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TV-Kritik: Hart aber fair : Kann Europa Krise?

TV-Moderator Frank Plasberg Bild: WDR/Stephan Pick

Kaum ein gutes Wort für Brüssel: Bei Frank Plasbergs Gästen bricht sich der aufgestaute Frust über das europäische Impfchaos Bahn. Star der Runde ist der Heinsberger Landrat Stephan Pusch. Mit ihm sollte Ursula von der Leyen dringend telefonieren.

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          Alle sprechen vom Wetter, nur das Erste Deutsche Fernsehen hält eisern an Corona fest. Dieses Mal geht es bei „Hart aber fair“ jedoch nicht um Impfprivilegien oder Lockdown-Lehren, sondern um Europa. Genauer: Um die Frage, ob die Europäische Union die pandemische Krise bis jetzt angemessen bewältigt, ob sie ihre Bürgerinnen und Bürger gut beschützt und gemeinsam Stärke gezeigt hat.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Ursula von der Leyen, die im Dezember 2019 aus dem Hut gezauberte Präsidentin der EU-Kommission, hat am vergangenen Sonntag in der F.A.S. Fehler zugegeben. Allerdings nicht mit Blick auf die schleppende Beschaffung von Impfstoff, sondern im Zusammenhang mit ihrer Kommunikationsstrategie. Man hätte „früher auf allen Ebenen überhöhte Erwartungen an eine schnelle Impfung“ dämpfen müssen, so die ehemalige deutsche Familien-, Arbeits- und Verteidigungsministerin selbstkritisch. Dass andere Länder im Kampf gegen die Pandemie schneller aus dem Startblock gekommen seien, so die passionierte Sportreiterin, sei allerdings unerheblich, denn „der Kampf gegen die Pandemie ist kein Sprint, sondern ein Marathon“.

          „Thank God we left“

          2,7 Prozent der europäischen Bevölkerung sind bis heute geimpft. Dem stehen 18 Prozent im ehemaligen EU-Staat Großbritannien gegenüber. Dort titeln die Boulevardblätter hämisch: „Thank God we left“, „Gott sei Dank, sind wir draußen“. Reicht da der Hinweis auf einen Marathon als Verteidigung aus? In Plasbergs schnippischen Worten: Kann Europa Krise?

          Bei der Beantwortung dieser Frage hat an diesem Fernsehabend eigentlich nur einer wirklich Interessantes zu sagen: Stephan Pusch, CDU-Landrat von Heinsberg, jenes Kreises, der als erster Corona-Hotspot in Deutschland in die Schlagzeilen kam. In einem als Videobotschaft festgehaltenen Wutausbruch hatte er Ende Januar den EU-Verantwortlichen vorgeworfen, das „kleine Einmaleins der Betriebswirtschaft“ nicht zu beherrschen. Jeder Landwirt im Kreis Heinsberg, so der aufgebrachte Pusch, hätte den Vertrag über Impfstoff besser verhandelt als die EU.

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          Das waren harte Worte eines Mannes, der in seiner Kommune allerdings auch immer stärker als Blitzableiter für die Wut der Menschen fungiert und etwa erklären muss, warum Mitte Dezember in Windeseile Impfzentren mit einer Behandlungskapazität von bis zu tausend Menschen täglich hochgezogen wurden, in denen jetzt aber nur ein paar Dutzend geimpft werden. Oder Lockerungen in Nachbarländern beschlossen werden, die eine deutlich höhere Inzidenz aufweisen als Deutschland.

          Das Vertrauen der Menschen in Europa, so Pusch, werde gerade auf eine harte Probe gestellt. Alles mache den Eindruck, als ob die EU in ihrem Krisenmanagement versagt habe. Das sei im Grunde auch kein Wunder, so der studierte Rechtswissenschaftler – dessen rheinländischer Tonfall ihn einen Hauch bodenständiger wirken lässt als er in Wahrheit denkt – denn die EU sei strukturell darauf ausgerichtet, Gesetze zu machen und nicht Krisen zu bewältigen. Es habe „der klare Auftrag“ gefehlt, der angesichts des zu erwartenden weltweiten Runs auf Impfstoffe hätte lauten müssen: „Alles ist billiger als der Lockdown, also kauft, koste et wat et wolle“. Aber das habe man in Brüssel nicht verstanden. Wer ist man? Wer ist schuld?

          Rolf Dieter Krause, langjähriger Leiter des ARD Studios Brüssel, wirft einen Blick hinter die Kulissen. Ursula von der Leyens Führung in der Krise sei schwach bis ahnungslos. Im entscheidenden Moment, der Verhandlung mit den Pharma-Riesen, hätte sie ihre politisch leichtgewichtige Gesundheitskommissarin aus dem Weg geräumt und durch eine Verhandlungsführerin ersetzt, die sich zwar in der Handelspolitik, nicht aber mit der Pharmaindustrie ausgekannt habe.

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