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TV-Kritik „Hart aber fair“ : Heimat ist mehr als heile Welt

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Nassehi sah aber in dem Verzicht auf soziale Kontrolle das Ergebnis „eines Zivilisationsprozesses“ und darin die Voraussetzung für „eine freiheitliche Lebensform.“ Ob die Digitalisierung selbst wiederum einen Angriff auf diese Freiheit ermöglicht, ist übrigens eines der zentralen Themen der kommenden Jahre. Bezeichnenderweise spielt das in der Debatte um Heimat keine Rolle, wie auch gestern Abend nicht.

Kabarettistin versus Politik-Chef

Nassehi wurde in dieser Sendung der Ordnungsfaktor, weil er der konfusen Debatte eine Struktur vermittelte. Das wurde an dem Punkt deutlich, wo es um das Problem der Zugehörigkeit ging. Die Kabarettistin Idil Baydar und Nikolaus Blome, Politik-Chef der „Bild-Zeitung“, sollten die politischen Kontroversen bei dem Thema abbilden. Das hat allerdings nicht funktioniert. So verwahrte sich Frau Baydar gegen die mit dem Etikett „türkischstämmige Migrantin“ verbundenen Zuschreibungen. Nassehi machte an einem Beispiel deutlich, was damit gemeint ist: „Wenn bei Frau Göring-Eckardt die thüringische Herkunft das einzige ist, was uns an ihr interessiert, dann hätten wir ein Integrationsproblem mit Thüringern und Thüringerinnen." Frau Baydar wollte gerade nicht als Migrantin betrachtet werden, sondern pochte auf die Selbstverständlichkeit ihrer „deutschen Sozialisation“, wie sie formulierte.

Blome sah dagegen „eine Bringschuld, wer in dieses Land kommt und sich Heimat erwerben will.“ Nur suchte er sich bei ihr die falsche Adressatin. Frau Baydar ist so gut integriert, wie jede andere in diesem Land. Sie hat ein säkulares Gesellschaftsverständnis. Sie macht zudem nicht den Eindruck, sich den Sittengesetzen und Moralvorstellungen konservativer Muslime und Türken zu unterwerfen. Mit deren Vorstellungen will sie gerade nicht identifiziert werden. Bekanntlich kommt auch niemand auf die Idee, die Thüringer etwa für die Verhältnisse in der Katholischen Kirche zur Verantwortung zu ziehen. Insofern ist ihre Position nachvollziehbar.

Die treuen Unterstützer Erdogans

Aber selbst wenn sie ihre Herkunft nur noch als unerhebliches biographisches Detail verstehen sollte, hat sie wie jeder andere Staatsbürger in diesem Land eine politische Meinung. Warum will sie die Frage von Blome nicht beantworten, warum sich ausgerechnet die in Deutschland lebenden Türken in ihrer Mehrheit als so treue Unterstützer des Präsidenten in Ankara erwiesen haben? Diese Attraktivität autoritären Denkens kann auch Frau Baydar nicht gleichgültig sein. Sie gab aber einen interessanten Hinweis auf die Sichtweise der Deutschen auf ihre türkischstämmigen Landsleute: Niemand dächte an „Wissenschaftler, Architekten oder Schriftsteller.“

Nur denken sie selbst noch an den Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk, wenn die Türken nach ihrem Selbstbild gefragt werden? Kritische Intellektuelle gelten schon längst wieder als Feinde der neuen Ordnung. Das wird Frau Baydar sicher nicht entgangen sein. Zudem bieten Einwanderergemeinschaften zweifellos eine Heimat. Nur funktioniert dort gleichzeitig noch die von Nassehi beschriebene soziale Kontrolle, um moralkonformes Handeln durchzusetzen. Mit der vermeintlichen Idylle multikultureller Gesellschaften hat das nichts zu tun.

Schraubstock sich ausschließender Identitäten

Im Vergleich dazu ist die Frage nach der „Heimatkoalition“ aus CSU und Aiwangers Freien Wählern in Bayern eher belanglos. Das gilt in gleicher Weise für das Heimatverständnis von Frau Göring-Eckhardt. Wer hat schon etwas gegen „saubere Luft in den Städten und Wlan auf dem Land“? Heimat entspringt einem menschlichen Bedürfnis nach vertrauten Lebenswelten. Sie ist nicht mit Infrastruktur zu verwechseln. Sie hat vielmehr mit einer gemeinsamen Sprache und dem Bewusstsein zu tun, einer Schicksalsgemeinschaft anzugehören. Die Deutschen mussten das schmerzhaft erleben.

Wenn Heimat in den Schraubstock sich ausschließender Identitäten gerät, werden Konflikte unvermeidlich. Sie sei „ein Ort, wo man sein kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen, dass man da ist“, so definierte Heimat Armin Nassehi. Nach dieser Definition müsste man manchen Deutschen als heimatlos bezeichnen. Ob sie stolz darauf sind, ist einstweilen noch unklar.

Jenseits dessen ist diese Selbstverständlichkeit in der Praxis schwieriger umzusetzen, als es die Formulierung suggeriert. So war diese Sendung ein weiteres Kapital in der ewigen deutschen Chronik namens Heimatsuche. Zwar ohne Edgar Reitz, dafür mit einem intellektuellen Ordnungshüter aus München in Plasbergs Mitte. Er wurde gebraucht.

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