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TV-Kritik: „Hart aber fair“ : „Jeder sollte doch wissen, was er zu tun hat“

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen über Kinder in der Pandemie. Bild: WDR/Dirk Borm

Nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie fragt Frank Plasberg, ob der Staat die Kinder im Stich lasse. Bemerkenswert an der Sendung sind vor allem die Bildungsministerin und eine Neunzehnjährige.

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          Wie oft hat man diese Sätze schon gehört? Deutschlands wichtigster Rohstoff ist Bildung. Und: Die Kinder sind unsere Zukunft. Wahrscheinlich oft. Aber das war früher. Vor der Corona-Pandemie.

          Inzwischen ist es zu still geworden um Kinder und Jugendliche in Deutschland. Schließlich geht es jetzt darum, wer zuerst geimpft werden soll – Kinder bislang ja überhaupt nicht. Oder es geht darum, ob der Friseur seinen Laden öffnen darf – Schulen und Kindergärten haben derweil zu.

          Umso erfreulicher ist es, dass Frank Plasberg sich mit „Hart aber fair“ den „stillen Helden“ der Pandemie widmet: den Kindern. Der Titel der Sendung lautet: „Ungeimpft, ungeschützt, unbeschult: Lässt der Staat die Familien im Stich?“ Beurteilen sollen das an diesem Abend die Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek, die ARD-Moderatorin Mareile Höppner, die Kinderärztin Susanne Epplée, der Ortsbürgermeister von Möllenbeck Thorsten Frühmark sowie der Soziologe Aladin El-Mafaalani.

          Viel Vorhersehbares

          Die Rollenverteilung ist damit eigentlich klar vorgegeben: Vier Gäste werden klagen über den stressigen Alltag mit Homeschooling, über die gesundheitlichen Folgen für pandemiegeplagte Kinder, über die sozialen Folgen und über politische Hürden für lokale Maßnahmen. Die meisten Punkte sind leider vorhersehbar und bekannt: beispielsweise, dass Schulen mehr sind als Orte der Wissensvermittlung (Moderatorin Mareile Höppner), dass Probleme bei Kindern zunehmen wie Kopfweh, Bauchscherzen oder Fettleibigkeit (Kinderärztin Epplée) oder, dass Kinder viele Dinge nur von anderen Kindern lernen können (Soziologe El-Mafaalani).

          Dennoch gibt es auch Aspekte, die überraschen: beispielsweise, wenn Aladin El-Mafaalani erklärt, dass die verlorene Zeit für Kinder besonders schwer wiege. Ein Jahr für ein Kind sei vergleichbar mit fünf bis zehn Jahre für einen Erwachsenen. Es ist auch der Soziologe aus Osnabrück, der darauf hinweist, dass selbst die Präsenzzeit in den Schulen nicht gut verlaufen sei, mal aufgrund fehlender Luftfilter, mal wegen verunsicherter Lehrer. Leidtragend waren am Ende jedenfalls immer die Kinder.

          Doch neue Erkenntnisse bleiben an diesem Abend leider eine Rarität. Zu oft bleibt es bei einer reinen Bestandsaufnahme oder die Ideen verlieren sich im Ungefähren, wie beispielsweise die immer wiederkehrende Aufforderung nach „umfassenden Konzepten“.

          Karliczeks Sprechblasen

          Bleibt in dieser Rollenverteilung noch die Gegenseite: die Bundesministerin für Bildung und Forschung. Doch was Anja Karliczek an diesem Abend zum Besten gibt, macht fassungslos. Von inhaltsleeren Floskeln zu reden, würde es noch beschönigen. Auf die Frage, was falsch gelaufen sei, dass entgegen aller offiziellen Bekundungen die Schulen doch wieder geschlossen haben, erwidert die Ministerin: „Ich glaube, es ist für alle im Moment eine sehr, sehr schwere Situation angesichts der Länge der Pandemie von mehr als einem Jahr…“. Oder, als sie auf die wissenschaftliche Grundlage des geltenden Grenzwerts von 165 angesprochen wird: „Natürlich ist das eine Zahl, die gegriffen ist. Aber auch ein anderer Grenzwert wäre nicht allein evidenzbasiert, sondern einer, der sich aus ganz unterschiedlichen Faktoren vor Ort zusammensetzen kann. Und dann muss man auch unterschiedlich darauf reagieren können.“ Welchem interessierten Zuschauer – oder gar betroffenen Kindern – ist mit solchen Sprechblasen geholfen?

          Später in der Diskussion verweist Frau Karliczek auf sogenannte S3-Richtlinien und erwähnt in diesem Zusammenhang das Problem, wie man Kinder sicher in die Schule bringen könne. Auf die Nachfrage, wie ein pandemie-sicherer Schulweg aussehen solle, erwidert die Bildungsministerin: „Zum Beispiel, dass man ein Konzept macht, wirklich von Haustür zu Haustür, das ist im Grunde das, was in den S3-Richtlinien drinsteckt.“

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