https://www.faz.net/-gqz-9ou5v

TV-Kritik „Hart aber fair“ : Ein Abschiedslied für von der Leyen

  • -Aktualisiert am

Bei „Hart aber fair“ ging es um die Personalentscheidungen in der europäischen Politik. Bild: WDR/Dirk Borm

Abermals geht es in der Talkshow von Frank Plasberg um die anstehenden Personalentscheidungen in der EU. Eine Frage wird an diesem Abend allerdings nicht gestellt.

          Mit Thomas Freitag saß bei Frank Plasberg ein Kabarettist in der Runde, der an den schwermütigen Narren in „König Lear“ erinnert. Dass er Wahrheit für zumutbar hält und Lachen als Medizin verabreicht, das fällt den drei politischen Gästen nicht auf, weil sie zu verbissen ins Kleinklein sind. Fast wollte man ihnen zuflüstern, sie sollten aus ihren Rollen heraustreten, um sie besser zu erfüllen.

          Eine Frage bleibt an diesem Abend ungestellt. Es gab mit Michael Roth einen leibhaftigen Kandidaten für eine andere Position, um die man sich nicht gerade reißt: die Position des nächsten Vorsitzenden der SPD. So kleinlich aber, wie Roth argumentiert, so reden schlimmstenfalls Whips, keine Versöhner. Wie findet die SPD zu einer Stimme, die politische Neugier weckt? Kaum durch Erbsenzählerei.

          Sängerkrieg um Straßburg?

          Plasbergs Redaktion hat den Mund etwas zu voll genommen. An der „Echtheit“ der Spitzenkandidaten mag es vielleicht in Deutschland wenig Zweifel gegeben haben, anderswo blieben sie schlicht unbekannt. Ob die erfreulich hohe Wahlbeteiligung ihnen zuzurechnen ist oder dem insgesamt gewachsenen Interesse an europäischer Politik, das ist nicht ausgemacht. Noch gibt es keine transnationalen Listen, leider auch keine richtige Elefantenrunde wie zuletzt 1987. Auch hier ist es der ernste Narr Thomas Freitag, der sich darüber wundert, warum ein Format wie der European Song Contest nicht als Vorbild für einen politischen Sängerkrieg um Sitz und Stimme in Brüssel und Straßburg dient.

          Die Sitzungen des Europäischen Rats finden unter medialer Belagerung statt. Wer dennoch von „Hinterzimmer“ und „Kungelei“ schwafelt, verabreicht dem falschen Affen Zucker und baut einen Pappkameraden auf, der leicht aus den Angeln zu heben ist. Mehr Mut täte gerade diesem Format gut, indem es das Zustandekommen von politischen Beschlüssen genauer darstellt als mit solchen Floskeln.

          Thomas Freitag erinnert an Willy Brandts erste Regierungserklärung als Bundeskanzler und den Satz „Wir wollen mehr Demokratie wagen“. Die Opposition hat damals getobt. Unerhört! Jetzt sei es abermals Zeit, einen solchen Satz zu wagen. Warum muss ihn der Narr in der Runde sagen? Nicht mal Michael Roth kommt auf die Idee. Schade, oder?

          Ska Keller von den Grünen diskutiert mit Frank Plasberg.

          Daniel Caspary, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, behauptet, er sei so schockiert wie die Wähler gewesen, als die Entscheidung des Europäischen Rats für Ursula von der Leyen bekannt wurde. Aber weil sie seine Parteifreundin ist, nimmt er diese Realität billigend zur Kenntnis. Rätselhaft bleibt, warum er behauptet, seine EVP-Fraktion sei in der Sache Opfer, nicht Täter gewesen. Warum hat sie nicht geschafft, was Martin Schulz und Jean-Claude Juncker 2014 hinbekamen? Wollten sie lieber früh ins Bett, als Entscheidungen am Abend der Wahl auszuhandeln? Natürlich werde er nächste Woche nicht mit „nein“ stimmen, weil der „Ersatz“ für Manfred Weber hervorragend sei. Donnerlittchen! So kann man sich in den Verhältnissen irren.

          Heuchelei für einen Blumentopf

          Martin Roth bläst in das gleiche Horn, nur von der anderen Seite, deshalb kommt auch nur ein gequetschter Ton heraus: Er lobt von der Leyens pro-europäische Haltung, hält es aber für fatal, wenn eine Präsidentin der Europäischen Kommission durch einen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages an der Ausübung ihres neuen Amtes behindert würde.

          Worin besteht seiner Meinung nach die Krise der Demokratie? Dass die gewählten Abgeordneten trotz ihrer Spitzenkandidaten keine Mehrheit hinbekamen? Oder weil ihnen, deswegen, eine andere Kandidatin vor die Nase gesetzt wurde? Frans Timmermans hat einen bemerkenswerten Wahlkampf geführt und von denjenigen, gegen die er an vorderster Stelle argumentiert hat, die rote Karte gezeigt bekommen. Sein Eintreten für den Rechtsstaat hat diejenigen auf die Palme gebracht, gegen die das Europäische Parlament mit Zweidrittelmehrheit ein Verfahren wegen Verstößen gegen rechtsstaatliche Prinzipien eingeleitet hat. Darüber, dass die Visegrad-Staaten in einer solchen Situation ein Bündnis mit dem französischen Präsidenten schmieden, darüber hätte man sich trefflicher aufregen können.

          Weitere Themen

          Gut erfunden ist anders wahr

          Filmfestival von Locarno : Gut erfunden ist anders wahr

          Zwischen Spiel und Dokumentation, Hollywood, Lissabon und Nordafrika: Das Filmfestival von Locarno hat gezeigt, was ein breites Kunstspektrum im Kino heute bedeutet.

          Topmeldungen

          Proteste in Hongkong : „Wenn sie kommen, gehen wir einfach nach Hause“

          Hunderttausende protestieren in Hongkong gegen die chinesische Regierung. Von Einschüchterungen aus Peking und der Drohung, die Proteste mit Gewalt niederzuschlagen, lassen sie sich nicht einschüchtern.
          Roboter und Algorithmen übernehmen immer mehr unserer Arbeit, deswegen muss sich auch die Art der Altersversorgung ändern.

          Die DigiRente : Neue Altersvorsorge für die digitale Ära

          Wie die Menschen beim Einkaufen zu Anteilseignern digitaler Maschinen und Algorithmen werden und damit sinnvoll Altersvorsorge betreiben und Vermögen bilden können. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.