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TV-Kritik: „Maischberger“ : Britischer Humor, nur ohne Pointe

  • -Aktualisiert am

Frau Steger bemüht sich, die österreichische Ratspräsidentschaft in ein helles Licht zu rücken, obschon da nur Habsburgdunkel zum Ausdruck kommt. Wer den „Westbalkan“ in seiner heutigen politischen Verfassung an Europa „heranführt“, macht vielleicht beim Heurigen einen Stich. Die Sicherheitspolitik Österreichs, das bekanntlich nicht der Nato angehört, endet an der Grenze zu Italien, von wiederauflebenden Tiroler Frivolitäten ganz zu schweigen. Herr Schulz hätte ihr entschiedener entgegentreten können, während Frau Maischberger der unzureichende Spickzettel ausreicht, statt eine darin nicht vorgesehene Rückfrage zu stellen.

Auch Herr Sina argumentiert seltsam unaufgeräumt. Dass die Flüchtlingskrise in Großbritannien kritisch wahrgenommen worden ist, ändert nichts an dem Sachverhalt, dass das Vereinigte Königreich nicht zum Schengenraum gehört und die Franzosen in Calais verhindern, dass Flüchtlinge sich auf LKWs, Züge oder Boote schmuggeln. Er kritisiert eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zum Nachteil des britischen Staubsaugerherstellers Dyson, die er so verworren darstellt, dass daraus nicht einmal er richtig schlau geworden zu sein scheint. Prompt muss Schulz richtigstellen, dass der EuGH nicht mit der EU gleichzusetzen sei.

Über die politische Entwicklung der EU entscheiden die Spitzenpolitiker der 27 Mitgliedsstaaten. Das hindert Herrn Tichy nicht daran, von einem „amorphen Gebilde“ zu schwafeln und dazu mit gut gerundeten Armen das Bild einer Krake zu malen. Auch das ist Mumpitz, der nicht zu Rückfragen der Gastgeberin führt, sondern nur den guten alten Lojo auf die Palme bringt. Lojo vermisst glanzvolle Persönlichkeiten, die den Europa-Gedanken beglaubigen und mit neuem Leben erfüllen können. Er setzt sein Vertrauen auf Frau Barley und Graf Lambsdorff.

Verzerrtes Bild der Lage

Der nächste Einspieler erzeugt abermals ein verzerrtes Bild der heutigen Lage. Die EU ist in wichtigen Politikfeldern zerstritten, aber das heißt nicht, dass die heutigen Spitzenpolitiker der Visegrad-Staaten auch weiterhin die Mehrheit ihrer Wählerschaft hinter sich haben. Das scheint sich, wie die Präsidentschaftswahl der Slowakei zeigt, gerade zu ändern. Man kann das Getöse der FPÖ und der Fidesz nicht so zum Nennwert nehmen, wie das Maischbergers Redaktion tut.

Schulz erinnert an die weltpolitische Lage, in welcher solche Großmächte wie Ungarn und Österreich zwar glauben, einen guten Draht ins Weiße Haus zu haben, aber deshalb keine eigenständige Handelspolitik mit Amerika oder China entwickeln können. Die Populisten schwächten Europa gerade da, wo die EU als Schutzschild der Bürgerinnen und Bürger wirke. Trocken erinnert er an die Grundrechtecharta der EU, die sich nicht bis in die Redaktion Sandra Maischbergers herumgesprochen hat. Sie malt lieber einen Popanz an die Wand.

Das Demokratiedefizit der EU wird von solchen Politikern wie Orbán oder Strache nicht behoben. Wer den gegenteiligen Eindruck zu erwecken versucht und sich dabei, wie Frau Maischberger, auf Umfragen in acht europäischen Ländern beruft, könnte ja mal sich fragen lassen, welche 19 Länder anderer Auffassung sind. Aber nein, das könnte wieder zu kompliziert werden.

Schließlich tischt Frau Maischberger die Ideen des französischen Staatspräsidenten verwegen falsch auf. Aber wen schert das noch? Martin Schulz, dessen Kommen erst angekündigt, dann wieder abgesagt, dann abermals angekündigt wurde, hätte an diesem Abend wie eine Windmühle arbeiten müssen, um so viel Unfug richtig zu stellen, aber er war auch nicht als Dementimaschine eingeladen.

So bleibt als Fazit zu ziehen, dass die EU reformiert werden muss, die dafür sinnvollen Ideen nicht von den Rechtspopulisten kommen und schließlich die entgeisterte Frau Fraser, ach, da sind Sie ja noch, zu Protokoll geben darf, dass die lieben Briten von dieser Diskussion nichts verstanden hätten. Das kann man leider auch von der Gastgeberin behaupten.

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