinnert daran, dass die Kampagnen, die zum Brexit-Referendum geführt haben, nichts mit der EU zu tun hatten und nur auf Vorurteile und Falschinformationen gesetzt hatten. Der politische Zynismus in London sei fast grenzenlos. May bekomme keinen Fuß auf den Boden. Da kannte er noch nicht die Fernsehansprache dieses Abends.

          Lojo wirbt noch mal für die Briten. Sie hätten Europa und die Welt vor den Nazis gerettet, als alle anderen noch gezögert hatten. Leider sei das Land heute nicht in bester Form. Auch Jeremy Corbyn sei nicht gerade als Führer der Opposition in bester Form.

          Zu heiß gestrickt

          Jetzt kommt es zum Tiefpunkt dieses Abends, der mit sehr heißer Nadel gestrickt zu sein scheint. Die EU lasse ihre zweitstärkste Volkswirtschaft ziehen und nehme als Ersatz dafür Albanien auf. Karl Mays Skipetaren lassen grüßen. Martin Schulz interveniert robust: Das sei Blödsinn. Der früheste Eintritt erfolge vielleicht im Jahr 2030, aber auch das erscheine eher abwegig, weil es darüber in anderen EU-Ländern zu Volksabstimmungen komme. Die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei haben 1964 begonnen. Das ist zwar nicht mit einer Geschäftsordnung aus dem 17. Jahrhundert zu vergleichen, aber immerhin auch schon so lange her, dass sich nicht einmal Brüsselkorrespondent Sina daran erinnert.

          Frau Steger bemüht sich, die österreichische Ratspräsidentschaft in ein helles Licht zu rücken, obschon da nur Habsburgdunkel zum Ausdruck kommt. Wer den „Westbalkan“ in seiner heutigen politischen Verfassung an Europa „heranführt“, macht vielleicht beim Heurigen einen Stich. Die Sicherheitspolitik Österreichs, das bekanntlich nicht der Nato angehört, endet an der Grenze zu Italien, von wiederauflebenden Tiroler Frivolitäten ganz zu schweigen. Herr Schulz hätte ihr entschiedener entgegentreten können, während Frau Maischberger der unzureichende Spickzettel ausreicht, statt eine darin nicht vorgesehene Rückfrage zu stellen.

          Auch Herr Sina argumentiert seltsam unaufgeräumt. Dass die Flüchtlingskrise in Großbritannien kritisch wahrgenommen worden ist, ändert nichts an dem Sachverhalt, dass das Vereinigte Königreich nicht zum Schengenraum gehört und die Franzosen in Calais verhindern, dass Flüchtlinge sich auf LKWs, Züge oder Boote schmuggeln. Er kritisiert eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zum Nachteil des britischen Staubsaugerherstellers Dyson, die er so verworren darstellt, dass daraus nicht einmal er richtig schlau geworden zu sein scheint. Prompt muss Schulz richtigstellen, dass der EuGH nicht mit der EU gleichzusetzen sei.

          Über die politische Entwicklung der EU entscheiden die Spitzenpolitiker der 27 Mitgliedsstaaten. Das hindert Herrn Tichy nicht daran, von einem „amorphen Gebilde“ zu schwafeln und dazu mit gut gerundeten Armen das Bild einer Krake zu malen. Auch das ist Mumpitz, der nicht zu Rückfragen der Gastgeberin führt, sondern nur den guten alten Lojo auf die Palme bringt. Lojo vermisst glanzvolle Persönlichkeiten, die den Europa-Gedanken beglaubigen und mit neuem Leben erfüllen können. Er setzt sein Vertrauen auf Frau Barley und Graf Lambsdorff.

          Verzerrtes Bild der Lage

          Der nächste Einspieler erzeugt abermals ein verzerrtes Bild der heutigen Lage. Die EU ist in wichtigen Politikfeldern zerstritten, aber das heißt nicht, dass die heutigen Spitzenpolitiker der Visegrad-Staaten auch weiterhin die Mehrheit ihrer Wählerschaft hinter sich haben. Das scheint sich, wie die Präsidentschaftswahl der Slowakei zeigt, gerade zu ändern. Man kann das Getöse der FPÖ und der Fidesz nicht so zum Nennwert nehmen, wie das Maischbergers Redaktion tut.

          Schulz erinnert an die weltpolitische Lage, in welcher solche Großmächte wie Ungarn und Österreich zwar glauben, einen guten Draht ins Weiße Haus zu haben, aber deshalb keine eigenständige Handelspolitik mit Amerika oder China entwickeln können. Die Populisten schwächten Europa gerade da, wo die EU als Schutzschild der Bürgerinnen und Bürger wirke. Trocken erinnert er an die Grundrechtecharta der EU, die sich nicht bis in die Redaktion Sandra Maischbergers herumgesprochen hat. Sie malt lieber einen Popanz an die Wand.

          Das Demokratiedefizit der EU wird von solchen Politikern wie Orbán oder Strache nicht behoben. Wer den gegenteiligen Eindruck zu erwecken versucht und sich dabei, wie Frau Maischberger, auf Umfragen in acht europäischen Ländern beruft, könnte ja mal sich fragen lassen, welche 19 Länder anderer Auffassung sind. Aber nein, das könnte wieder zu kompliziert werden.

          Schließlich tischt Frau Maischberger die Ideen des französischen Staatspräsidenten verwegen falsch auf. Aber wen schert das noch? Martin Schulz, dessen Kommen erst angekündigt, dann wieder abgesagt, dann abermals angekündigt wurde, hätte an diesem Abend wie eine Windmühle arbeiten müssen, um so viel Unfug richtig zu stellen, aber er war auch nicht als Dementimaschine eingeladen.

          So bleibt als Fazit zu ziehen, dass die EU reformiert werden muss, die dafür sinnvollen Ideen nicht von den Rechtspopulisten kommen und schließlich die entgeisterte Frau Fraser, ach, da sind Sie ja noch, zu Protokoll geben darf, dass die lieben Briten von dieser Diskussion nichts verstanden hätten. Das kann man leider auch von der Gastgeberin behaupten.

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