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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Der Autismus der 68er

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen die Bedeutung der „68er“. Vor allem der Kommunarde Rainer Langhans ist dabei von Bedeutung. Bild: © WDR/Oliver Ziebe

„Hart aber Fair“ will die 68er erklären und lädt Rainer Langhans ein. Die Ansichten des APO-Veterans sind teilweise peinlich – aber hilfreich, um die 68er besser zu verstehen.

          Bisweilen hadert der Zuschauer mit der Gästeauswahl in solchen Talkshows. Dieses Mal hat die Redaktion von „Hart aber Fair“ aber einen Volltreffer gelandet, allerdings nur unter einer Voraussetzung. Falls sie sich an den Grundsatz des Historikers Leopold von Ranke erinnert haben sollte, nämlich zu zeigen, „wie es gewesen ist.“ Es ging um die sogenannten 68er, deren Wirken sich in diesem Jahr zum fünfzigsten Mal jährt.

          Frank Plasberg hatte den Zeitzeugen Rainer Langhans eingeladen. Er war Mitglied der „Kommune 1“ im Berlin in jener bewegten Zeit. Der Kommunarde nutzte die Gelegenheit, den Zuschauern das damalige Denken zu vermitteln. Seine Biographie ist aber nicht von den Brüchen, bisweilen auch Katastrophen, geprägt, die viele prominente 68er erlebt und erlitten haben. Langhans glitt weder in den Linksextremismus der RAF ab, noch wurde er zum Renegaten. Er machte sich nicht auf den „langen Marsch durch die Institutionen,“ wie ein Joschka Fischer. Dessen Lebensweg nannte Langhans „sehr lehrreich“ und titulierte ihn als „dicken Spießer.“ Das alles kumulierte in jenem Satz vom Autisten, wo „sich Kinder nicht in diese Welt herein ziehen lassen.“ Das wäre „alles wunderbar“, so Langhans mit süffisanten Lächeln. Er wusste, was er gerade gesagt hatte.

          Nette Kommunarden

          Angesichts dessen verschlug es den anderen Gästen fast die Sprache. Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer wagte den Scherz, nach dieser 68er Komposition wäre alles gesagt. Dann könnte er ja auch gehen. Die parlamentarische Staatssekretärin im Kanzleramt, Dorothee Bär (CSU), sprach von „absurden Gedanken.“ Der frühere Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) rückte diesen Satz gerade. Autismus verursache bei den betroffenen Familien sehr viel Leid.

          Langhans repräsentierte zweifellos das, was viele in der APO für einen Wert an sich hielten: Authentizität. Hier wurde sichtbar, was „68“ eben auch war: ein Ideologiematsch aus Marxismus, Psychoanalyse und Reformpädagogik; sie verstanden das als „kritische Theorie.“ Oder missverstanden es – Das ist eine Frage der Perspektive. Dazu kam eine Prise Esoterik, verbunden mit dem Sendungsbewusstsein des Wahrheitssuchers, der sie längst gefunden hat.

          Dem kann man mit einem konservativen Gegenentwurf begegnen, der bei Frau Bär aber eher an einen alten Witz erinnerte: Die Studenten bestreiten alles, nur nicht ihren Lebensunterhalt. Nur ist Langhans mittlerweile 79 Jahre alt. Ob seine Lebensleistung ausreicht, um genügend Anwartschaften in der gesetzlichen Rentenversicherung erworben zu haben, weiß er nur allein. Angesichts seiner lebenslangen Kritik an der kapitalistischen Arbeitsethik sind daran Zweifel erlaubt. In gleicher Weise scheiterte Frau Bärs Versuch aus dem berühmten Nacktfoto in der Kommune 1 gleich Kindesmissbrauch zu konstruieren. Das ist genauso absurd, wie die damaligen Versuche, in den Kinderläden den „neuen Menschen“ zu schaffen. Über die Grenzen solchen Wahns berichtete die Schauspielerin (und frühere Kindergärtnerin) Michaela May.

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