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TV-Kritik: Hart aber fair : Mehr Daniel Düsentrieb wagen!

  • -Aktualisiert am

Die Runde bei Frank Plasberg: Herbert Diess (Vorstandsvorsitzender Volkswagen AG), Ulf Poschardt (Chefredakteur „Welt“), Svenja Schulze (Bundesumweltministerin), Markus Lanz (ZDF-Moderator), Luisa Neubauer (Klimaaktivistin) Bild: WDR/Oliver Ziebe

Zuerst sendet die ARD eine Dokumentation über Kaiserpinguine und den Klimawandel. Dann überrascht die Diskussion bei Frank Plasberg, weil einige der üblichen Verdächtigen aus den ihnen zugedachten Rollen treten. Ein autoliebender Journalist aber bleibt sich treu.

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          „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör.“ Dieser Klassiker der Übersetzerin Erika Fuchs war noch nie so aktuell wie heute. VW-Chef Herbert Diess verkündet das Ende des Verbrennungsmotors. Dumm nur, dass Batterien für Elektroautos nicht in Deutschland, sondern in China und Korea hergestellt werden. Volkswagen wollte sich kürzlich die Weltjahresförderung an Kobalt sichern. Das hat nicht geklappt.

          Niemand würde deshalb behaupten, man solle weitermachen wie bisher. Der Wandel beschleunigt sich. 1996 zeichnete die Darmstädter Schader-Stiftung den Gründer des Unternehmens StattAuto aus Berlin mit einem Preis aus. Markus Petersen hatte sein Unternehmen 1988 gegründet. Heute gibt es bundesweit 170 Carsharing-Anbieter mit über 2,5 Millionen Kunden. Am frühen Morgen und am späten Nachmittag aber meldet der Verkehrsfunk montags bis freitags nur noch Staus mit mehr als zehn Kilometern Länge. Die im Stau vergeudete Lebenszeit ist nur mit Hohn als Freiheit hochzujubeln. Dass sich etwas ändern muss, ist gewiss nicht nur Einsicht des freitags demonstrierenden Nachwuchses.

          Gehätschelt hier, Bestandsschutz da

          Dumm nur, dass die deutsche Politik selbst gesetzte Ziele schleift und Gestaltungsehrgeiz vermissen lässt. Die klimapolitischen Ziele wurden gerissen. Keiner behauptet, der bisherige Pfad ließe sich ohne Korrektur fortsetzen. Veränderungen finden längst statt. Nur haben das noch nicht alle mitbekommen.

          Welchen politischen Druck entfalten Demonstrationen engagierter Schülerinnen und Schüler im Vergleich zu Protesten von Bergarbeitern im Ruhrgebiet und in der Lausitz?

          Die einen werden fürs Fernsehen gehätschelt, die anderen bekommen zwanzig Jahre Bestandsschutz. Diese Bremse quietscht nicht. Regionalpolitische Interessen bringen mehr Gewicht in die Waagschale als „Fridays for Future“. Wie aber wäre es volkswirtschaftlich zu berechnen, wenn der Enthusiasmus von zwei Nachwuchsgenerationen zugunsten fossiler Technologien aufs Spiel gesetzt wird?

          „The times they are a changin'“ – Bob Dylans Lied ist vier Jahre älter als Ulf Poschardts bisheriger Porsche 911. Der Moderator und gelegentliche Filmemacher Markus Lanz erzählt von den Jägern am Polarkreis. Unter ihren Schlitten hebt und senkt sich das dünner gewordene Eis. Wer sie aus der Ferne sieht, könnte glauben, sie gingen unter. In Südgrönland kann man bald Kartoffeln und Getreide anbauen. Um den Klimawandel zu bremsen, müssten Leute wie Diess ran, sagt Lanz.

          „Welt“-Chefredakteur Poschardt mindert seinen Fußabdruck am Abend seines 52. Geburtstags, indem er in ein Berliner TV-Studio geht und sich nerven lässt. Er investiert gern in schöne Sachen, die man nicht wegschmeißen muss: Architektur, Autos, Uhren. Fliegen hasst er. Sein Konsumstil hat nicht das Ziel, die Welt zu retten.

          VW-CO2-Ausstoßziel: Null

          Herbert Diess setzt einen Kontrapunkt. Im Unterschied zum CO2-Verbrauch eines Durchschnittsbürgers, der bei sieben bis acht Tonnen jährlich liegt, fallen bei ihm durch Vielfliegerei 1300 Tonnen an. 100 Millionen Volkswagenautos stehen für ein Prozent des weltweiten Ausstoßes an Kohlendioxid. Die Zahlen verdeutlichen Druck auf das Unternehmen, einen Kurswechsel vorzunehmen. Bis zum Jahr 2050 will er den CO2-Ausstoß der Volkswagenflotte auf Null senken. Werkseigene Kraftwerke werden von Kohle auf Gas umgestellt. Damit mindert er die CO2-Emissionen um 60 Prozent.

          Für die Umstellung auf Elektromobilität setzt Diess auf eine rundum erneuerte Infrastruktur. E-Autos brauchen flächendeckend Ladestationen mit CO2-freiem Strom. Im Jahr 2025 werden neue Elektroautos dazu beitragen, 32 Prozent CO2-Emissionen durch den Individualverkehr einzusparen.

          Poschardt hält nichts von apokalyptischer Rhetorik. Wenn ihm die Aktivistin Luisa Neubauer auf die Nerven geht, spannt er die Backenmuskeln an. Hundert Jahre Autogeschichte erzählen für ihn etwas vom Spaß am Fahren. Um welche Uhrzeit, auf welcher Straße, mit welchem Ziel? Die Minderung von CO2 reißt ihn nicht vom Hocker. Neubauers Klimaziele ließen sich nur in einer Diktatur durchsetzen. Hält Poschardt den amerikanischen Bundesstaat Kalifornien für eine Diktatur? An Neubauers Generation findet er gut, dass sie keine Regeln bricht, sondern selber neue setzt. Aber dafür müsse sie die Leute gewinnen, nicht bevormunden.

          Auf Trauerarbeit verzichten

          Als Poschardt auch noch Seelenschmalz aufs Auto sülzt, stöhnt Markus Lanz. Diess verspricht Seele auch fürs Elektroauto von Volkswagen. Damit wäre das Problem gelöst. Poschardt kann auf Trauerarbeit verzichten. Luisa Neubauer geht ihm weiter auf die Nerven. Natürlich kann sie glaubhaft machen, dass der Klimawandel ihre Generation stärker trifft.

          Jetzt wird es Zeit für politischen Gospel. Umweltministerin Svenja Schulze darf sich selbst auf die Schulter klopfen dafür, dass Deutschland das einzige Land sei, das gleichzeitig aus der Nuklear- und der Kohletechnologie aussteigt. Auch diese Beschlüsse ließen sich ändern, wirft Poschardt ein, als beflügelte der neue Chef der Jungen Union neofossile Träume. Wie weit der Ehrgeiz der Bundesregierung reicht, das Koalitionsprogramm durchzuziehen, wird sich Ende dieses Jahres zeigen, wenn die Partner Bilanz ziehen. Wenn bis dahin die wirtschaftlichen Rahmendaten auf Rezession deuten, werden sich die Sozialdemokraten kaum aus der Verantwortung stehlen.

          Das klimapolitische Engagement der freitags demonstrierenden Jugend lässt sich davon nicht beeindrucken. Jetzt finden sie Unterstützung durch 23.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter vermutlich auch Lungenfachärzte mit Sympathie für schärfere Grenzwerte bei den Autoabgasen.

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          Zugleich durchläuft auch die Arbeitswelt einen tiefgreifenden Wandel. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, Videokonferenzen machen Belegschaften und Firmen unabhängig von Verkehrsströmen, Fluglotsenausfällen, Bahnpannen und Staus auf den Straßen. Im Detail hapert es noch.

          Springprozession als Betriebsmodus der Politik

          Lanz gibt an diesem Abend den Jugendversteher. Er findet es nicht gut, über Veganer zu spotten. Er war dem Klimawandel in den Bergen, in den Tiefebenen und dem Polarkreis auf der Spur. Die Jugend solle ernst genommen werden. Die Koalition rette derzeit nur das politische Binnenklima. Wie lange das hält, ist nicht ausgemacht. Das bisschen Sülze, das vom Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin zu den „Fridays for Future“ ausgebreitet wird, findet Lanz nicht belastbar.

          Ministerin Schulze fühlt sich angesprochen und kippt etwas Sülze hinterher, um gleich darauf routiniert festzuhalten, dass die Bürger nicht weiter belastet werden dürften. Damit ist sie wieder im Betriebsmodus der Echternacher Springprozession, Sprünge zurück gehören zum Geschäft. Lanz lässt ihr nicht durchgehen, wie schnell die Kanzlerin nach den Wahlen die bisherigen Ziele kassiert hat.

          Die Bitte eines entgeisterten Journalisten an den lieben Staat, durch mehr Verbote ihm das komplizierte Leben zu erleichtern, erntet nur Spott. So eine „Tugendblase“ verfängt bei Poschardt nicht. Seine Backenmuskeln vibrieren erneut, als Luisa Neubauer die Bundesregierung ermahnt, sich an die eigenen Ziele zu halten. Sie sei keine Jeanne d´Arc der Moderne.

          Flugbudget für alle?

          Das letzte Fass macht die Idee eines Mobilitätsforschers auf, der die billigen Flugpreise durch Optionshandel klimagerecht verteuern will. Für jeden Menschen gebe es jährlich drei Hin- und Rückflüge. Wer öfter fliegt, muss sich entsprechende Rechte bei denen kaufen, die wenig oder gar nicht fliegen. Das wäre bei Inlandsflügen kein Thema, wenn die Bahn so vorzüglich und so schnell wäre wie die SNCF in Frankreich.

          So landen wir wieder bei Daniel Düsentrieb. Ingenieure denken weiter nach, auch über Probleme von morgen und übermorgen. Schon gibt es industrietaugliche Verfahren, die Salzwasser in Trinkwasser verwandeln, ohne dass dadurch die Meere trocken fallen. Optimismus steht einer Hochtechnologienation besser als Trübsal.

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