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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Stilvoller Rückzug zur Annegret-Linie

  • -Aktualisiert am

Der Teilrückzug der Kanzlerin ist auch bei Frank Plasberg das bestimmende Thema. Bild: © WDR/Oliver Ziebe

Die Ereignisse überschlagen sich: Zuerst hat die Kanzlerin das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, dann meldet sich ein früherer Rivale. Bei ARD und ZDF ist ein historisches Schauspiel zu beobachten.

          Die interessanteste Frage zum Rückzug der Kanzlerin stellte die Leiterin des ARD-Hauptstadtbüros im „Brennpunkt“. „Wie könnte man verhindern“, so Tina Hassel, „dass das Erbe Merkels komplett über Bord geworfen wird?“ Sie fragte danach die stellvertretende CDU-Vorsitzende Ursula von der Leyen.

          Ihr in ARD und ZDF angekündigter Verzicht auf eine Kandidatur als Nachfolgerin Angela Merkels könnte man kontrovers diskutieren. Etwa als Ergebnis der Demut und des Pflichtgefühls der Bundesverteidigungsministerin. In der Bundeswehr gibt es dafür das schöne Wort vom „Dienen“. Oder es halt als realistische Einschätzung ihrer Chancen betrachten, die Nachfolgerin der Bundeskanzlerin zu werden.

          Doch kehren wir zurück zur Frage von Frau Hassel. Diese hat zwei Komponenten. Zum einen die nach der Güte des Erbes selbst. Zum anderen, ob die Erblasserin nicht vor ihrer Ankündigung darüber nachgedacht haben wird, wen sie denn am liebsten die Erbschaft antreten lassen will.

          Überraschungsmoment auf Seiten der Kanzlerin

          So war am Montagabend häufig der Begriff „historisch“ zu hören, nicht nur in ARD oder ZDF. Manches wirkte wie ein Nachruf, anderes brachte tiefe Sorge zum Ausdruck. Tatsächlich kamen die Nachrufe zu früh. Niemand war zurückgetreten, noch nicht einmal der Präsident einer nachgeordneten Behörde des Bundesinnenministeriums mit Dienstsitz in Köln.

          Die Bundeskanzlerin wollte Handlungsfähigkeit beweisen, weshalb sie zur Überraschung aller die Initiative ergriff. Ihren angekündigten Verzicht auf eine abermalige Kandidatur zur Parteivorsitzenden verband sie mit der Bereitschaft zur Fortführung ihrer Amtsgeschäfte als Bundeskanzlerin. Für die kommende Legislaturperiode strebt sie zudem keine politischen Ämter mehr an. In der „heute“-Ausgabe um 19:00 Uhr sprach die die Leiterin des ZDF-Hauptstadtbüros von einem „stilvollen Rückzug“. Bettina Schausten brachte damit eine verbreitete Gefühlslage zum Ausdruck.

          Wobei das der richtige Begriff ist. Im Krieg ist nichts schwieriger als ein solcher Rückzug. Es droht ansonsten der Zusammenbruch der Front und statt des Rückzugs die heillose Flucht. So setzte die Verteidigungsministerin in ihren Interviews in den beiden Sondersendungen von ARD und ZDF die richtigen Akzente. Sie erwartete in der ARD von den potentiellen Nachfolgern „ein Feuerwerk an Ideen und Konzepten.“ Im ZDF wurde sie noch konkreter. Es ginge nicht darum, „die Partei in die eine oder andere Richtung zu verschieben.“ Deshalb werde sich am Ende die Person durchsetzen, „die am glaubwürdigsten integrieren kann.“ Drohte doch schon am Vormittag an allen Fronten das Chaos.

          Wenige Minuten nach der ersten Meldung über die Rückzugsvorbereitungen der Kanzlerin kam schon via „Bild-Zeitung“ eine Nachricht aus dem Sauerland. Friedrich Merz erklärte seine Bereitschaft zur Kandidatur. Bis dahin war das Überraschungsmoment auf Seiten der Kanzlerin, die sich auf eine neue Auffangstellung namens Annegret-Linie zurückziehen wollte. Jetzt wechselte es auf Seiten der parteiinternen Konkurrenz. Merz löste mit seiner Ankündigung eine nicht zu unterschätzende Dynamik aus. Zuerst kündigte die CDU-Generalsekretärin ihre Kandidatur an, anschließend der Bundesgesundheitsminister. Am späten Nachmittag wollte schließlich noch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet seinen beiden Parteifreunden aus Westfalen nicht kampflos das Feld überlassen.

          Nichteinmischung der Kanzlerin

          Der Krieg liegt „im Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewissheit“, so wusste das schon der große Theoretiker Carl von Clausewitz. Das gilt in gleicher Weise für die Machtkämpfe in der Politik, sobald bisherige Gewissheiten ins Wanken geraten. „Nach Merkels Teilrückzug: Was kommt noch ins Rutschen?“, so fragte Frank Plasberg. Wobei der Teilrückzug gerade als strategischer Plan der Kanzlerin gedacht war, um die heillose Flucht oder eine Rutschpartie zu verhindern.

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