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TV-Kritik: Hart aber fair : Wenn sinnlose Regeln ganz neue Probleme schaffen

  • -Aktualisiert am

Frank Plasberg und seine Gäste diskutierten nicht zum ersten Mal über Corona. Bild: WDR/Dirk Borm

„Mehr Spanien wagen“ – das könnte man natürlich. Oder Schweiz. Aber man kann es auch lassen, das Thema in Talkshows nicht weiter vertiefen und sich bei Corona-Maßnahmen am deutschen Ordnungssinn orientieren.

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          Bekanntlich sind zwei Monate in dieser Pandemie eine kleine Ewigkeit. In der Zeit haben viele längst vergessen, was sie einmal so gesagt haben. Das ist vor allem zu beobachten, wenn jemand gern gesehener Gast in Talkshows ist. Das ist bei Karl Lauterbach zweifellos der Fall. Er wird einmal als das deutsche Gesicht der Pandemie in Erinnerung bleiben. Niemand wurde so oft eingeladen wie der SPD-Bundestagsabgeordnete.

          Am 10. März war Lauterbach bei „Stern-TV“ eingeladen, um mit dem Virologen Alexander Kekule und dem Aerosolphysiker Gerhard Scheuch zu diskutieren. Dort warnte Lauterbach vor Tröpfcheninfektionen an der frischen Luft als Auslöser von Infektionsketten. Scheuch sprach dagegen von einem Mini-Problem, weil 99,9 Prozent der Ansteckungen in Innenräumen passierten.

          Gestern Abend nun hörte sich bei Lauterbach seine Beschäftigung mit Mini-Problemen so an: „Wenn man sich in Außenräumen bewegt, ist das Risiko nicht sehr hoch. Das muss man schon einräumen.“

          Ist eine Mallorca-Reise verantwortungslos?

          Zudem kam bei „Hart aber fair“ in einem Einzelinterview mit Ute Dallmeier das Thema Mallorca zur Sprache. Das Präsidiumsmitglied des Deutschen Reise-Verbandes (DRV) verwahrte sich gegen die „Pauschalisierung“ in der Debatte der vergangenen Monate. Vor Ostern waren noch Reisen nach Mallorca als „schlicht nicht verantwortbar“ beschrieben worden, um einmal Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) zu zitieren. In der Talkshow von Maybrit Illner vom 25. März unterstellte Lauterbach sogar den spanischen Behörden, ihre Ergebnisse bei der Sequenzierung von Tests zu fälschen, genauso wie ihre Inzidenzwerte.

          Nach Ostern war von Risiken durch Mallorca-Urlauber nicht mehr die Rede, und an diesem Abend auch nicht. Dafür durfte Lauterbach deutlich machen, warum er Kreuzfahrten nichts abgewinnen kann. So sieht kritisches Nachfragen aus. Selbstredend hätte Plasberg noch den SPD-Gesundheitsexperten fragen können, warum er plötzlich auf die Eigenverantwortung setzt. Er dankte nämlich der Bevölkerung für ihr umsichtiges Handeln zu Ostern. Das war allerdings immer eines der Argumente etwa von Scheuch gewesen: Er hatte damit die fehlende Plausibilität staatlicher Ordnungspolitik begründet, die schließlich zur sogenannten Bundesnotbremse führte. Lauterbach bot aber eine innovative Erklärung an: Die Bevölkerung hätte „ganz klar“ auf die Wissenschaftler gehört, um ihr Verhalten zu ändern.

          Probleme in sozial prekäre Stadtteilen

          Woher er diese Klarheit hat, verriet er den Zuschauern nicht. Es fehlen bestimmt noch die entsprechenden Studien für diese originelle These. Wahrscheinlich meinte er damit zugleich jene „sozial prekären Stadtteile“, wie es gestern Abend hieß, die schon vor Monaten als epidemiologische Brennpunkte ausgemacht worden waren. Der dort zu findende hohe Migrationsanteil wurde leider nicht erwähnt, obwohl Sprachbarriere und der damit verbundene Medienkonsum in diesen Bevölkerungsgruppen ein Problem waren.

          Als das Thema Anfang März zur Sprache kam, kommentierten das übrigens führende Intensivmediziner wie Uwe Janssens und Christian Karagiannidis mit dem Vorwurf, das sei „rassistisch gegen viele Menschen in unserer Gesellschaft.“ Die dafür notwendigen Daten existierten nicht, teilte damals der zuständige Fachverband Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) mit.

          Nach dieser bestechenden Logik müsste gestern Abend der Hinweis der Medizinethikerin Christiane Woopen nach einer prioritären Impfung gerade der Bewohner in solchen Stadtteilen als eine Impfung aus rassistischen Motiven bewertet werden. Oder geschieht diese auf Grundlage nicht existierender Daten? Wir wissen es nicht, erfuhren es auch nicht bei „Hart aber fair“. Wobei sogar schon die existierenden Daten für die Divi eine nicht zu unterschätzende Herausforderung sind. Wer hätte nicht dafür Verständnis, wenn aus nicht existierenden Daten im Umkehrschluss ein Rassismus-Vorwurf abgeleitet wird?

          Deutscher Ordnungssinn beim Impfen

          Aber solche Fragen aus der pandemiepolitischen Frühzeit hätten nur das Konzept der Sendung gestört. Dort ging es darum, ob der Sommer gut wird, und ob das „schon für alle“ gilt. Die damit verbundenen Schwierigkeiten sollte Frau Dallmeier für die Tourismusbranche und die TV-Köchin Cornelia Poletto für die Gastronomie erläutern. Zudem ging es um die dem deutschen Ordnungssinn entspringende Frage nach der Impfpriorisierung und der Generationengerechtigkeit. Die Zeit-Redakteurin Anna Mayr bemühte sich hier um Aufklärung: Müssen die Alten jetzt auf die Jungen Rücksicht nehmen? Sie sprach von einem „Wettbewerb im Gönnen“, was immer damit gemeint sein könnte. Vielleicht sollte man den in die nächste Coronaschutzverordnung aufnehmen, damit Großzügigkeit endlich seine Ordnung hat.

          Deutlich wurde, wie sehr wir uns in dem verwaltungsrechtlichen Gestrüpp unserer Pandemiepolitik verstrickt haben. Natürlich ist es völlig sinnlos, die Öffnung der Außengastronomie von irgendwelchen Voraussetzungen abhängig zu machen. Wenn der Außenraum nicht einmal mehr für Lauterbach ein Mini-Problem ist, machen Privilegien nur für Geimpfte, Genesene oder Getestete keinen Sinn.

          Vielmehr schafft ein nicht existierendes Problem eine Kaskade neuer Probleme, die immer um eine Frage kreisen: Wie kann der Staat garantieren, dass sich wirklich nur Geimpfte, Genesene oder Getestete an einen Tisch in der Fußgängerzone setzen, um einen Kaffee zu trinken? Wir brauchen also ein fälschungssicheres Überwachungssystem, damit ein nicht existierendes Risiko wirklich vermieden wird.

          In der Schweiz hat die Außengastronomie schon seit einem Monat geöffnet, bei wie in Deutschland fallenden Inzidenzzahlen. Dort gibt es die Regeln, die auch bei uns bis Oktober vergangenen Jahres in Kraft waren. Die Behörden verzichten somit auf den Versuch, sich mit nicht existierenden Problemen zu beschäftigen. Von der Schweiz ist in unseren Talkshows seltsamerweise nie die Rede, obwohl das Land mit seiner Öffnungspolitik gute Erfahrungen gemacht hat. Deutschland ist dafür mit sich selbst und seinem Ordnungssinn beschäftigt.

          Können die Wähler Idioten sein?

          Allerdings hatte Plasberg die Spanien-Korrespondentin der ARD eingeladen. Natalia Bachmayer berichtete über ihre Erfahrungen aus dem Großraum Madrid, wo die konservative Amtsinhaberin Isabel Díaz Ayuso mit dem Slogan „Freiheit“ einen in der Höhe unerwarteten Wahlsieg errungen hat. Sie habe „die Opposition zertrümmert“ und ihre Wähler könnten „nicht alle Idioten sein“, so Frau Bachmayer. In Madrid waren die Schulen in den vergangenen Monaten nie flächendeckend geschlossen. Außerdem galt die Stadt schon länger als „Europas Party-Oase“, wie es nicht nur der Berliner „Tagesspiegel“ schon Anfang März mit Erstaunen berichtete.

          Das bedeutete keineswegs Gleichgültigkeit gegenüber Covid19, machte Bachmayer deutlich. Die Stadt und die Region seien nicht zuletzt vom Frühjahr 2020 geprägt worden, als Madrid schwer von der Pandemie getroffen worden war. Auch in Madrid wird es dabei die gleichen Unzulänglichkeiten und Widersprüche in der staatlichen Pandemiebekämpfung gegeben haben wie bei uns. Den entscheidenden Unterschied beschrieb die ARD-Korrespondentin aber so: Die jungen Leute hätten „nicht so unter Druck“ gestanden. Sie besaßen noch genügend Freiräume, um ihre eigenen Einschränkungen nicht als Preis für das Überleben der älteren Jahrgänge definieren zu müssen.

          Das bestimmte auch den Umgang mit den Impfstoffen, wo in Spanien wohl niemand auf die Idee kommt, die eigene Freiheit mit der Wahl des richtigen Impfstoffs zu verbinden. Hauptsache, die Oma sei in Sicherheit, wie es der aus Madrid zugeschaltete Gast formulierte. Bei uns diskutiert man dagegen über die Frage, ob die Oma nicht mit ihrem Beharren auf den einen vermeintlich sichereren Impfstoff den Enkel schaden könnte. Wohlgemerkt: Es geht darum, ob sich junge Leute etwa zu einem Bier in der Außengastronomie treffen können.

          Was das Wetter ändert, oder auch nicht

          „Mehr Spanien wagen“, so fasste Natalia Bachmayer ihre Erkenntnisse zusammen. Für Lauterbach waren dagegen die Erfahrungen aus Madrid kein Argument. Wenn das Wetter besser werde, „werden die Zahlen auch in den Regionen zurückgehen, die sich unvernünftig verhalten haben.“ Allerdings hatte er in einem Interview mit der „Passauer Neuen Presse“ am 23. Februar noch davon gesprochen, dass an den erneut steigenden Zahlen insbesondere die ansteckenderen Virus-Mutanten Schuld seien, und daran würde auch das frühlingshafte Wetter nichts ändern. Also das gleiche Wetter, das jetzt Regionen vor den Folgen ihres unvernünftigen Handelns bewahren soll.

          Leider wurde das ebenfalls nicht bei Frank Plasberg angesprochen. Am Wetter wird es nicht gelegen haben, so die Vermutung. Dafür freuen wir uns als Zuschauer auf einen schönen Sommer. Das Schönste wird aber sein, sich solche Sendungen endlich ersparen zu dürfen.

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