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TV-Kritik: „hart aber fair“ : Ein Fall für den Presserat

  • -Aktualisiert am

Jens Gnisa bemängelt das Durcheinanderwerfen von Tatbestand und Tatfolgen. Auch Gerhart Baum verwehrt sich gegen den Versuch des Verallgemeinerns. Bewährungsstrafen seien bei Jugendlichen angebracht. Julian Reichelt redet, um seine unhaltbare Position zu nobilitieren, von einem systemischen Problem. Gerichtsreporterin Friedrichsen fährt ihm in die Parade und erinnert an den tatsächlichen Sachverhalt, was den Pranger-Anhänger Reichelt nicht davon abhält, weiter Unfug zu verbreiten.

Pranger „Bild“

Der nächste Fall gibt Gelegenheit, das Rechtsverständnis Julian Reichelts zu studieren. Sein Blatt hat sich in einem Hamburger Fall dazu entschieden, den vollständigen Namen des Angeklagten zu nennen und ein Bild von ihm zu drucken. Die Schlagzeile „Sperrt ihn endlich für immer weg!“ wurde zum Vorboten einer beispiellosen Gerichtsschelte, als der Beschuldigte nur zu einer Freiheitsstrafe ohne anschließende Sicherheitsverwahrung verurteilt wurde. Tatsächlich war es nicht abermals zu sexuellem Missbrauch gekommen, sondern nur zu Verstößen gegen gerichtliche Auflagen. Aber das interessiert den Hobbyforensiker aus der Bild-Redaktion nicht die Bohne. Er glaubt zu wissen, was richtig ist. Das reicht ihm. Gerhart Baum und Jens Gisa argumentieren auf verlorenem Posten gegen ein ungesundes Rechtsempfinden, das dem Bild-Mann im Studio des Gastgebers unverdienten Applaus einträgt.

Plasbergs Frage, ob Reichelt nun Ankläger und Richter in einer Person sei, bleibt unbeantwortet. Er geht ihr auch nicht mit der nötigen Insistenz weiter nach.

Richter Gnisa widerspricht dem Eindruck von Milde der Strafjustiz. Tatsächlich landen Straftäter im Fall von sexuellen Missbrauch von Kindern überdurchschnittlich häufig im Anschluss an ihre Haft in der Sicherungsverwahrung. Plasberg fragt den Richter, ob er froh darüber sei, das Foto des Straftäter zu kennen, wenn er selbst in der Gegend Kinder habe. Es fehlt nicht mehr viel und er bahnte einer Lynchjustiz den Weg ins Rechtsempfinden.

Ein Fall für den Presserat

Richter Gnisa bleibt sachlich und erinnert daran, dass die meisten Fälle von Kindesmissbrauch im Umfeld der Familien und ihrer Freunde geschehen und durchaus nicht dem Stereotyp des Täters entsprechen, das Bild-Mann Reichelt verbreitet. Gisela Friedrichsen weist darauf hin, dass gerichtlich angeordnete Sicherungsverwahrung an hohe Bedingungen geknüpft sei. Da zieht Reichelt eine Grimasse. Als sei es eine Jagdtrophäe, die er ins Studio hält, sagt er voraus, der Hamburger Straftäter werde Sicherungsverwahrung bekommen, „beim nächsten Mal“. Was für ein schrecklicher Triumph! Als Wiederholungstäter mit Vorsatz ist Reichelt mit diesem Aufritt ein Fall für den Presserat.

Systemversagen

Die nächste Fallgeschichte ist bedrückend. Gerichte, Strafverfolger und das Jugendamt haben zum Nachteil eines neunjährigen Jungen versagt, der von seiner Mutter und ihrem Lebenspartner missbraucht und mehreren Pädophilen zum Missbrauch angeboten wurde. Der mehrfach verurteilte Mann hatte gegen gerichtliche Auflagen verstoßen und war bei der Mutter eingezogen. Das Jugendamt erfährt davon und nimmt den Jungen in Obhut. Das Familiengericht entscheidet auf Betreiben der Mutter, den Jungen wieder zurück zu ihr zu lassen. Das Drama geschah in Zeitlupe.

Dass ein System versagt hat, scheint offenkundig. Aber jede Dienststelle, jedes Gericht hat auf die dargelegten Sachverhalte mit Scheuklappen geschaut, einer verlogenen Mutter zuliebe entschieden. Es ist kein Trost, dass diese monströse Geschichte ein Einzelfall ist. Gerhart Baum konstatiert grobes Behördenversagen. Friedrichsen bemängelt, das Kind sei anwaltlich nicht vertreten und auch nicht untersucht worden. Die Mutter habe Gericht und Behörden sehr gekonnt belogen.

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