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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Sind Referenden Gottesurteile?

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„Das Großbritannien, was die Deutschen so lieben, ist überaltert“

So wäre die Lage der britischen Regierung so, wie sie von Theresa May heute schon ist. Faktisch ohne Handlungsspielraum, wie es Röttgen ausdrückte. Oder glaubt jemand ernsthaft an die Vision eines europapolitisch geläuterten Britanniens, das nach dieser Krise sein Herz für den europäischen Föderalismus entdeckt? Noch nicht einmal Glees, der mit beachtlichem Gleichmut auf die Trümmerlandschaft der britischen Politik sieht. Helmut Schmidt hatte es aber immerhin in einer denkwürdigen Rede am 30. November 1974 auf dem Parteitag der Labour Party geschafft, den Europagegnern mit Witz und Raffinesse den Wind aus dem Segeln zu nehmen. Angesichts der europafeindlichen Stimmung „kann ich es kaum vermeiden, mich in die Lage eines Mannes zu versetzen, der versucht die Damen und Herren von der Heilsarmee von den Vorteilen des Trinkens zu überzeugen.“ Und fuhr fort: „Ihre Genossen auf dem Kontinent wollen, dass sie bleiben, und sie werden diese Bitte zu erwägen haben. Wenn Sie von Solidarität sprechen, müssen sie es erwägen.“ Er erwähnte noch lobend die Nüchternheit und die pragmatische Fähigkeit britischer Staatsmänner zur Lösung komplizierter Probleme, so sein Biograph Hartmut Soell.

Davon ist nichts geblieben, wie Glees klarstellte. Dieses Großbritannien, „was die Deutschen so lieben, ist überaltert“. Eine bloße Erinnerung, so könnte man meinen, dessen Kostümierung jeden Tag in den archaischen Ritualen des Unterhauses zu besichtigen ist. Ansonsten gibt es für die Briten noch einen Trost. Helmut Schmidt hätte es wohl auch nicht für möglich gehalten, in Deutschland noch einmal ernsthaft über Enteignung und Verstaatlichung zu diskutieren. Die Deutschen sind dabei „auch sehr emotional geworden,“ um noch einmal Glees zu zitieren. In dieser Emotionalität findet man den Zerfall des Politischen. Jenseits dessen ist die Debatte über den Brexit mit dieser Woche nicht vorbei: Es sei eine Illusion zu glauben, so Röttgen, „mit dem No-Deal wäre alles vorbei.“ Tatsächlich müssten sich dann beide Seiten mit pragmatischen Lösungen statt mit fruchtlosen Grundsatzdebatten beschäftigen. Wahrscheinlich bekämen Briten und Europäer noch nicht einmal mehr das hin.

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