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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Heimat ist mehr als heile Welt

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Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen den Begriff „Heimat“: ein schwieriges Unterfangen. Bild: © WDR/Dirk Borm

Zumeist enden Debatten über Heimat im Niemandsland zwischen Belanglosigkeit und politischer Zuspitzung. Doch Frank Plasberg hatte an diesem Abend einen intellektuellen Ordnungshüter.

          In Schabbach im Hunsrück gibt es noch kein Twitter. Das hat den Bewohnern immerhin die Aufregung über den Titel dieser „Hart aber fair“-Sendung erspart. „Heimat Deutschland – nur für Deutsche oder offen für alle?“, so fragte Frank Plasberg im Anschluss an die ARD-Dokumentation „Heimatland.“ Diese Fragestellung löste die üblichen Reflexe aus. Der Vorwurf lautet Förderung eines rechten Diskurses – außer natürlich in Schabbach.

          Dieses Dorf gibt es allerdings nicht, sondern ist der fiktive Ort einer Serie namens „Heimat – Eine deutsche Chronik“ von Edgar Reitz. Sie lief erstmals im Jahr 1984 in der ARD. Reitz war es damals gelungen, diesen politisch hochgradig kontaminierten Begriff zu enttabuisieren. Schließlich war Heimat in einem Land mit acht Millionen Heimatvertriebenen und drei Millionen Flüchtlingen aus der DDR unvermeidlich mit der Frage nach Schuld und politischer Verantwortung verknüpft. Heimatverlust war die prägende Nachkriegserfahrung und der Heimatfilm der 1950er Jahre verkörperte zugleich die Sehnsucht danach.

          Unsere deutsche Debatte ist ohne diesen Hintergrund nicht zu verstehen. Das gilt vor allem für die erstaunlichste Integrationsleistung der Nachkriegszeit: Millionen Menschen eine Heimat wiedergegeben zu haben, selbst wenn die Erlebnisgeneration den Heimatverlust nie vergessen konnte.

          Suche nach der heilen Welt

          Der Münchner Soziologe Armin Nassehi merkte bei Plasberg recht trocken an, diese Integration habe in den 1950er Jahren sogar ohne die entsprechenden Programme funktioniert. Er plädierte auch ansonsten für einen analytischen Zugang zu diesem Begriff. Dabei formulierte Nassehi zwei zentrale Erkenntnisse. Zum einen lebe „jeder Mensch in einer Lebenswelt, die ihm vertraut sein muss.“ Ein Leben ohne diese Vertrautheit sei unmöglich. Zum anderen sei der Begriff überhaupt erst entstanden, „wenn Heimat verschwunden ist.“ Er meinte damit jenen Modernisierungsprozess, der für überlieferte Lebensformen zur Bedrohung wird. Genau das hatte die Fernsehzuschauer an „Heimat“ fasziniert. Wie im fiktiven Schabbach die Widersprüche und Konflikte dieses Modernisierungsprozesses anschaulich wurden, und das unter Verzicht auf die bis dahin übliche Sentimentalität zur Schau gestellter Heimatgefühle.

          Der Plasberg-Zuschauer fragte sich nach diesen wenigen Bemerkungen fast schon, ob nicht ein Vortrag von Nassehi sinnvoller wäre als eine Diskussionssendung. So bemühten sich die anderen Gäste zwar um Definitionen des Heimatbegriffs, die aber leider eher seine Trostlosigkeit deutlich machten. Etwa wenn Hubert Aiwanger (Freie Wähler) von „ein wenig Suche nach der heilen Welt“ sprach. Zudem fand er es „schade, dass der Begriff zwischen den Polen aufgerieben wird.“ Auf der anderen Seite des politischen Spektrums grenzte sich Katrin Göring-Eckhardt (Grüne) von jener linken Perspektive ab, die Heimat nur als Inbegriff reaktionären Denkens verstehen kann. Vielmehr plädierte die Bundestagsfraktionsvorsitzende für einen „offenen Heimatbegriff“ ohne „Angst vor Abschottung.“ Dazu gehöre, „wer da ist.“ Womit sich dem Zuschauer die Frage stellte, ob zur Heimat dann sogar die AfD gehören sollte.

          Außerdem artikulierte Frau Göring-Eckhardt ihre Skepsis gegenüber Neubausiedlungen als „Kunststädte“ und sang das hohe Lied direkter zwischenmenschlicher Kommunikation. Hier hätte Aiwanger sicherlich gute Anknüpfungspunkte gefunden. Das Naturverständnis der Grünen hatte schon immer einen Fuß in der konservativen Zivilisationskritik. Dort wurden kapitalistische Modernisierungsprozesse gerne als Form der Entfremdung von einer natürlichen Lebensführung definiert. Das Landleben konnte zum Sehnsuchtsort werden, selbst wenn es noch kurz vorher als Inbegriff der Idiotie galt.

          „Freiheitliche Lebensform“

          So konnte man „fast jeden Satz zustimmen, selbst wenn sie sich widersprechen“, um Nassehi zu zitieren. Es wurden aber immerhin die Widersprüche des Heimatbegriffs deutlich. Einerseits ist es die Sehnsucht nach Vertrautheit und überschaubaren Verhältnissen. In der modernen Gesellschaft sieht das anders aus, wie es eine Personalberaterin in der ARD-Dokumentation formulierte: „Die vielen Optionen stressen uns total.“ Aber Vertrautheit bedingt soziale Kontrolle, die Frau Göring-Eckhardt mit ihren Erfahrungen des Lebens in einem Dorf in Thüringen beschrieb.

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