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TV-Kritik: Hart aber fair : Bizarre Ideen in der Wohnungsbaupolitik

  • -Aktualisiert am

TV-Moderator Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen über die Wohnungspolitik. Bild: WDR

Frank Plasberg wagt den lobenswerten Versuch, sich einmal nicht mit der Pandemie zu beschäftigen. Aber die Debatte wirkte trotzdem wie der Schnee von gestern.

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          Vor achtzehn Monaten hätte „Einfamilienhäuser verbieten, Wohnungskonzerne enteignen – wie radikal soll Wohnungspolitik sein?“ noch die Gemüter in Wallung gebracht. Schließlich geht es um das seit Jahren ungelöste Problem der Wohnungsnot in unseren Ballungsräumen. Daran hat sich zwar wenig geändert, trotzdem lassen selbst solche plakativen Titel die Menschen vergleichsweise kalt. Nach einem Jahr mit einem Virus als ungebetenen Gast sind viele längst zu müde, um sich noch über die Schlagzeilen und Parolen früherer Zeiten aufzuregen. Die Energie der Bürger wurde von dem Umgang mit der Pandemie absorbiert. Zudem fragen sich wohl viele, ob nach deren Ende die alten Gewissheiten über unsere Lebensumstände weiterhin gültig sein werden.

          So war die „Hart aber fair“-Sendung über ein so wichtiges Thema fast schon emotionslos zu nennen. Ein Gast war wie so häufig in den vergangenen Monaten aus einem Fernsehstudio zugeschaltet. Es betraf den Berliner CDU-Landesvorsitzenden und Bundestagsabgeordneten Kai Wegner, gleichzeitig baupolitischer Sprecher seiner Fraktion. Ob seine Abwesenheit im Studio an der gewünschten Kontaktreduzierung in Pandemiezeiten oder an den zu engen Kontakten von früheren und heutigen Parteifreunden zu Maskenanbietern lag, war nicht herauszufinden.

          Das hatte nicht zuletzt mit dem Anliegen von des Gastgebers zu tun, einmal nicht über das zu reden, das vielen schon lange zum Hals heraushängt. Das ist dem Moderator gelungen, wobei er damit leider eine Frage nicht klären konnte: Ob nicht die vergangenen zwölf Monaten einen Strukturwandel ausgelöst haben, der die bisherigen Annahmen über die Zukunft unserer Städte über den Haufen wirft? Falls sich das Home Office dauerhaft etablieren sollte, hätte das für den Bedarf an Gewerbeimmobilien Konsequenzen. Gleichzeitig weiß niemand, wie der stationäre Einzelhandel den monatelangen Stillstand überstehen wird. Dieser prägt aber bis heute das Bild unserer Innenstädte.

          Faszination Eigenheim

          Von dieser ungewiss gewordenen Zukunft war kaum die Rede. Vielmehr tat man so, als könnte man die Debatten von vor achtzehn Monaten umstandslos fortsetzen. Deren Substanzlosigkeit ließ sich schon an jenen Sturm im Wasserglas besichtigen, den der vermeintliche Vorschlag der Grünen über ein Verbot des Baus von Einfamilienhäusern ausgelöst hatte. Die Bonner Oberbürgermeisterin Katja Dörner (Grüne) sagte das, was dazu gesagt werden musste: Deren Bau scheiterte an den in den Großstädten fehlenden Flächen. Sie vergaß aber zu erwähnen, das schon vor dreißig Jahren das Einfamilienhaus in Städten wie Hamburg, München oder Düsseldorf das Privileg der begüterten Schichten gewesen war. Selbst diese mussten aber mittlerweile ihre Ansprüche etwas reduzieren. Sie waren ausnahmslos in dieser Sendung zu sehen, leben aber mit drei Ausnahmen in einer Doppelhaushälfte als geteiltes Einfamilienhaus.

          Dazu gehörte Aygül Özkan, aber ausgerechnet die Geschäftsführerin des Zentralverbands der Immobilienwirtschaft Deutschland wohnt als einzige in einer Etagenwohnung. So hatte Frau Dörner recht, wenn sie darauf hinwies, als Großstadt in der Baupolitik nicht mehr wie vor „zehn oder fünfzehn Jahre denken zu können“. Zudem gäbe es weiterhin Einfamilienhäuser, sie würden halt nur nicht mehr gebaut. Das lässt sich zweifellos so formulieren, wenn die eigene Wohnsituation in der Doppelhaushälfte geklärt ist. Die Saturiertheit dieser Milieus verbindet sich allerdings bisweilen mit einer Mentalität, andere ständig „erziehen zu wollen“, wie es Gerhard Matzig ausdrückte, Architektur-Journalist der „Süddeutschen Zeitung“.

          Der Archtiektur-Journalist Gerhard Matzig
          Der Archtiektur-Journalist Gerhard Matzig : Bild: WDR/Dirk Born

          Die Faszination für das Einfamilienhaus ist nämlich ungebrochen, wie im Interview mit der Lehrerin Katja Greenfield deutlich wird. Die zweifache Mutter ist in ihr neu erbautes Eigenheim im Kölner Umland gezogen. Sie reagierte damit auf eine Situation, die in einer Großstadt solche Wohnvorstellungen unmöglich macht. Matzig berichtete wiederum über ein Wohnprojekt in der Nähe von Berlin, wo 40 junge Familien die Metropole verlassen wollen. Voraussetzung sei allerdings eine gute Verkehrsanbindung und digitale Infrastruktur, so der Journalist. Architektonisch ist das mit der klassischen Vorstadtsiedlung nicht zu vergleichen, so der Eindruck des Zuschauers. Ob daraus ein Trend entstehen wird, ist zwar noch nicht sicher. Aber die Grundlage für solche neuen Ideen ist eine klassische Kosten-Nutzen-Rechnung, gerade kein Marktversagen wegen steigender Mieten oder Immobilienpreise. Solche Entwicklungen sind auch keineswegs neu: Schon vor Jahrzehnten verließen viele Mittelschichtsfamilien die Großstädte, um im sogenannten „Speckgürtel“ ihren Traum vom Eigenheim zu verwirklichen. Damals fürchteten viele Experten den Attraktivitätsverlust der Großstädte durch Abwanderung, heute gilt dagegen deren Attraktivität als unser zentrales Problem. Fürchtete man einst die Zersiedelung der Landschaft, betrifft es heute die verödete Provinz mit ihren leerstehenden Häusern.

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