https://www.faz.net/-gqz-abbls

TV-Kritik: „Hart aber fair“ : „Jeder sollte doch wissen, was er zu tun hat“

  • -Aktualisiert am

Frau Karliczek hat jedoch noch eine weitere Sprechschablone dabei. Dann spricht sie gerne davon, dass man erst einmal sehen müsse und danach Schritt für Schritt vorgehen werde. Wir befinden uns seit mehr als einem Jahr in einer verheerenden Pandemie. Die Schulen und Kitas sind geschlossen, Eltern sollen ihre Kinder zu Hause unterrichten, Essen kochen und dabei selbst im Homeoffice arbeiten. Aber die Ministerin will erst einmal sehen und dann Schritt für Schritt vorgehen.

Verantwortung? Findige Eltern

Und wenn Frau Karliczek schließlich auf Verantwortung angesprochen wird, ist schnell die Rede von Initiativen vor Ort, von Kommunen und zu guter Letzt natürlich von den Eltern. Es seien nämlich immer die Lösungen am besten, die vor Ort gefunden werden – „und dort sitzen ja findige Eltern mit am Tisch“. Thorsten Frühmark (Ortsbürgermeister von Möllenbeck) klagt in der Sendung mehrmals darüber, dass noch immer keine Luftfilter für Schulen angeschafft werden. Gehe er als Anwalt jedoch ins Gericht, als Gast in diese Talkshow oder in den Baumarkt, sehe er überall Luftfilter. Frau Karliczeks Antwort: „Es ist ein Können und ein professioneller Auftrag, diese Luftfilter so aufzustellen, dass sie in der Schule richtig wirken können.“

Also bevor wir keine hundertprozentige Verbesserung erzielen können, so der Eindruck, machen wir lieber nichts. Denn schnell und pragmatisch ein bisschen Verbesserung zu erreichen, ist in Deutschland offenbar zu wenig.

Der Lichtblick: die neunzehnjährige Hanan

Generell bleiben an diesem Abend konkrete Vorschläge, wie man die Situation der Kinder und Jugendlichen verbessern könnte, auf der Strecke. Einzig der Soziologe El-Mafaalani macht den Vorschlag, Patenprogramme mit Studenten oder Rentnern zu starten, um so Kinder mehr betreuen und unterrichten zu können.

Diese wenigen Momente schaffen es jedoch nicht, von den Ausflüchten der Bildungsministerin ins Nirgendwo abzulenken. Stoisch, ruhig, scheinbar voller Verständnis trägt sie vor. Man hört zu und sucht verzweifelt nach einem Hauch von Inhalt. Fündig wird man nicht. Auch Frank Plasberg scheint sich dieser Tatsache bewusst. So sagte er tatsächlich, er spare es sich jetzt, Frau Karliczek als einzig anwesende Politikerin zu fragen.

Für eine andere Perspektive sorgt schließlich der Ausflug des Plasberg-Teams in den Alltag von Hanan. Das 19 Jahre alte Mädchen lebt in Essen, hat fünf Geschwister, ist selbst noch in der Ausbildung zur Sozialassistentin – und zu Hause dafür verantwortlich, dass in Corona-Zeiten nicht alles aus den Fugen gerät. Die Filmaufnahmen aus dem heimischen Wohnzimmer zeigen alles, was davor abstrakt diskutiert wurde: übergewichtige Kinder, zu wenig technische Geräte für das Homeschooling, viel zu langsames Internet und die Klage über Lehrer, die für Rückfragen nicht erreichbar sind. All das findet in einem kleinen Wohnzimmer statt. Und was sagt Hanan selbst dazu? „Man kann nicht sagen, dass wir nicht zurechtkommen. Aber wir haben große Probleme.“ Es sei sehr anstrengend.

Später erzählt Hanan im Studio noch mehr aus ihrem Alltag. Als Frank Plasberg sie fragt, welchem Studiogast sie gerne etwas sagen möchte, bringt es das Mädchen trefflich auf den Punkt: „An niemanden. Jeder sollte doch wissen, was er zu tun hat.“ Das sollten sie in der Tat – nach mehr als einem Jahr Pandemie. Die sozialen Kosten, die wir den Kindern geradezu beiläufig aufbürden, sind hoch. Es ist wohl Zeit, wieder daran zu erinnern: Bildung ist Deutschlands wichtigster Rohstoff, und Kinder sind unsere Zukunft.

Weitere Themen

Zurück im Leben

Wieder Präsenzunterricht : Zurück im Leben

Nach 170 Tagen sind die Schüler der siebten Klasse einer Gesamtschule zum ersten Mal wieder alle zusammen im Unterricht. Sie haben Schulstoff verpasst – und vor allem alles andere.

Topmeldungen

Die Villa der Wannsee-Konferenz in Berlin Zehlendorf

Holocaust-Debatte : Die Gleichmacher

Seit kurzem wird die Singularität des Holocausts auch von links in Frage gestellt: Sie verdränge koloniale Genozide und sei eine deutsche Zivilreligion. Die Argumente dieser Kritik sind voller historischer Lücken.
Nach dem Lockdown zieht es die Menschen wie hier in Magdeburg nach draußen und zum Geldausgeben.

Hanks Welt : Kaviar statt Butterbrot

Es gibt Zeitgenossen, die uns einreden wollen, wir dürften jetzt nicht zurück zur Normalität. Bescheidenheit sei das Gebot der Stunde. Wer das fordert, verfolgt jedoch nur ein Umerziehungsprogramm nach seinen eigenen Normen.

Löws Neuaufbau des DFB-Teams : Drei Jahre im Kreis gedreht

Fußball-Bundestrainer Joachim Löw versprach nach der WM einen Neuaufbau, kam aber bis zur EM kaum voran. Was kann er der „Schicksalsgemeinschaft“ Nationalelf nun noch geben?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.